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"Die zehnte Muse"

Schmelztiegel mit Kasernenhofton

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Selbst Zyniker und Machtmenschen haben ein Herz für Hunde. Ein aktuelles Sachbuch liefert erstaunliche Erkenntnisse über zehn Prominente und ihre Lieblingshunde.

"Nur wer liebt, darf kritisieren!" Dieses Credo des legendären Berliner Theaterkritikers Friedrich Luft machen sich immer wieder auch Autoren und Journalisten zu eigen, wenn sie sich mit bissigen Kommentaren, Glossen und Berichten über die Metropole Berlin zu Wort melden.

Die neueste "Liebeserklärung" - "Berlin in 100 Kapiteln … von denen leider nur 13 fertig wurden" - stammt von den Journalisten Harald Martenstein und Lorenz Maroldt, gespickt mit einer Vielzahl von Attacken und Klagen über die Stadt mit dem "Kasernenhofton" und der "organisierten Unzuständigkeit" für alle möglichen Pannen und Skandale.

Was bei Reinhard Mey noch liebevoll-melancholisch klingt ("Berlin tut weh") und bei Hildegard Knef ein "verknautschtes Bärenfell" war, ist bei den beiden Journalisten schon wesentlich direkter und konkreter. So seien die Berliner viel unsicherer als die New Yorker und Pariser, was sie manchmal auch zu "aggressiven Angstbeißern" mache. Und viele Berliner hätten einen Freiheitsbegriff, "der vor allem die Freiheit der Gleichgesinnten und Gleichbleibenden meint". Was vielleicht auch den Erfahrungen der Eltern- und Großelterngeneration mit Luftbrücke, Chruschtschow-Ultimatum und Mauerbau, also Insellage und Eingeschlossensein, geschuldet sein mag, möchte man hinzufügen.

Kein Zartgefühl

"Zartgefühl ham wa nich" sei typisch Berlin, vor allem für die Berlinerin wie Marlene Dietrich, die Knef oder Katharina Thalbach, die auch stärker wirkten als ihr "männliches Gegenstück". Selbstmitleid sei ihre Sache nicht. Das aktuelle Beispiel ist wohl "Cindy aus Marzahn", die dem Buch zufolge aber in Wilmersdorf lebt, neben Charlottenburg die "Herzkammer des alten West-Berlin".

Neben den im Buch versammelten Pleiten, Pech und Pannen (in einer Start-up-Metropole wie Berlin wird die digitale Ausstattung von vielen als katastrophal bezeichnet) und treffenden Seitenhieben auf "Lebenslügen oder romantische Sichtweisen" finden sich auch interessante Betrachtungen über Politiker-Geschwafel ("Mentalitätswechsel").

Von Plattitüden können sich allerdings auch die beiden Autoren nicht ganz frei machen ("eine Stadt zum Verzweifeln und Glücklichsein", die einen nicht mehr loslässt - Reinhard Mey lässt grüßen. Und natürlich wird auch der unvermeidliche Babylon-Mythos bemüht, wenn von Berlin die Rede ist.

Am schönsten sind die persönlichen Erinnerungen der beiden Autoren - Martenstein als Publizist und Kolumnist und Maroldt als Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegels" - über ihren Weg nach Berlin und ihre ersten Erfahrungen in der seltsamen Stadt, die offenbar nichts für "zarte Gemüter" ist, eigentlich wie New York oder London auch.

Da gab es aber auch die "Dauerstudierenden" an der Freien Universität Berlin (FU) mit dem Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, "international anerkannt für die Spezialisierung auf angewandte Revolutionswissenschaften", wie es im Buch mit einem ironischen Seitenblick auf eines der zentralen FU-Institute heißt, das in der rebellischen 68er-Protestbewegung eine zentrale Rolle spielte. Hier demonstrierte Rudi Dutschke mit anderen "Genossen" vom "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) gegen den "Muff unter den Talaren", für bessere Studienbedingungen und gegen den Vietnamkrieg, mit "Go-ins" und "Sit-ins" und Institutsbesetzungen.

Das neue Berlin-Buch hat viele Vorgänger und ist eigentlich kein neues Muss, aber ein Lesevergnügen ist es allemal in seiner humorvoll-bissigen Art. Wilfried Mommert

Harald Martenstein/Lorenz Maroldt: Berlin in 100 Kapiteln...von denen leider nur 13 fertig wurden, Ullstein Verlag, Berlin, 288 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-550-20010-6.

Ein geheimnisvolles Mädchen taucht an einem Weiher Mitten im Schwarzwald auf. Nachts. Sie spricht eine Sprache, die kaum einer versteht. "Baledschido", sagt sie. Das Mysteriöse: Das passiert nicht nur einmal. Gleich mehrere Menschen machen diese Begegnung, die sie nachhaltig berührt. Zu unterschiedlichen Zeiten - doch das Mädchen scheint nicht zu altern.

Zwei seiner Beobachter treffen sich in Alexander Pechmanns Roman "Die Zehnte Muse" und kommen in einem Zugabteil ins Gespräch: der Maler Paul Severin und der englische Journalist Algernon Blackwood. Es ist Juli 1905, beide haben denselben kleinen Ort als Ziel. Und schnell kommt der Verdacht auf, dass dieses Treffen kein Zufall sein kann. Pechmann lässt die beiden als Ich-Erzähler auftreten, die von ihrem Leben einmal als britischer Schüler zum Deutschlernen in einem Internat im Schwarzwald berichten, einmal von ihrem Werdegang als Künstler. "Eigentlich verdiente ich mein Geld mit Porträts von Wichtigtuern, Egomanen, Geizhälsen und Heuchlern, die sich überaus dankbar zeigten, wenn ich die Nachwelt schamlos belog und sie als bescheiden, gütig, großzügig und fromm darstellte", sagt Severin über sich selbst.

So steckt das Buch voller Verweise auf okkulte Rituale, auf die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur, Religion und Glaube aus verschiedenen Blickwinkeln. Es geht um die Frage nach dem Wesen der Zeit. Und die beschriebenen Kunstwerke, aber auch kleine Momente im Text und der Roman selbst stecken voller Symbolik. Die Geschichte verzahnt Pechmann dann in seiner Wahlheimat, dem Schwarzwald. Auf rund 170 Seiten gibt es viele Impulse zum Nachdenken. Aufgrund der Beschreibungen der nächtlichen Begegnungen mit der Nixe und der Frage nach Existenz von Geistern ordnet der Verlag das Werk als Schauerroman ein. dpa

Alexander Pechmann: Die Zehnte Muse, Steidl Verlag, 176 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-95 829 -715-9

Königin Elizabeth II. und ihre Corgis, das ist eine Geschichte für sich. Die Liebe der Queen zu den spitzohrigen walisischen Hütehunden ist geradezu legendär. "Seit sie sieben Jahre alt ist, war die Queen nie ohne Corgi-Kumpel", schreibt Anja Rützel, "keine andere Anführerin, kein anderer Anführer in der Geschichte war in der Vorstellung der Menschen jemals so eng mit einem bestimmten Tier verknüpft wie sie."

Rund 30 Corgis soll die Queen im Laufe ihres langen Lebens besessen haben. Stammhündin ihrer einzigartigen Zucht wurde Susan, ein Geschenk ihrer Eltern zu ihrem 18. Geburtstag. 14 Generationen lassen sich in direkter Linie auf Susan zurückführen, der letzte Nachkomme, Willow, starb im April 2018. Heute ruht der Liebling der Königin im herrschaftlichen Park von Sandringham. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Michel Houellebecq die Vorliebe der Queen für Corgis teilt?

In ihrem Buch über Promi-Hunde ("Schlafende Hunde") zeigt uns die Journalistin Rützel den griesgrämigen Zyniker als zart besaiteten Hundefreund. Houellebecqs große Liebe war der 2011 gestorbene Corgi Clément. Sein Tod "hat meinem Optimismus sehr geschadet, der schon vorher nicht auf einem Spitzenwert war", kommentierte der Schriftsteller das traurige Ereignis. "Die Tatsache, dass kleine Hunde sterben können, ist inakzeptabel." Bezeichnenderweise war auf einer Pariser Houellebecq-Retrospektive im Jahr 2013 Clément ein eigener Raum gewidmet mit zahlreichen Porträts und Kuscheltieren des Verflossenen. "Die Welt ist trüber geworden", schreibt der Star-Autor in einem erstaunlich sentimentalen Abschiedsgedicht für seinen Clément.

Gerade dieser Aspekt, dass Hunde ganz unerwartete Seiten eines Menschen offenbaren können, fasziniert die leidenschaftliche Hundeliebhaberin Rützel, die in ihrem Buch zehn Prominente und ihre treuen Vierbeiner porträtiert.

Pudel-Polonaise

Oft scheinen Hund und Herrchen bzw. Frauchen gar nicht zusammenzupassen. Wer hätte etwa vermutet, dass sich der Misanthrop Schopenhauer ausgerechnet von fluffigen Pudeln begleiten ließ? Im Laufe seines Lebens soll der Philosoph eine "niemals abreißende Pudel-Polonaise" besessen haben. Auf Individualität legte Schopenhauer dabei keinen Wert. Alle seine Pudel frisierte er gleich: "Pömpelschwanz und Pulswärmerfesseln, auf dem Kopf ein Lockentuff wie bei einem opulenten Schaumbad." Schopenhauer war ein begabter Hundetrainer. So konnte sein Pudel Lucias angeblich ganz ohne Begleitung einkaufen.

Preußenkönig Friedrich II., bekanntlich ein Kriegerkönig, lebte seine zärtliche Seite bei seinen Windspielen aus. Diesen fragilen Geschöpfen brachte er deutlich mehr Liebe entgegen als seiner Frau. Bekannt ist sein düsterer Spruch: "Je besser ich die Menschen kenne, umso mehr liebe ich die Hunde." Entsprechend hoch war die gesellschaftliche Stellung der Windspiele am Hof. Die Diener mussten die königlichen Hunde sogar siezen! Bizarrerweise schrieb Friedrich seiner Lieblingsschwester Wilhelmine in geziertem Französisch in der Rolle eines Windspiels, während sie als Zwergspaniel antwortete.

Seine geliebten Windspiele ließ Friedrich auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci beisetzen, ihre Grabsteine existieren noch heute. Der letzte Wunsch des Königs war es, an ihrer Seite zu ruhen.

Nicht alle hier Porträtierten wiesen eine so unerschütterliche Treue zu ihren tierischen Gefährten auf. Pablo Picasso etwa behandelte seine "Lebensabschnittshunde" eher wie Musen. Eine Weile wirkten sie inspirierend und förderten seine künstlerische Kreativität, dann wurden sie abgelegt und ausgetauscht. So erging es dem Dackel Lump, einer der großen Maler-Dackel der Geschichte, verewigt in zahlreichen Werken Picassos. Doch als Lump krank wurde, gab er ihn einfach bei einem Freund ab. Die treulose Künstlerseele entschied sich für einen stolzen Afghanen als Nachfolger.

Das Buch ist witzig, hintergründig und mit großer Liebe zu den Hunden geschrieben, die die Prominenten auf ihrem Weg begleiteten. Der Blick auf die Berühmtheiten dieser Welt aus einer unbekannten, tierischen Perspektive ist erfrischend und nicht nur für Hundebesitzer ein Gewinn.

Anja Rützel: Schlafende Hunde. Berühmte Menschen und ihre Haustiere - zehn Liebesgeschichten, Kiepenheuer & Witsch, 272 S., 20 Euro, ISBN 978-3-462-05 232 -9

Die Queen ist ja eher bekannt für ihre große Pferdeliebe. Aber Elizabeth II. fühlt sich auch anderen Tieren sehr zugeneigt. Zum Beispiel ihren Hunden. Walisische Corgis in zig Generationen begleiten sie schon seit Jahrzehnten durchs Leben. So wie manche treue Vierbeiner andere Prominente trösten oder kreativ inspirieren. In Anja Rützels Sachbuch geht es deshalb nicht nur um "Schlafende Hunde" an der Seite bekannter Persönlichkeiten, wie Friedrich dem Großen oder Pablo Picasso. rüg

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