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Odysseus reist in unsere Zeit

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Iain MacNeil (Odysseus) und Dmitry Egorov (Telemachos mit Bogen) mit dem Chor. © Barbara Aumüller

Tatjana Gürbacas "Ulisse" in Frankfurts Oper setzt Maßstäbe

Frankfurt -Seit mehr als 40 Jahren galt sie als unspielbar: Luigi Dallapiccolas eigenwillige Zwölfton-Oper "Ulisse" aus dem Jahre 1968. Zu literaturlastig sei sie, zu lyrisch, zu wenig dramatisch und überhaupt: voll von trockener, philosophischer Intertextualität und musikalischen Selbstzitaten des italienischen Komponisten.

All das schreckte Regisseurin Tatjana Gürbaca bei ihrem Operndebüt in Frankfurt nicht. Wo andere Probleme sahen, findet sie eine offene Erzählweise. Die sich verwischenden Grenzen von Realität und Traum, von Erinnerung und Gegenwart nutzt sie für ihre symbolhaltige Bildersprache. Im starken Trio mit Bühnenbildner Klaus Grünberg und der lässig in die ironisch-poppige Kostümkiste greifenden Silke Willrett ist so ein höchst kantables Dodekaphonie-Werk mit feinster Personenführung zu erleben, in dem die Regie spielerisch den Bogen vom antiken Mythos des Odysseus ins Heute schlägt.

Luigi Dallapiccola (1904-1975), den der Odysseus-Mythos zeit seines Lebens beschäftigte, konzipierte seinen "Ulisse" mit Dante als heutig zerrissenes Individuum auf der Suche nach Erkenntnis und Selbstfindung. Bevor der in die Handlung einsteigt und im Reich der Phäaken strandet, zeigt Gürbaca ihn als einen von uns: Gemeinsam mit weiteren Touristen besichtigt er eine antike Ausgrabungsstätte. Magisch, wie die Regisseurin auf offener Bühne durch sichtbare Verkleidung aus dem hellhäutigen Iain MacNeil den sagenumwobenen Seefahrer zu formen vermag und aus der neugierigen Touristengruppe Federball spielende Gefährtinnen der Phäakentochter Nausikaa (überwältigend: Sarah Aristidou). Und obwohl die Regie eine antike Staubschicht nach der anderen abträgt und sich immer tiefer in den Mythos hineingräbt, stattet Willrett Chor und Solisten mit heutiger Kleidung aus. Die amüsierwilligen Phäaken samt Cheerleadern und Glitzerjackets könnten sich auch in Las Vegas amüsieren, während die Hades-Toten nur einen rasch übergestreiften Trench benötigen, um glaubhaft als Untote durchzugehen.

Auch die weitläufigen Beton-Stelen von Grünbergs Bühnenbild funktionieren in allen Zeiten und Geschichten: Mal wirken sie wie eine moderne Brückenunterführung, mal wie eine Ausgrabungsstätte, im nächsten Bild werden sie zum Dance-Clubhaus oder zum Festsaal Ithakas. Gürbaca und ihr Team legen Dallapiccollas Opus Magnum meisterhaft als Werk über das Geschichtenerzählen frei. Die Illusionsmittel des Theaters stellen sie naiv aus und lassen Palastgäste unvermittelt in die Handlung ein- und wieder aussteigen.

Voll ironischer Verführung schwebt die Welt der selbstvergessenen Lotophagen herein, samt kindlich geformter Helium-Ballons und Puppen-Frauen, die aus dem aseptischen Stepford stammen könnten. Während Kirke in ihrem Zauberreich nur einen riesigen Teppich-Vorhang zuzuziehen braucht, um Odysseus zu umgarnen, ganz zu schweigen von Katharina Magieras gewaltigen Mezzogirlanden, die nicht nur dem antiken Helden jede Vernunft rauben. Das Schlussbild zeigt ihn überraschenderweise im vertrauensvollen Gespräch mit einer höheren Ordnungsmacht. Die fordernde Hauptrolle wird zum Triumph für Iain MacNeil. Der seit 2019 zum Ensemble gehörende Bariton kann hier beweisen, zu welch immenser psychischen und stimmlichen Verwandlung er fähig ist.

Man muss lange zurückgehen, vielleicht bis zu Harry Kupfers "Iwan Sussanin", um sich an eine Arbeit zu erinnern, die dem Opernchor eine choreografisch derart vielfältige Hauptrolle einräumt hat. Ob als Odysseus' rudernde Gefährten, sensationshungriger Hofstaat oder als sich in Zeitlupe hereinwälzende, aus Toten bestehende Styx-Welle - hier ist er wichtigster Handlungsträger, lebendiger Teil des offenen Bühnenbildes und wird damit zu Odysseus ständigem Gegenüber.

Jeder der vielen Solisten gibt an diesem Abend sein schwieriges Rollendebüt. Dass die Oper Frankfurt die meisten aus dem Ensemble besetzen kann - Odysseus" Mutter Antikleia verkörpert keine Geringere als Claudia Mahnke - spricht für sich.

Francesco Lanzillotta im Orchestergraben erzeugt aus den hypnotischen Zwölftonreihen ein raffiniertes Meereswogen und lässt Flöten, Vibrafon und Celesta samt grundierender Kontrabass-Flageoletts nicht nur in Nausikaas Traumsequenzen belcantoartig schimmern.

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