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Postkarten mit Überlänge

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Dieser Mann hat, so scheint es, nichts im Kopf als den mediterranen Teil en Frankreichs. Aber keineswegs einfach so des milden Klimas wegen. Nein, Manfred Hammes, 69-jähriger Journalist, Schriftsteller und Filmemacher, widmet sich der im Midi seit Menschengedenken anzutreffenden Dichte von Literatur, Kunst und Kulinarik, hat dazu vor wenigen Monaten ein bibliophiles "Chef d’oeuvre" vorgelegt, das die Leserschaft auf 700 Seiten "Durch den Süden Frankreichs" führt. Er beschreibt eine betörende Melange.

Hätte Verleger Bernhard Echte nicht Strenge walten lassen, wäre es ein 1500-seitiger "Backstein" geworden. Aber selbst die Hälfte davon konnte nur deshalb so handlich unter die Leute gebracht werden, weil man auf relativ dünnes Papier druckte, weil man einen (fast zu) kleinen Schriftgrad wählte und den gut gewählten Abbildungen (Manko!) wenig Raum ließ. Insgesamt lässt sich aber sagen: Fühlt sich sehr gut an.

Die Feuilletons und die Frankophilen überschütten Hammes seit Erscheinen des Buches mit Lob. Es sei "die vielleicht fundierteste Darstellung, glänzend formuliert, prachtvoll bebildert", schrieb die "FAZ". Geradezu "eine wunderbare und instruktive Liebeserklärung an den Midi". Die "Badische Zeitung" sprach von einem "reiseliterarischen Meisterwerk. (…) Zum Schmökern und Schmunzeln, Blättern und Staunen, zur Einstimmung auf die Reise, zum Sich-hinweg-Träumen aus nordischen Wintern."

Aber was ist es konkret, das Hammes seit Beginn der Recherche vor zwei Jahrzehnten zusammengetragen hat? Was ist das Ergebnis der Lektüre von etwa 400 Erinnerungen, Biografien und Briefwechseln sowie Romanen seiner Protagonisten? Von 150 Interviews und ebenso vielen Museumsbesuchen? Von 60 000 Auto- und 6000 Wanderkilometern? Zunächst waren es 140 000 Fotos und ungezählte Aufzeichnungen, Notizen, Protokolle. Dann folgte das Buchkonzept: Hammes versendet quasi Postkarten von unterwegs. Von überall erzählt er, wer wo schrieb. Wer wo malte oder zeichnete. Wer wo liebte. Wer wo (und was) gut kocht(e). Die Leserinnen und Leser treffen Max Ernst und Kurt Tucholsky, Karl Marx und Anna Seghers, Lawrence Durrell und Peter Kurzeck (!) und, und, und … - ach, der Versuch des Auflistens ist untauglich: Über 13 Seiten zählt allein das Register der im Buch genannten Namen und Orte.

Es geht einmal das Rhônetal runter, dann westwärts bis Collioure und Banyuls, anschließend nach Marseille und dann bis Menton an der Grenze zu Italien. Da ist alles drin, was den passionierten Frankreichfreund mit Neigung zum inhaltlichen Tiefgang interessiert. Ein dichtes Compendium ist es, das - nein: nicht in jeden Bücherschrank - auf jeden Nachttisch oder auf den Büchertisch neben dem Lesesessel gehört; zur sukzessiven Lektüre, zum maßvollen Genuss.

Wer’s gelesen hat, wird verstehen, warum dieser mit Geschichte und Geschichten so reich gesegnete Landstrich, dieser Schmelztiegel der Kulturen, zum Sehnsuchtsort für so viele Menschen geworden ist. Früher - und heute noch. Hammes’ Buch ist ein echter Hammer. Für hier. Für da. Fürs Gemüt. Norbert Schmidt

Manfred Hammes: "Durch den Süden Frankreichs: Literatur, Kunst, Kulinarik". Verlag Nimbus. 701 S., 32 Euro, ISBN 978-3-0385-0055-1

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