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Franz (Andreas Erfurth, l.) ist voller Arglist gegenüber seinem Vater Maximilian (Urs Stämpfli).

"Räuber" mit Rhythmus

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Als geschickter Schachzug erweist sich bei der Aufführung von Friedrich Schillers Schauspiel "Die Räuber" durch das Neue Globe Theater aus Potsdam im Rahmen der Wetzlarer Festspiele im Rosengärtchen die Verwendung eines Drumsets. Dem Schlagzeuger Anton Nissl gerät bereits das eröffnende Solo sehr schwungvoll. Mit ausgezeichnetem Rhythmusgefühl setzt er auch im Verlauf mit seinen Intermezzi ein Gegengewicht zur Handlung, begleitet mal Musikkonserven, liefert dann eine szenisch unterstützende Geräuschkulisse - vom den Zeitfluss vergegenwärtigenden Sekundenschlag bis hin zu Gewehrsalven. Damit nicht genug, unterstreicht das Schlagzeug zudem die Stimmungslagen der Protagonisten.

Regisseur Andreas Erfurth, der zugleich Franz, den jüngeren Sohn des Grafen von Moor, verkörpert, gelingt überhaupt eine durchdachte, experimentierfreudige Inszenierung. Überdies beschert die sehr gute Ensembleleistung ungetrübtes Vergnügen.

Schon zu Beginn gefällt die geschickte Darstellerführung: Von hinten schleicht sich Franz an seinen Vater Maximilian (Urs Stämpfli) heran und entwickelt mit großer List die Brief-Intrige. Franz drängt Maximilian, den älteren Bruder Karl zu verbannen, um die Erbschaft an sich zu reißen. Virtuos vermittelt Erfurth die Überredungskünste des getriebenen Sohnes und markiert hier ein erstes schauspielerisches Glanzlicht.

Gleichermaßen überzeugend gibt Kai Frederic Schrickel der Verbitterung Karls über die scheinbare väterliche Ablehnung Ausdruck. Karl und sein Freund Spiegelberg (Rike Joeinig) könnten in ihrem Außenseitertum Rebellen von heute sein. Dieses Bild wird noch verstärkt durch stellenweise Aktualisierungen des gestrafften Textes. So beschimpft Karl in der zweiten Szene gnadenlos Veganer. Die textlichen Eingriffe reichen bis hin zu kleinen Einschüben, die für eine improvisatorische Note sorgen.

Starke Darsteller

Darstellerisch zu brillieren vermag auch Petra Wolf als Karls Geliebte Amalia. Resolut bringt sie herüber, wie sich diese voller Ekel Franz’ Annäherungsversuchen widersetzt. Während Karl inzwischen zum Hauptmann einer Räuberbande gemacht wurde, heckt Franz einen neuen Plan aus, behauptet gegenüber dem Vater und Amalia, der Bruder sei heldenhaft als Soldat gefallen. Als Kamerad verkleidet, überbringt er die angebliche Todesnachricht.

Insgesamt rückt die Inszenierung den gewissenlosen, keine Niederlage ertragenden Franz sowie Karl, der selbst dann noch voller Wut steckt, als er für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden soll, besonders am Schluss in die Nähe: Anders als in der Vorlage, begeht nicht nur Franz Selbstmord, vielmehr wird suggeriert, dass sich auch Karl in seiner Ausweglosigkeit das Leben nimmt und sich eben nicht der Justiz stellt. Dem nachdenklich stimmenden Ende folgt starker Beifall. Sascha Jouini

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