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Radtour

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"Trittst du schon?"

"Die ganze Zeit."

"Ich merke nichts."

"Das Rad merkt es."

"Bist du sicher?"

Nora drehte auf ihrem neuen Tandem den Kopf nach hinten. Leo trat fest in die Pedale.

Er blinzelte in die Sonne: "Glaubst du mir nicht?"

"Ich wollte mich nur vergewissern."

"Warum?"

"Wir sind etwas langsam unterwegs."

Leo schnaufte: "Es geht bergauf."

Nora drehte den Kopf wieder nach vorn: "Vorhin waren wir schneller."

"Da ging es bergab."

Nora drehte den Kopf wieder nach hinten: "Meinst du?"

"Ich weiß es."

Die beiden radelten auf eine Kurve zu.

Leo rief: "Guck nach vorn, Schatz."

Nora schaute wieder nach vorn und lenkte in die Biegung.

Ich rief von meinem alten Mountainbike aus hinter den beiden: "Wenn ihr euch weniger zanken würdet, hättet ihr mehr Kraft fürs Fahren."

Nora rief: "Wir zanken nicht."

Leo nickte: "Wir diskutieren."

Er trat kräftiger in die Pedale und schwitzte.

Ich rief: "Auf der Kuppe machen wir Rast."

Leo rief: "Warum?"

"Weil die Mädchen eine Pause brauchen."

Nora drehte den Kopf besorgt ganz nach hinten. Hinter mir fuhren die kleine Lisa von gegenüber und ihre Freundin Anna vergnügt auf ihren Kinderrädern. Die beiden winkten Nora zu. Nora winkte zurück und guckte dann wieder geradeaus. Leo schnaufte.

Lisa rief: "Rad fahren macht Spaß!"

Ich drehte mich um: "Das stimmt."

Anna schob ihre dicke Hornbrille zurecht: "Aber es ist auch anstrengend."

Ich sah nach vorn und rief: "Das stimmt auch."

Lisa rief: "Mama sagt, wir können durchs Radfahren die Umwelt retten."

Leo keuchte: "Und einer muss es ja machen."

Auf der Kuppe angelangt, bogen wir in einen Feldweg ein. Die Kinder sprangen vom Rad und machten Dehnübungen. Nora machte mit. Leo schnaufte in der Sonne.

Lisa sagte: "Mama sagt, Dehnübungen sind wichtig."

Ich nickte und dehnte mich ebenfalls.

Lisas Mama war auf die Idee mit der Radtour gekommen. Sie wollte etwas für die Umwelt tun.

Ich hatte "Viel Spaß!" gewünscht und dummerweise gefragt: "Wo soll’s denn hingehen?"

Lisas Mama hatte gelächelt: "Suchen Sie doch eine schöne Strecke aus."

Anna und Lisa hielten das für eine gute Idee. Sie wollten unbedingt eine Spritztour über Land machen. Leo und Nora auch. Es galt, ihr neues Tandem einzuweihen. Dann fand Lisas Mama doch keine Zeit, mitzukommen. Sie ist als Psychologin mit eigener Praxis beruflich ziemlich eingespannt. Also taten wir ohne sie etwas für die Umwelt. Obwohl ich auch jetzt noch, während wir uns dehnten, der Meinung war, dass wir am meisten für die Umwelt getan hätten, wenn wir nichts getan hätten.

Da sagte Lisa zu Leo: "Du musst dich auch dehnen."

Anna nickte: "Sonst verspannt deine Muskulatur und du kriegst Nacken- schmerzen."

Auch Lisa nickte: "Oder Hirnsausen."

Leo sah das Kind skeptisch an.

Lisa sagte: "Mama hat viele Patienten mit Hirnsausen."

Anna meinte: "Mein Papa hatte auch schon mal Hirnsausen."

"Ist er Fahrrad gefahren?"

"Es kam vom vielen Radler."

"Dann müssen wir uns alle tüchtig dehnen."

Wir dehnten uns gemeinsam. Auch Leo machte mit.

Danach sagte er zu Nora: "Schatz, ich habe Durst. Was haben wir zu trinken dabei?"

Nora wunderte sich: "Ich dachte, du hast was mitgenommen."

"Ich?"

Die beiden schauten mich an.

Ich sagte: "Ich habe mich auf euch verlassen."

Wir sahen die Kinder an.

Anna sagte: "Wir haben unsere Fahrrad- getränkeflaschen mit leckerer Himbeer- brause."

Lisa nickte: "Aber wir haben sie schon vor dem Start leer getrunken."

Leo sagte: "Verdammt."

Lisa rief: "Geflucht wird nicht."

Leo stutzte: "Sind das die Erziehungs- methoden einer Psychologin?"

Lisa schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Finger auf mich.

Nora sagte: "Für Kinder ist es besser, wenn sie nicht fluchen."

Lisa sagte: "Für Erwachsene auch."

Nora schaute Leo an: "Da hat sie recht."

Leo atmete tief durch und sagte: "Wo kriegen wir jetzt was zu trinken her?"

Ich überlegte: "Unten im Tal ist ein Kiosk."

"Hat der sonntags geöffnet?"

"Bis zwölf."

"Wie spät ist es?"

"Halb eins."

"Das darf ja wohl nicht wahr sein."

Nora sagte: "Schatz, heute ist Samstag."

Leo sah mich vorwurfsvoll an. Die Kinder kicherten. Wir stiegen wieder auf die Räder.

Anna wollte was sagen.

Da rief Leo: "Wetten, dass wir zuerst unten im Tal sind?"

Er trat sofort mächtig in die Pedale.

"Huch, Leo, nicht so schnell!", rief Nora.

Das Tandem schoss geradezu nach vorn.

Leo rief: "Wir retten die Welt!"

Schon wehten die beiden davon.

Lisa wunderte sich: "Warum will er als Erster unten sein?"

Ich sagte: "Er hat sicher großen Durst."

"Hoffentlich kriegt er kein Hirnsausen."

Anna schob ihre dicke Hornbrille zurecht und sagte kleinlaut: "In meiner Flasche ist noch Himbeerbrause drin."

Lisa stutzte: "Warum hast du nichts gesagt?"

"Ich kam nicht dazu."

"Dann gib mir bitte einen Schluck."

Lisa trank die Flasche in einem Zug leer.

Anna schaute verdutzt: "Jetzt ist nichts mehr drin."

Lisa wischte sich über den Mund: "Sei froh, dass du davon nichts mehr trinken musst. Warme Himbeerbrause schmeckt scheußlich."

Wir fuhren los. Weit vor uns flogen Leo und Nora auf ihrem Tandem hinab ins Tal. Da wussten wir noch nicht, dass der Kiosk neuerdings an den Wochenenden geschlossen hat.

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