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Eine Gegend zum Schwelgen: Martin Walkers Périgord im Südwesten Frankreichs ist ein Paradies, aber eben nicht nur...

Nichts geht mehr und doch so viel

  • Annette Spiller
    VonAnnette Spiller
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Leben wie Gott in Frankreich - das ist im Périgord keine Kunst. Wenn man nicht gerade überraschend stirbt wie Witwer Driant, kurz nachdem er seinen Besitz auf ein lebenslanges Wohnrecht in einer vornehmen Seniorenresidenz gesetzt hat. Die Umstände sind etwas zu seltsam, findet Bruno, Chef de police in der Kleinstadt Saint-Denis. Und hat seinen 13. Fall.

Martin Walkers Leserinnen und Leser erwartet »Französisches Roulette«. Und noch viel mehr.

Bruno ist nicht irgendwer, und die Bücher des schottischen Autors Martin Walker sind nicht einfach irgendwelche Regionalkrimis unter vielen. Das wissen über 2,4 Millionen Menschen, die seit Jahren mit dem fiktiven Stadtpolizisten des fiktiven Örtchens Saint-Denis im südwestlichen Frankreich mitfiebern, seinen jeweils jüngsten Fall sehnlichst erwarten und gewissermaßen für ein paar Hundert Seiten sein Leben teilen. Neue Leser sind zu beneiden und haben für dieses Jahr ausgesorgt - können sie doch nach der Lektüre von Band 13 die zwölf vorhergehenden auf den Nachttisch oder neben den Liegestuhl legen. In 18 Sprachen kennt man Bruno - auch als Botschafter einer Region, in der es gut sein ist. Walker lässt seine Hauptperson dort ermitteln, wo er selbst seit Langem einen Teil des Jahres lebt, arbeitet und genießt: In der Dordogne, im Tal des Flüsschens Vézère im geschichtsträchtigen Périgord, der Wiege der Menschheit. Dort, wo Höhlen mit prähistorischen Zeichnungen, trutzige Burgen, mittelalterlich anmutende Städtchen und weite Landschaften die Gegend prägen.

Bruno hat, seit Walker ihn erfand, jede Menge zu tun: Er muss sich um Probleme aller Arten kümmern, auf dem Markt für Ordnung sorgen, Einsätze koordinieren, Veranstaltungen organisieren, Jugendlichen Rugby- und Tennisunterricht geben, mit seinem Hund Balzac joggen, sein Pferd Hector ausreiten, seinen Garten bestellen und natürlich (das vor allem) seine Freundinnen und Freunde einladen und bekochen. Idylle pur - aber eben nicht nur. Fast nebenbei hat der Mann in jedem Roman einen oft national oder gar international Aufsehen erregenden schwierigen Fall vor der Brust, ist Schlüsselfigur des Geschehens zwischen Geheimdienst, Police nationale und Gendarmerie.

In diesem Umfeld spielt Walker auch in seinem neuen Band in bewährter Weise seine Stärken aus: Der Schriftsteller bringt seine Erzählkunst ebenso ein wie seine Expertise als Historiker und politischer Journalist, um seine Leser zu fesseln. Zurück also zum Roulette, zum »rien ne va plus« - Nichts geht mehr - für einen alten Schafbauern. Sieht aus wie ein einfacher Herztod, doch Bruno ist skeptisch. Warum hat sein alter Rugby-Freund seine Kinder hinter deren Rücken enterbt, Haus, Hof und Geld über verschlungene Kanäle einer Versicherungsgesellschaft übereignet, um sich einen Platz in einem schicken Seniorenheim zu sichern, das gar nicht zu ihm passt? Bruno fängt an zu schnüffeln und nimmt eine Spur auf: Es ist nicht so einfach, wie es scheint. Und das Rad dreht ein ukrainischer prorussischer Oligarch, Tausende Kilometer weit entfernt, mit Briefkastenfirmen auf Malta, Zypern und in Luxemburg sowie einem guten Draht zu Wladimir Putin. Schnell stößt Bruno auf Widerstände, der Geheimdienst mischt sich ein, fordert diplomatisches Geschick - und plötzlich taucht die Tochter des Oligarchen in einem Schloss in der Region auf, hat sich in den Sohn einer dort lebenden britischen Rocklegende verliebt. Dann gibt es noch mehr Tote... die Kugel rollt.

»Französisches Roulette« ist ein Buch mit Tempo. Der Ukraine-Konflikt, Russlands Machtstreben, Putins Seilschaften, die europäische Zwickmühle angesichts der Kreml-Machenschaften - etwas von alldem findet sich diesmal in Brunos Revier. So spannend wie brisant. Vor allem aber wie von Walker gewohnt gekonnt verwoben mit den Freuden des Alltags, die das eigentliche Leben bedeuten: der Gemeinschaft. In Zeiten von Corona ein Buch mit besonderem Sehnsuchtspotenzial, geht es doch zentral um das fröhliche Zusammensein und Feiern mit alten und neuen Freunden, unterwegs, zu Hause und im Restaurant. Um das gemeinsame Kochen und Essen, Schwimmen, Sport treiben und Veranstaltungen vorbereiten, von denen wir in der Pandemie nur träumen können. Und die Franzosen leider auch. Man nehme also eine frische Portion Mut, eine gute Prise Optimismus und ein gerüttelt Maß Hoffnung: Und schon träumen wir uns mit Bruno in einen Landstrich mit einer Lebensweise, die den Wunsch in uns weckt, diesen Teil Frankreichs selbst erstmals oder wieder zu entdecken... irgendwann.

Martin Walker: Französisches Roulette. Der dreizehnte Fall für Bruno, Chef de police. Verlag Diogenes, 388 Seiten. 24 Euro, ISBN 978-3-257-07118-4.

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