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Zum Schluss eine "Grenzüberschreitung"

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Jetzt wäre noch einmal die große Chance, und ich könnte endlich einmal so richtig einen raushauen. Es wird Zeit, dass ich mal Mut zeige, mich nicht mehr mit so einem gefälligen, provinziellen Wohlfühl-Blabla aufhalte und endlich einmal voller Vehemenz die Grenzen überschreite. Ich bin schließlich Satiriker, muss in Wunden bohren und der Gesellschaft irgendwelche gnadenlosen Spiegel vorhalten. Machen wir uns nichts vor: das, was ich hier in den letzten Jahren immer wieder geschrieben habe, war doch schon tags darauf wieder vergessen. Schluss damit! Jetzt und heute ist beste Möglichkeit, endlich einmal verbal um mich zu schlagen und brachial zu beleidigen. Wen auch immer, irgendeine Gruppierung ließe sich da schon finden. Frauen böten sich immer an. Frauenfeindlichkeit garniert mit Rassismus und Antisemistismus und dazu noch ein kleine Brise Blasphemie und Ho-mophobie. Damit würde diese Kolumne wenigstens in Erinnerung bleiben und nicht gleich wieder in der Versenkung verschwinden. Im besten Fall wurde ich einen Shitstorm ernten und meine Auftritte würden von Protesten begleitet oder gleich abgesagt. Cancel-Culture, wie man so schön neudeutsch sagt. Man würde über mich reden und schreiben, meine Bekanntheit würde wachsen und ich wäre in Talkshows zu Gast zu Themen wie: "Was darf Satire?".

Ich wäre fein raus, denn alle würden nur darüber sprechen, dass ich Grenzen überschritten hätte und niemand darüber, ob jene Provokation überhaupt künstlerisch gelungen sei. Die Qualität wäre egal, die Grenzüberschreitung wäre der Wert an sich.

Wenn mir die öffentlichen Proteste und Beschimpfungen dann doch irgendwann zu viel würden, würde ich umständlich erklären, dass dies doch alles nur eine Kunstfigur behauptet habe, ich ein Spiel mit mehreren Ebenen gespielt hätte und dass das Publikum schlicht zu dumm sei, meine Kunst und Ironie zu verstehen. Über diese Beschränktheit des Publikums würde ich anschließend in einem mehrstündigen täglichen Podcast mit Kollegen und Kolleginnen aus meiner Branche in aller Selbstgefälligkeit philosophieren. Wir würden mit verbaler Wucht die großen gesellschaftlichen Fragen beantworten, die uns keiner gestellt hat.

Doch erst einmal heute, hier und jetzt, habe ich die große Chance, Sie alle da vor den Zeitungen mit Unflätigkeiten zu verstören. Denn gekündigt werden kann mir anschließend nicht mehr. Das habe ich schon selbst getan. Dies hier ist meine letzte Faberei. Es waren immerhin 65 Kolumnen, die ich in den letzten Jahren alle 14 Tage mit großer Freude für diese Zeitung geschrieben habe. Und bevor ich irgendwann, weil mir nichts besseres mehr einfällt, tatsächlich damit beginnen sollte, Menschen zu beleidigen, höre ich lieber auf. Genug ist genug.

Ich bedanke mich herzlich für das Vertrauen der Redaktion und bei Ihnen fürs treue Lesen. Bleiben Sie herzlich und gesund!

Dietrich Faber ist Kabarettist und Autor.

www.dietrichfaber.de

Wir danken Dietrich Faber für seine mal heiteren, mal ernsten, aber stets ganz besonderen Kolumnen. Manchmal waren sie wie ein kluger politischer Kommentar, manchmal pure und hochklassige Comedy, manchmal irgendwas dazwischen. Immer aber ohne Plattitüden, ohne Flachwitze, ohne Tiefschläge, ohne Beleidigungen und ohne Schmutz. Für deine neuen Projekte wünschen wir dir alles Gute. Wir werden weiterhin Faber(eien) im Blatt haben, denn wir begleiten dich auch in Zukunft bei deinen Auftritten, deinen Lesungen aus deinen (vielleicht neuen) Büchern, deiner Musik.

Die Mitarbeiter der Mantelredaktion wünschen dir alles Gute. Und vielleicht schreibst du ja hin und wieder mal einen Gastkommentar. Wir würden uns freuen.

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