In der Abgeschiedenheit der norwegischen Berge lässt Erik Fosnes Hansen seinen Roman "Ein Hummerleben" spielen. FOTO: SCHWARZMANN
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In der Abgeschiedenheit der norwegischen Berge lässt Erik Fosnes Hansen seinen Roman "Ein Hummerleben" spielen. FOTO: SCHWARZMANN

Risse in der norwegischen Idylle

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Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 1990 mit dem Roman "Choral am Ende der Reise", in dem er die letzten Tage von sieben Musikern auf der "Titanic" schilderte. Nun erzählt Erik Fosnes Hansen in "Ein Hummerleben" vom Niedergang eines einstmals mondänen Hotels in den norwegischen Bergen.

Der Norweger Erik Fosnes Hansen lässt sich viel Zeit für seine Bücher. Nicht nur, dass er lediglich alle paar Jahre ein neues veröffentlicht. Er nimmt sich auch die Muße, um in Ruhe seine Geschichte zu entfalten. Mancher Leser mag dies als langatmig empfinden. Andere schätzen den gemächlichen Erzählton, der detailgenau die Bilder im Kopf entstehen lässt und unverhofft immer wieder auf kleine Höhepunkte im Reigen der scheinbar alltäglichen Ereignisse zusteuert.

Im Fall von "Ein Hummerleben" beginnt die Story mit einem Knall, denn Bankdirektor Berge fällt beim Abendessen im Hotel plötzlich um und stirbt. Daran kann auch der 13-jährige Sedd nichts ändern, der verzweifelt versucht, den übergewichtigen Mann mit seinen gerade erworbenen Erste-Hilfe-Kenntnissen wiederzubeleben.

Anrührende Lebensgeschichte

Dies bleibt nicht der einzige folgenschwere Tod in diesem fast 400 Seiten starken Roman. Doch der nächste ereignet sich erst gen Ende dieser anrührenden Lebensgeschichte, die in den 1980er Jahren angesiedelt ist und die der 54-jährige Autor aus Sicht des Enkels des Hoteleigners entwickelt.

Sedd wächst bei seinen Großeltern auf. Sein Vater, ein indischer Arzt aus Bergen, ist verstorben. Seine Mutter hat sich aus dem Staub gemacht, als der Junge klein war - keiner weiß, wo sie abgeblieben ist. Sedd liebt seine Großeltern über alles. Nicht nur das: Er ehrt und respektiert sie mit ihren schrulligen Eigenheiten, weiß, dass er als Erbe eines vornehmen Hotels erzogen wird und fügt sich ohne Murren in seine großen und kleinen Pflichten als Mitglied einer Gastgeberfamilie mit Anspruch und Haltung.

Wenn Gäste anreisen, schleppt er das Gepäck aufs Zimmer. Wenn Chefkoch Jim in der Küche Verstärkung braucht, schält Sedd Zentner von Kartoffeln und stellt sich auch beim Servieren geschickt an. Singend führt er eine Gruppe Angler aus Dortmund zu versteckten Seen in den Bergen, in denen die Fische garantiert beißen. Und wenn es sein muss, spielt er sogar mit der nervigen Tochter eines Dauerurlauberpaars eine Runde Minigolf nach der anderen, bringt ihr so ganz nebenbei das Schwimmen bei.

Unbezahlte Rechnungen

Doch die Idylle bekommt immer mehr Risse. Das einstmals mondäne Refugium hat die besten Zeiten längst hinter sich. Die Gäste werden weniger, die Rechnungen bleiben unbezahlt. Da nützt es auch nichts, dass der Großvater sie ungeöffnet in einer Schachtel im Schuppen versteckt. Die Katastrophe nimmt langsam, aber stetig ihren Lauf. Das muss auch Sedd erkennen, dem die Suche nach seiner Herkunft keine Ruhe lässt und der schmerzlich erwachsen werden muss.

Norwegen war im vergangenen Herbst Gast auf der Frankfurter Buchmesse. Das hat dafür gesorgt, dass etliche Bücher aus dem skandinavischen Land endlich ins Deutsche übersetzt wurden. Im Fall von "Ein Hummerleben" unbedingt ein literarischer Gewinn, denn das Original erschien bereits 2016 in Hansens Heimat.

Wer die einmalige Natur Norwegens kennt und schätzt, wird gern in diese abgeschiedene Welt eintauchen, in der die Menschen überaus gastfreundlich sind.

Warum der Roman "Ein Hummerleben" heißt? Nun, weil die Spezialität des Hotels eben Hummer ist und die Krustentiere mit ihren scharfen Scheren im Wasserbassin ums Überleben kämpfen, bis sie eines Tages doch zappelnd im Kochtopf landen.

Erik Fosnes Hansen: "Ein Hummerleben", Aus dem Norwegischen, Kiepenheuer &

Witsch, 382 S., 24 Euro, ISBN 978-3-462-05007-3

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