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Spannende Reise durch die deutsche Geschichte

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Der renommierte Historiker Heinrich August Winkler hat in seinem voluminösen Standardwerk »Der lange Weg nach Westen« die Geschichte des deutschen Nationalstaates, seines Werdens und seiner Irrwege erzählt. In »Wie wir wurden, was wir sind« legt er ergänzend in kompakter Form »Eine kurze Geschichte der Deutschen« (so der Untertitel) vor. Die 255 Seiten sind ideal, um die Geschichtskenntnisse wieder einmal zu »boostern« (aufzufrischen), wie es neudeutsch heißt.

Die Vorgeschichte des 18. Jahrhunderts nimmt nur wenige Seiten ein, der Autor marschiert mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch Mittelalter und frühe Neuzeit. Den meisten Platz widmet Winkler dem 20. Jahrhundert. Besonders interessant ist seine Schilderung der Auflösung der Weimarer Republik.

Von 1930 bis 1933 gab es keine parlamentarisch legitimierte Regierung, was Adolf Hitler das Geschäft erleichterte. Dennoch erzielten die Nazis bei der letzten freien Wahl im November »nur« 33,1 Prozent der Stimmen. Dass Hitler Reichskanzler werden konnte, verdankte er der Kamarilla um den greisen Reichspräsident Paul von Hindenburg. Es bestand, selbst von damals aus gesehen, trotz Staatskrise wirklich keine Notwendigkeit dazu.

Aus den letzten 50 bis 60 Jahren wird dem Leser, der die Politik seit den Zeiten von Willy Brandt beobachtet, wenig Neues erzählt - wäre da nicht jener kontroverse Topos, den Winkler durch das ganze Buch verfolgt, und den er auch in aktuellen Zeitungskommentaren immer wieder behandelt: Winkler glaubt, dass die deutsche Begeisterung für Europa auch mit dem untergründig fortwirkenden Reichsmythos zu tun habe. Dieser werde jetzt aber - da verbunden mit dem Schuldgefühl wegen des Holocaust - von der Nation auf Europa projiziert. In keinem anderen EU-Staat sei der Drang, in Europa aufzugehen, so groß wie in Deutschland. Alle anderen wollten eher einen Staatenbund als einen Bundesstaat.

Winkler findet viele Spuren jener Europa-Tendenz bereits in der alten Bundesrepublik zur Zeit der deutschen Teilung. 1970 nannte der Historiker Karl Dietrich Bracher die Bundesrepublik »eine postnationale Demokratie unter Nationalstaaten«. Zuvor hatte sogar Franz Josef Strauß (CSU) darüber spekuliert, ob die Bundesrepublik in Europa aufgehen könnte, war aber in der Union auf keine Gegenliebe gestoßen. Nach der Wiedervereinigung von 1990 wurde die Idee vor allem von der politischen Linken aufgegriffen. Sie fürchtete, Deutschland allein könne zu stark werden. Maastricht und der Euro, legt Winkler nahe, dienten dem sozialistischen Präsidenten Frankreichs, François Mitterrand, auch dazu, Deutschland in Europa einzubinden.

Das alles ist nachvollziehbar, es bleibt allerdings die Frage, ob zum Beispiel grüne Politiker, die Europa tendenziell wichtiger als Deutschland finden, hier wirklich eine irgendwie unvollendete Reichsidee weiterverfolgen. Es ist aber sicher etwas dran an Winklers Vermutung, dass diese Art von Idealismus eine Fortsetzung der Romantik ist. Die Mischung von deutscher Bescheidenheit (wir wollen klein bleiben) und moralischem Hochmut (die anderen sollen sich nach uns richten), die in der EU misstrauisch beäugt wird, ist sicher im geschichtlichen Sonderweg Deutschlands begründet.

Denn, wie Winkler schreibt, kompensierten die deutschen Intellektuellen im 18. und 19. Jahrhundert den fehlenden Nationalstaat mit viel Innerlichkeit und Moral. D. Sattler

Heinrich August Winkler: »Wie wir wurden, was wir sind«, C.H.Beck, 255 Seiten. 22 Euro, ISBN 978-3-406-75651-1

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