1. Gießener Allgemeine
  2. Kultur

Rasante Rettung der Hühner

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katrin Hanitsch

Kommentare

_9783737342469_290122_4c
_9783737342469_290122_4c © Red

Vor ziemlich genau einem halben Jahr hat die UNESCO die Entscheidung getroffen, die Mathildenhöhe in Darmstadt auf die Liste des Weltkulturenerbes zu setzen. Viele Hessen haben diesen Ort sicherlich schon besucht, nicht erst, seit der die Auszeichnung erhalten hat. Für alle, die die Mathildenhöhe noch nicht aus der Nähe kennengelernt haben oder ihre Erinnerung auffrischen möchten, gibt es nun einen opulenten Bildband der Künstlerkolonie.

Um Erfolg und Macht geht es in den beiden Büchern, die wir unten vorstellen. Viel Spaß verspricht dagegen Marens Kinderbuchtipp. kan

Tabeas Sommerferien fangen so richtig blöd an! Ihr heiß geliebtes Ferienhaus soll abgerissen werden, und ein Alternativurlaub ist nicht so leicht geplant, wenn er auch noch ökologisch sein soll… Und darauf legt man bei Tabea zu Hause richtig wert!

Zum Glück bleibt auch ihr Freund Jonas zu Hause, und so planen die beiden - wenn’s denn schon ökologisch sein soll! - ein bisschen die Welt zu retten. Als Superheldenteam Tabea, bzw. TSCHAKKA und Jonas, Pardon STONEMAN wollen sie am liebsten sofort loslegen. Blöd nur, dass die Eltern ganz eigene Vorstellungen davon haben, wie weit Kinder sich allein von zu Hause entfernen dürfen. Maximal zehn Minuten, findet Tabeas Mama. Aber zehn Minuten sind dehnbar und ganz davon abhängig, wie schnell man sich fortbewegt… Und so strengen sich Tschakka und Stoneman mächtig an, möglichst viele Meter in diese zehn Minuten zu packen.

Die brauchen sie auch, denn als wenig später ein Balkonhuhn aus der Nachbarschaft türmt, kann es sich eigentlich nur im Schrebergarten versteckt halten, und der ist eigentlich gerade außerhalb ihrer erlaubten Zone. Egal! Das Huhn braucht Hilfe, die Welt braucht Rettung (in Form von Upcycling und Müllvermeidung), und Tabea und Jonas entdecken, dass sie gemeinsam (und mit der Unterstützung von Tabeas Schwester) ganz schön was auf die Beine stellen können.

Will man die Welt retten, fängt man am besten sofort damit an! Wie das auch im Kleinen gehen kann, zeigen Tabea und Jonas in »Tschakka! Huhn voraus« mit Witz, Mut und Kreativität. Damit sind sie tolle Vorbilder für junge Leserinnen und Leser, findet heute eure Maren

Mara Andeck: Tschakka! Huhn voraus. Bilder von Phine Wolff. Frankfurt a. M.: Fischer KJB, 2021. 176 Seiten. 12 Euro. Ab 9 Jahre.

Nach den sardonischen Mel- rose-Romanen, die Edward St Aubyns literarischen Ruhm begründen, und seiner King-Lear-Adaption legt der Brite nun mit »Dilemma« einen Gesellschaftsroman vor, der sich in Figuren, Anspielungen, Menschheitsfragen und seinem flockigen Erzählton wieder an Shakespeare anlehnt, nur eben an dessen Komödien.

Im ersten Teil tritt mit der smarten Biologin Olivia und ihrem Geliebten Francis, einem Öko-Romantiker, das ideale Paar auf. Die dritte im Bunde wird Olivias Freundin Lucy, die als Hardcore-Business-Woman eben von NYC ins Londoner Penthouse ihres neuen Bosses Hunter zieht, einem legendären Börsenguru mit der Gier eines T-Rex. Lucy und Hunter werden das dunkle Gegenpaar. Um Handlung aufzubauen, versieht St Aubyn Lucy mit einem Hirntumor, Hunter mit einem massiven Drogenproblem, und »Oli-Cis« mit einer Schwangerschaft.

Doch statt den Konflikten nachzugehen, verkürzt St Aubyn sie zu Stichwortgebern akuter Debatten. Wenn er in die Tiefen hinabsteigt, wird es zwischen (Epi-)Genetik, Emergenz, Psychiatrie, Quantenmechanik, Evolution, Klima- und Kapitalismuskritik mal eng, mal abstrakt, mal verschwurbelt. Weniger wäre mehr gewesen.

Gescheitert am »alten Fossil«

Tambudzai, Dangarembgas Antiheldin aus den beiden Romanen »Aufbrechen« und »Verleugnen« steht in »Überleben« »an der Schwelle zu ihren mittleren Jahren«, als sie 1999 in Harare in einem Hostel strandet. Es beherrscht sie das Gefühl, »dass es ein schlimmes Ende nehmen wird«. Denn Tambu ist »zwar gebildet, aber trotzdem gescheitert«. Eine Schande für die ganze Familie. Denn Tambus Weg sollte über Schulen aus der Armut des Dorfes hinaus in die Chancen Harares führen. Dort aber scheitern sie und eine ganze Generation Frauen am »alten Fossil« Robert Mugabe, dessen Politik das Land ins Chaos stürzt. Und an den patriarchalen und postkolonialen Strukturen, die Mugabe konserviert.

Unter dem ständigen Druck droht Tambu selbst zum Raubtier, zur Hyäne zu werden. Dangarembga schreibt ein kantiges Buch über ein hartes Leben. Der Inhalt bestimmt die raue Form. Am Ende wird Tambu wählen müssen zwischen wirtschaftlichem Erfolg und persönlicher Würde.

T. Neubacher-Riens

Edward St Aubyn: »Dilemma«. Piper Verlag, 288 S., 24 Euro, ISBN 978-3-492-05678-6

Tsitsi Dangarembga: »Überleben«. Orlanda Verlag, Berlin. 376 S., 24 Euro, ISBN 978-3-944666-87-7

Darmstadt - Fast drei Jahrzehnte lang - von 1981 bis 2010 - war Nikolaus Heiss Denkmalpfleger der Stadt Darmstadt. Bereits seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten ist er auch ein passionierter Architekturfotograf. Seinen engagierten Einsatz für den Denkmalschutz und seine Leidenschaft für die Fotografie hat Heiss nun abermals miteinander verknüpft, um aus seinem reichhaltigen Fundus den ersten Bildband über das neue Welterbe - die Künstlerkolonie auf der Darmstädter Mathildenhöhe - zu gestalten.

Um das Buch, das im Darmstädter Justus von Liebig Verlag erschienen ist, hatte es im November einigen Wirbel gegeben. Zwischen dem früheren Amtsleiter Heiss und dem Verlag auf der einen und dem Darmstädter Kulturreferenten Ludger Hünnekens auf der anderen Seite war es zu Unstimmigkeiten gekommen.

Hünnekens, auch Leiter des städtischen Eigenbetriebs für die Kulturbetriebe, monierte etwa, die Stadt beziehungsweise das städtische Welterbe-Team sei nicht kooperativ in das Buchprojekt eingebunden worden. Die Stadt monierte etwa »Formfehler und fehlende Absprachen«. Letztlich kam es zu einer Einigung, und der Bildband erschien ohne die ursprünglich geplante Präsentation im temporären Besucherzentrum.

Wer das mehr als 200 Seiten umfassende Werk als Außenstehender durchblättert, für das die Kunsthistorikerin Renate Charlotte Hoffmann die Texte geschrieben hat, wird die ganze Aufregung von vor zwei Monaten nicht so recht verstehen. Mit dem opulenten Bildband, der neben einem Vorwort von Heiss einen neun Seiten umfassenden einleitenden Text von Hoffmann zur Entstehung der Darmstädter Künstlerkolonie auf Deutsch und Englisch enthält, erweist der frühere städtische Denkmalpfleger dem jetzigen UNESCO-Welterbe seine ganz persönliche Reverenz. Heiss sagte zu seiner Intention, er habe »die Schönheit der Mathildenhöhe« zeigen wollen. Das ist ihm gelungen.

Gebäude und Nischen

Gegliedert ist das Buch chronologisch. Gezeigt werden die Russische Kapelle von 1899, die in den darauffolgenden anderthalb Jahrzehnten auf der Mathildenhöhe entstandenen Künstlerhäuser und Gebäude wie der Hochzeitsturm und das Ernst-Ludwig-Haus. Aber auch den Platanenhain, die Villen, die sich außerhalb der Welterbestätte befinden, und die kleineren Kunstwerke in den Nischen hat Nikolaus Heiss abgelichtet, um sie zu würdigen. J. Joachim

Welterbe Mathildenhöhe Darmstadt N. Heiss (Fotos), R. C. Hoffmann (Texte), J. v. Liebig Verlag, 216 Seiten, 29,80 Euro.

ORL_UeberlebenU1_mPreis-7_4c
ORL_UeberlebenU1_mPreis-7_4c © Red
produkt-10613_280122_4c
produkt-10613_280122_4c © Red
darmstadt5_290122_4c
darmstadt5_290122_4c © Red
darmsatdt1_290122_4c
darmsatdt1_290122_4c © Red
darmstadt4_290122_4c
darmstadt4_290122_4c © Red
darmstadt3_290122_4c
darmstadt3_290122_4c © Red
Mathildenhoehe_Titel_220_4c
Mathildenhoehe_Titel_220_4c © Red
darmstadt2_290122_4c
Nikolaus Heiss würdigt mit seinen Kunstwerken die Schönheit des Welterbes. © Red

Auch interessant

Kommentare