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Von Opern und den Lochis

(dpa). Mit gleich zwei Nobelpreisen für Literatur kann das Kulturjahr 2019 prahlen. Auch sonst war schwer was los auf Leinwänden und Bühnen, in Museen und Musikstudios.

Emil Nolde ist schuld: Der »Brecher« von Nolde hing im Kanzleramt. Die Wand bleibt nun leer. Das Gemälde von 1936 will Angela Merkel nicht mehr zurück, seit es in einer Ausstellung die tiefe Verstrickung der Expressionismus-Ikone in die Nazi-Ideologie zeigte.

Erwartbare Schnappatmung: Mit provozierendem Videoschnipsel kündigt Rammstein um Sänger Till Lindemann nach zehn Jahren ein neues Album an. Kritiker erregt eine nachgestellte KZ-Szene. Das vergleichsweise vielschichtige komplette Video wird gefeiert, das Album geht in den internationalen Charts ab.

Doppelter Nobel: Nach dem Ausfall im Vorjahr gibt es den Literaturnobelpreis 2019 gleich zweimal. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke (für 2019) und die polnische Autorin Olga Tokarczuk (für 2018) werden ausgezeichnet. Beim Deutschen Buchpreis wütet Preisträger Saša Stanišic (»Herkunft«) gegen Serben-Freund Handke. »Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.« Auch geehrt: Der brasilianische Fotograf Sebastiao Salgado mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss mit dem Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Taktprobleme: Während Kirill Petrenko als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker stürmisch gefeiert wird, gibt es viel Zoff um den Führungsstil des Starkollegen Daniel Barenboim an der Spitze der Staatsoper Unter den Linden. Der Verlängerung seines Vertrages bis 2027 gingen turbulente Monate voraus.

Mutige Preise, erwartbare Entscheidungen: Die Filmwelt glitzert zwischen Hollywood und Berlin, Cannes und Venedig. And the Oscar goes to: »Green Book« von Peter Farrelly. Den Golden Globe bekommt »Bohemian Rhapsody« über Queen-Frontmann Freddie Mercury. Den Goldenen Bären der Berlinale erhält Nadav Lapid für seine Migrationsgeschichte »Synonymes«. In Cannes holt sich der Südkoreaner Bong Joon-ho mit dem Thriller »Parasite« die Goldene Palme. Der Goldene Löwe geht in Venedig an den düsteren Psychothriller »Joker« mit Joaquin Phoenix.

Teure Luftschlösser aus Beton: Die Eröffnung des Humboldt-Forums im rekonstruierten Berliner Stadtschloss (644 Millionen Euro) muss auf 2020 verschoben werden. Technische Probleme. Ebenfalls umstritten ist das Museum des 20. Jahrhunderts (450 Millionen Euro) in der Hauptstadt. Noch nicht mal angefangen. Spatenstich im Dezember.

Wiener »Feldhase«: Albrecht Dürer gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Renaissance. Die Albertina in Wien zeigt vier Monate lang rund 200 seiner Werke.

Lochis ohne Milch im Glas: Aus den Lochis werden die Lochmanns. Die Zwillinge Roman und Heiko wurden durch Videos bekannt. Roman erklärte 2011 als Zehnjähriger, wie Milch aus der Tüte in ein Glas gefüllt wird. Als Lochmann-Brüder soll es neue Kapitel geben.

Deutsche Chefin in Venedig: Stephanie Rosenthal, sonst Direktorin des Martin-Gropius-Baus, hält an der Lagune als Jury-Präsidentin die Fäden in der Hand. Litauen gewinnt bei der Kunst-Biennale mit einer zeitkritischen Oper den Hauptpreis für den besten nationalen Beitrag. Der US-amerikanische Filmemacher Arthur Jafa nimmt den Goldenen Löwen als bester Künstler mit.

Gefeierte Opern: Karl Böhm, klar. Auch Herbert von Karajan. 150 Jahre Wiener Staatsoper sind voll von klangvollen Namen und entsprechenden Geschichten. Die Oper, alljährlich Schauplatz des klischeeträchtigen Opernballs, gilt als Haus mit weltweit größtem Repertoire. In Frankreich hat nach 350 Jahren vor allem das Ballett de l’Opéra de Paris Weltruf - nicht zu vergessen das Deckengemälde von Marc Chagall in der Opéra Garnier.

Ein Leonardo für alle: Schon beim Namen herrscht kaum Einigkeit. Italien feiert Leonardo da Vinci zum 500. Geburtstag mit Blick auf seine Herkunft, Frankreich ist stolz auf das Spätwerk von Léonard de Vinci. Die Ausstellung sichert sich der Louvre in Paris. Die Schau der Superlative wird von diplomatischen Streitereien überschattet.

Aufbruch zu alten Bühnenufern: Viel Unruhe an der Berliner Volksbühne. Nach 25 Jahren Frank Castorf scheitert Museumsmacher Chris Dercon als Erneuerer. Nun soll René Pollesch die Intendanz übernehmen.

Kunstgeschichte umschreiben: Die Tate-Galerien preschen bei der Gleichstellung von Mann und Frau in der Kunst voran. Im Mutterhaus Tate Britain, wo britische Kunst von 1500 bis heute gezeigt wird, werden in der Sektion Zeitgenössische Kunst der letzten 60 Jahre die Werke männlicher Künstler für das Ausstellungsprojekt »Sixty Years« abgehängt.

Coole Wundertüte: Das Bauhaus findet sich in der ganzen Welt - entstanden ist es vor einem Jahrhundert in Deutschland. Entsprechend geklotzt wird mit Ausstellungen und Neubauten, nicht nur in den drei Bauhaus-Städten Weimar, Dessau und Berlin.

Hello again: Das Museum of Modern Art gehört zu den Top-Adressen der Kunstwelt. Wegen ständiger Überfüllung hat es angebaut, in New York sind die Türen vier Monate verschlossen. Danach öffnet ein komplett runderneuertes MoMA.

Birnen, Irrungen, Fontane: »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, ein Birnbaum in seinem Garten stand ...« Theodor Fontanes Vers ist Standard, Romane wie »Irrungen, Wirrungen« oder »Effi Briest« zählen zur Weltliteratur. Fontane wird zum 200. Geburtstag ein Jahr lang neu entdeckt - oder endlich.

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