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Spannendes Abenteuer für dunkle Nächte

  • vonKatrin Hanitsch
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Bei der bislang größten Arktis-Expedition war das Schiff "Polarstern" monatelang an einer Eisscholle festgefroren. Mit an Bord war die Fotografin Esther Horvath. Ihr Bildband "Expedition Arktis" zeigt eine bizarre Welt, die es bald so nicht mehr geben wird.

Heute geht es um Gegensätze, um Ernstes, um Närrisches und um Spannendes. Knapp ein Jahr lang war das Expeditionsschiff "Polarstern" in der Zentralarktis. Die Kälte war eine Herausforderung für die Crew und die Fotografin, die mit an Bord war. Der dabei entstandene Bildband will aber vor allem auf die ernsten Probleme hinweisen, vor denen die Arktis steht. Ebenfalls ein Jahr lang war Manuel Andrack unterwegs, allerdings in völlig anderer Mission: Er spürte den Bräuchen und Traditionen des Karnevals nach. Und die Spannung? Die gibt es heute im Kinderbuchtipp für die jüngeren Leser. kan

Als die zerzauste Violet Parma in seinem Fundbüro im Grand Nautilus Hotel in Eerie-on-Sea auftaucht, ahnt der zwölfjährige Herbie Lemon noch nicht, in was für ein Abenteuer sie ihn ziehen wird. Violet hofft, unter seinen Fundstücken Hinweise auf ihre verlorenen Eltern zu entdecken. Doch der Koffer ihres Vater, der lange bei Herbie aufbewahrt wurde, ist verschwunden. Ob die Besitzerin der Bücherapotheke den Kindern weiterhelfen kann? Dort empfiehlt ein mechanischer Meeraffe jedem Menschen genau das Buch, das er gerade braucht - und für Violet sucht er das über den Malamander heraus, ein sagenumwobenes Meeresungeheuer, dessen Ei demjenigen, der es an sich nimmt, alle Wünsche erfüllt.

Doch die beiden Kinder sind nicht die Einzigen, die sich für den Malamander interessieren. Auch der Schriftsteller Sebastian Eels will mehr über die Legende erfahren und hofft, über Violet an die letzte fehlende Seite eines Manuskript ihres Vaters zu kommen, in dem dieser alles über die jahrhundertealte Legende versammelt hat.

Kryptozoologie, exotische Fundsachen, ein geheimnisvolles Fossilsurium und die über allem liegende Frage nach der Existenz des Malamanders machen das Buch zu einem außergewöhnlich spannenden Leseabenteuer! Immer wieder zieht der eisige Meernebel durch die Straßen, es geht auf die dunkelste Nacht des Jahres zu und Schneeflocken taumeln durch die Nacht… Thomas Taylors "Malamander" ist genau das richtige Buch für genau diese Jahreszeit - grandiose Lektüre für alle unter euch, die das Fantastische lieben, verrät euch heute eure Maren

Thomas Taylor: Malamander. Die Geheimnisse von Eerie-on-Sea. Aus dem Englischen von Claudia Max. München: Carl Hanser Verlag, 2020. 281 Seiten. 17 Euro. Ab 10 Jahre.

Die traditionellen großen Karnevalsfeiern wird es in dieser Saison wegen der Corona-Pandemie nicht geben - und ausgerechnet jetzt erscheint ein Buch von Manuel Andrack über den Karneval. Ausgerechnet jetzt? Gerade jetzt! Denn der locker-leicht geschriebene Erfahrungsbericht "Mein Jahr als Narr" bietet Jecken in dieser humorarmen Zeit immerhin ein bisschen Balsam für die Seele.

Selbst in der Bütt

Andrack (55), gebürtiger Kölner und bekannt als Sidekick von Unterhaltungskünstler Harald Schmidt, war ein Jahr im Karneval unterwegs, und zwar in ganz Deutschland und einigen Nachbarländern. Natürlich war das vor Corona, als im närrischen Bereich noch alles gut war. Aber Andrack kriegt den Dreh, indem er in einem Vorwort auf die aktuelle Situation eingeht.

"Nun ist ›Mein Jahr als Narr‹ zu einer Reportage aus einer fernen Zeit geworden, als man noch eng beieinander am Zugweg stand, bei Sitzungen schunkelte, sang und Bützen der Normalfall und kein Angriff auf die Gesundheit war", schreibt Andrack da - und gibt sich zuversichtlich: "Ich bin mir aber sicher, dass es einen kompletten närrischen Lockdown während der tollen Tage nicht geben wird." Nun ja, warten wir es ab.

Andrack nimmt die Leser mit auf eine launige Reise in große Hochburgen und kleine Orte, in denen der Karneval eine wichtige Rolle spielt - und lernt dabei Brauchtum kennen, das ihm als eingefleischtem Jecken bis dahin unbekannt war.

So startet er kurz nach dem Aschermittwoch 2019 mit dem "Morgestraich" in Basel, "einer für mich als kölscher Jung etwas schrägen Version der fünften Jahreszeit". Dort beginnt um 4 Uhr morgens der Zug der Fastnachtscliquen - bei dem die Zuschauer nicht verkleidet sind: "Kommt bloß nicht auf die Idee, euch kostümiert, womöglich auch noch geschminkt oder mit Pappnase, unter die Cliquen zu mischen."

Andrack besucht das ostbelgische Städtchen Stavelot, wo mitten in der Fastenzeit Karneval gefeiert wird, und ei- nen "Larvenschnitzer" in Rottweil, der Holzmasken für die Schwäbisch-Alemannische Fastnacht schnitzt. Er spricht mit Psychologen und Volkskundlern und baut historische Daten zur Geschichte des Karnevals ein.

Im Mainzer Fastnachtsmuseum lässt er sich die Funktion der Bütt - des Rednerpults - erklären und stellt fest, dass "die Bütt im Sitzungs-Karneval immer weniger gebraucht wird, der Trend geht Richtung Comedy und Musik, weg von den gereimten Politik-Sottisen". Im saarländischen Merzig tritt Andrack bei einer Sitzung dann als Büttenredner auf - und erzählt mit einer guten Prise Selbstironie, wie seine Rede nicht so richtig beim Publikum ankommt.

Natürlich widmet Andrack sich gleich in mehreren Kapiteln dem Kölner Karneval - wobei der 11. 11. dort schlecht bei ihm wegkommt: "Ich trete auf Glasscherben, Konfettireste, der ganze Boden klebt", "überall besoffene Jugendliche", stellt er fest. "Liegt es daran, dass ich schon ein spießiger Mittfünfziger bin, dass ich diese ›Feier‹ eher als Vorstufe einer Sodom-und-Gomorrha-mäßigen Verwüstung betrachte, nicht als fröhliches Fest?"

So kommt es, dass Andrack hier tatsächlich Düsseldorf den Vorzug gibt: "Bis zur Trendumkehr bevorzuge ich doch eher ›intimere‹ Karnevalsveranstaltungen wie das Fest zum Hoppeditz-Erwachen in der ›verbotenen Stadt‹."

Unbestrittener Höhepunkt ist für den Autor, der bisher vor allem Wanderführer geschrieben hat, natürlich der Kölner Rosenmontagszug. Andrack darf als kamellewerfender Gast des Traditionscorps "Rote Funken" mitlaufen: "Das Glück, in dieser Uniform durch die schönste Stadt am Rhein gehen zu dürfen, dieses Glück ist gigantisch." Das mag einem karnevalfernen Leser zwar mächtig dick aufgetragen erscheinen - lässt jecke Herzen in diesen Zeiten aber wohl höher schlagen. dpa

Manuel Andrack: Mein Jahr als Narr. Dem Geheimnis von Karneval, Fasching, Fastnacht auf der Spur, dtv Verlag, München, 336 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-423-26 276-7

Es war ein spektakuläres Unterfangen: Im Herbst 2019 startete der Eisbrecher "Polarstern" von Norwegen in die Zentralarktis, um dort mit dem Eis mit zu driften. Erst im Sommer 2020 wurde er wieder "ausgespuckt". Mit an Bord: internationale Wissenschaftler, die in einem Hotspot des Klimawandels eine schwindende Welt vermessen sollten.

Fotografisch begleitet wurde die "Mosaic"-Expedition vier Monate lang von der Fotografin Esther Horvath. 160 ihrer Werke sind nun im 288 Seiten starken Bildband "Expedition Arktis - Die größte Forschungsreise aller Zeiten" erschienen. Die Fotos gewähren einen Einblick in eine Welt, die es bald so nicht mehr geben wird. "Wir müssen uns von der Arktis, wie wir sie kennen, verabschieden. … Die einst mächtigen, meterdicken Schollen werden dünner werden und immer seltener mehrere Jahre überdauern", schreiben Esther Horvath und ihre Mitautoren Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider.

Der Bildband zeigt, wie sich die Wissenschaftler auf die Expedition vorbereiteten: mit Schießtraining auf Eisbärattrappen, Tauchen in Überlebensanzügen sowie Feuerübungen. Schließlich taucht der Leser zusammen mit der "Polarstern" in die eisige Zentralarktis ein. Bevor die Forscher eine sommerliche Arktis mit einer nie gekannten Meereisschmelze dokumentierten, erlebten sie in der Polarnacht eine bizarre Welt mit gefühlten Temperaturen von minus 65 Grad, 150 Tagen Dunkelheit und mächtigen Stürmen, die das Eis in Bewegung hielten. "Knirschen und krachend schiebt es sich zu meterhohen Türmen zusammen", schreibt das Autoren-Trio.

Esther Horvath fängt mit der Kamera diese unwirtliche Welt, die für die Forscher täglicher Arbeitsplatz ist, mit einem Gespür für den perfekten Moment ein: Auf einem Foto bepacken die Wissenschaftler ihre Schneemobile, um das Forschungscamp auf dem Eis aufzubauen. Ein anderes zeigt drei Forscher in der Polarnacht, wie sie sich als dunkle Gestalten auf dem Eis bewegen; der Weg wird nur durch ihre Stirnlampen und die entfernten Scheinwerfer der "Polarstern" beleuchtet.

Horvath dokumentiert neben der harten Arbeit auch die Freizeit der Forscher. Ein Foto zeigt eine Expeditionsteilnehmerin, wie sie auf dem Außendeck Gymnastik macht. Um sie herum ist nur Eis: auf der Treppe, der Reling, dem Boden. Trotzdem hat sie ihre gefütterten Stiefel ausgezogen.

Ein anderes Foto zeigt, wie Teilnehmer im Dunkeln Fußball auf der Scholle spielen, mit der die "Polarstern" mitdriftet. Im Hintergrund liegt majestätisch das leuchtende Schiff. Horvath beschreibt in dem Buch, wie sie mit der Kälte kämpfte: "Am schlimmsten waren die kalten Hände. Die Kamera ist aus Metall und leitet die Temperatur sehr stark. … Manchmal schmerzten die Hände so sehr, dass mir Tränen übers Gesicht liefen." Auch die Schneestürme machten ihr zu schaffen: "Oft wusste ich nur ungefähr, wo der Fokus lag." Diese erschwerten Bedingungen merkt man den Fotos, die stimmungsvoll mit Licht und Dunkelheit spielen, nicht an. Für ein Bild bekam sie sogar den renommierten "World Press Photo Award": Eine Eisbärenmutter und ihr Junges erkunden darauf das Forschungscamp.

Esther Horvath, "Expedition Arktis - Die größte Forschungsreise aller Zeiten", 288 Seiten, 160 farbige Abbildungen, 24 x 30 cm, Hardcover, Oktober 2020, 50 Euro, ISBN 978-3-7913-8669-0.

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