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Der Sonnenschirm

  • Manfred Merz
    VonManfred Merz
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»Ich hab’s gleich...«

»Das ist gut.«

»Geht es so?«

»Ja.«

»Soll ich ihn noch etwas drehen?«

»Nein.«

»Ist es so wirklich gut?«

»So ist es gut.«

»Und so?«

»Ja, so auch.«

»Aber die Sonne scheint dir ins Gesicht.«

»Nein.«

»Ich sehe es doch.«

»Ich setze mich anders hin.«

»Das musst du nicht.«

»Ich möchte aber.«

»Ist es so besser?«

»Viel besser.«

»Dann ist es gut.«

Als ich die Terrasse betrat, justierte Leo gerade für seine Nora den neuen Sonnenschirm. Eigentlich hätte ich ihm beim Aufbau helfen sollen.

Leo rief: »Ist das nicht ein Prachtexemplar? Vier Meter Spannweite, verzinktes Stahlrohr, Kurbel aus Titan, abwaschbarer Polyester-bezug. Unser Mega-Shadowliner.«

Ich sagte anerkennend: »Und du hast ihn allein aufgebaut.«

Leo stemmte eine Hand in die Seite: »Das ging eins, zwei.«

Der Mega-Shadowliner ragte am Ende der Terrasse empor wie ein finsteres Ungeheuer, das seine vielen Arme Tentakeln gleich bedrohlich in alle Richtungen streckte.

Nora saß im geblümten Badeanzug mit angewinkelten Beinen auf ihrer sonnen- gelben Liege und schaute mich an: »Ist der Schirm nicht ein bisschen finster?«

Bevor ich etwas sagen konnte, sagte Leo: »Schatz, du wolltest doch einen grauen Sonnenschirm.«

»Aber einen in freundlichem Hellgrau.«

»Nun ist es freundliches Meteoritengrau.«

Ich sagte: »Jedenfalls wirft der Schirm mächtig Schatten.«

Nora zog die Beine an: »Ich muss mich nur ein bisschen anders hinsetzen.«

Leo rief: »Schatz, ich kann den Schirm drehen.« Leo drehte den Schirm. »Und schwenken.« Leo schwenkte den Schirm. »Ist es so gut?«

Nora rutschte auf der Liege hin und her. »So ist es gut.«

»Wirklich?«

»Du hast den Schirm genug gedreht.«

»Ich kann ihn noch etwas schwenken.«

»Nein, nein.«

»Ich hab’s gleich.«

»Es ist so in Ordnung.«

Leo sah mich an: »Wegen ihrer Sonnenallergie braucht Nora Schatten auf der Terrasse.«

Nora sagte: »Das ist die Südseite.«

Ich überlegte: »Hattet ihr hier früher nicht sowieso Schatten - trotz Südseite?«

Nora nickte: »Wir hatten den Fliederbaum.«

»Wo ist er hin?«

»Da steht jetzt der Schirm.«

Ich staunte: »Ihr habt den Baum wegen des Sonnenschirms gefällt?«

Leo sagte: »Bei vier Metern Durchmesser hätten wir den Schirm sonst niemals aufstellen können.«

Ich sah die beiden an.

Nora sagte: »Der Baum fehlt mir ein bisschen.«

Leo sagte: »Der Baum war viel zu groß.«

Nora nickte: »Das war gut.«

Leo nickte ebenfalls: »Und im Herbst warf er seine Blätter ab.« Er machte mit der Hand eine kreisrunde Bewegung über die Terrasse. »Alles war voller Flieder.«

Ich sagte: »Im Frühsommer duftete es.«

Nora nickte: »Das wird mir fehlen.«

Leo wiegelte ab: »Zwei Wochen im Jahr roch es nach Flieder. Und fünfzig Wochen im Jahr stand der Baum dumm rum.«

Ich sagte: »Er spendete Schatten.«

Nora schaute ihren neuen Sonnenschirm an: »Irgendwie wirkte der Baum natürlicher.«

Leo sagte: »Das liegt nur daran, dass der Sonnenschirm neu ist.«

Nora war nicht überzeugt.

Leo schob ein Argument nach: »Jetzt haben wir Schatten, wo wir Schatten haben wollen.«

Nora nickte.

Leo sagte: »Und wenn du dich mal sonnen willst, kurble ich den Schirm einfach zu.«

Ich sagte: »Und Noras Sonnenallergie?«

Leo war in Fahrt und nicht aufzuhalten. »Das geht kinderleicht.«

Er kurbelte den Schirm in Windeseile zu. Die Bespannung sackte nach unten und hing um die Mittelstange wie ein großes Batman-Cape. Nora saß im Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen.

Leo kurbelte den Schirm wieder auf. »Entschuldige, Schatz.« Dann sagte er zu mir: »Versuch du mal.«

Ich sah Nora an.

Sie sagte: »Du machst ihn ja gleich wieder auf.«

Ich kurbelte den Sonnenschirm zu. Es ging tatsächlich kinderleicht. Nora saß im Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen. Ich öffnete den Sonnenschirm - zumindest versuchte ich es. Doch der Mechanismus hakte. Nora saß zur Hälfte im Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen.

Leo sagte: »Lass mich mal.«

Er griff zur Kurbel. Sie hakte. Leo drehte kräftiger. Da gab es einen lauten Knacks, und er hielt die Kurbel in der Hand. Die Bespannung des Schirms sank herunter. Nora saß wieder komplett im Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen.

Leo staunte: »Die Kurbel kann nicht kaputtgehen. Sie ist aus Titan.«

Er steckte seinen Kopf unter den zusammengefalteten Schirm. »Vielleicht hat sich was ausgehängt.«

Nora sagte: »Ich gehe besser nach drinnen.«

Leo rief: »Warte, Schatz, ich hab’s gleich.«

Nora wartete.

Die Bespannung hob sich ein wenig. Nora saß nur noch zur Hälfte im Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen.

Leo sagte zu mir: »Drück mal die beiden Stangen hier nach oben.«

Ich griff mir zwei der Tentakeln und drückte sie so weit wie möglich nach oben. Die Sonne schien mir ins Gesicht.

Leo rief: »Noch ein bisschen weiter.«

Ich versuchte es.

Nora sagte mit zusammengekniffenen Augen: »Ich gehe besser nach drinnen.«

Leo rief unterm Schirm: »Ich hab’s gleich.«

Nora ging hinein. Ich drückte weiter die Stangen nach oben. Die Sonne brannte.

Ich sagte zu Leo: »Was machst du?«

Er raunte: »Ich repariere die Kurbel.«

»Ist sie kaputt?«

»Nein.«

»Was reparierst du dann?«

Leo sagte kleinlaut: »Ich hatte die Kurbel falsch montiert.«

»Und jetzt?«

»Jetzt dreh dich mal ein bisschen.«

»So?«

»Ja.«

»Und?«

»Noch etwas weiter.«

»So?«

»Ja.«

»Und?«

»Hab Geduld.«

Ich stand geduldig in der prallen Sonne.

Leo rief: »Ich hab’s gleich...«

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