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Geschminkt als irrer Clown, aber finster wie die Nacht: Tamerlano (Lawrence Zazzo, r.) weiß, die Gefangenen können seinem Sadismus nicht entkommen.

Sadistische Spiele im Bunker

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In Händels "Tamerlano" im Bockenheimer Depot sind die Besucher Mitgefangene des Tartarenfürsten. Das Europadebüt des jungen New Yorker Regisseurs R. B. Schlather an der Oper Frankfurt packt als intensives Psychospiel mit Sängerdarstellern auf allerhöchstem Niveau.

Lange, andächtige Stille im Publikum. Niemand wagt, diese Spannung durch den Schlussapplaus zu stören. Dieses angebliche lieto fine ("glückliche Ende") hat es in sich. Der Schlusschor in Händels "Tamerlano", in dem von der "Fackel der Liebe" gesungen wird und davon, dass die finstere Nacht endlich weichen muss, wird vollkommen gegen den Strich gespielt. Er verdämmert depressiv und versinkt schließlich in völliger Bühnenfinsternis. Zeitgleich verstummt erst der Holzbläserteil des exzellenten Barockorchesters, dann die tiefen Streicher. Am Ende singen die Solisten mit immer schwächer werdenden Stimmen komplett a cappella in völliger Finsternis von des "schönen Tages Glanz".

Selten gab es im Bockenheimer Depot ein Opernfinale, in dem sich die Aussage von dreieinhalb Premierenstunden derart packend bündelten. Denn nach 200 Minuten Bunkerwahnsinn, Sadismus, Quälereien und Demütigungen, die in den anklagenden Selbstmord des gefangenen Sultans kulminieren, steht die Frage turmhoch im Raum: Wie kann es jetzt auf Knopfdruck Hochzeitsläuten, Erlösung und die große Freiheit geben? Ausgedacht hat sich diesen Opernschluss der 32-jährige US-Regisseur R. B. Schlather. Indem er sich nicht vom Libretto-Säuseln täuschen lässt, sondern der bitteren Molltonart Händels im Schlusschor als tiefer gehender Wahrheit vertraut. Nicht nur das grandiose Ende, die gesamte Arbeit Schlathers und damit sein Europadebüt als Meister des Minimalismus gelingen fulminant.

Eingesperrt sind an diesem Abend alle: Das Orchester, von Karsten Januschke meisterlich dirigiert, sitzt in einem Käfig, die sechs Solisten auf der Bühne, aber auch alle Zuschauer auf den ansteigenden Bänken befinden sich in demselben, weißen Labyrinth-Bunker (Bühne: Paul Steinberg). Anfangs im schwarzen Westerndress samt knallender Reitpeitsche, maskiert sich Psychokiller Tamerlano, sprühend leutselig mit angeklebter Nase und ulkigem Charles-Bronson-Bart als harmloser Sugar-Daddy. Countertenor Lawrence Zazzo in der Titelpartie fällt dabei durch unbändige Spielfreude auf, schießt Konfettikanonen ab, platziert sich singend mitten im Publikum, lacht schriller als nötig und macht doch immer klar, dass alle bösartigen Spielchen stets nach seinen Regeln ablaufen werden. Später, wenn Asteria sich ihm mutig verweigert, legt er den Hebel um, zieht Perücke und Maske ab und attackiert die Widerspenstige bis aufs Blut.

Alle sechs Solisten intonieren nicht nur ihre furiosen und feinsinnigen Arien in anbetungswürdiger Schönheit, sie zeichnen auch beeindruckende Charakterstudien. Tenor Ives Saelens als Bajazet ist ein Despot auf Augenhöhe, spannt aber in seiner fünfteiligen Selbstmordszene eine immense Bandbreite an Gefühlen: rührende Liebe zu seiner Tochter, selbstlose Todesverachtung und rasende Tyrannenanklage. Elizabeth Reiter verleiht Asteria weibliche Wucht und wahnsinnige Wut, die sie ihr beständiges Ausgeliefertsein ertragen lässt. Gemeinsam mit ihrem Geliebten Andronico, den der Frankfurt-Debütant und schwarze Countertenor Brennan Hall mit tiefster Zerrissenheit ausgestaltet, gelingen dem Paar innige Szenen, die für immer im Gedächtnis haften bleiben.

Cecelia Hall als Glitzerschnecke Irene, die Kaugummi kauend und mit Motorradhelm in die Szene platzt, lässt zeitgleich ihren Mezzosopran zu hochdramatischen Girlanden auffahren, sodass nicht nur dem bewegenden Bariton Liviu Holender als Leone beim Auftritt der Mund offen stehen bleibt.

Schlathers "Tamerlano" transportiert eine Dichte an Emotionen, die sich niemand entgehen lassen sollte. Das Problem: Fast alle acht Vorstellungen der Serie sind bereits ausverkauft.

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