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Jan Seghers hat sich einem neuen Kommissar zugewandt und damit den Grundstein für eine neue Krimireihe gelegt. ARCHIVFOTO: LOD

Neugierig auf das Fremde

Mit seinem ersten Kriminalroman »Ein allzu schönes Mädchen« katapultierte sich der Frankfurter Schriftsteller Matthias Altenburg unter dem Pseudonym Jan Seghers 2004 in die erste Garde deutscher Kriminalschriftsteller. Fünf weitere Romane um Kommissar Marthaler folgten. Nun geht der Autor neue Wege.

Der letzte Marthaler-Krimi »Menschenfischer« erschien im November 2017 (rowohlt) und eine riesige Fangemeinde des renommierten Schriftstellers, der sehr treffend auch schon mal als deutscher Mankell bezeichnet wird, wartet seitdem auf weitere Fälle des Mordermittlers Marthaler. Allerdings: Dazu wird es in naher Zukunft nicht kommen. Autor Jan Seghers startet mit einer neuen Hauptfigur, dem BKA-Ermittler Neuhaus, eine neue Krimireihe. Der erste Fall mit dem Titel »Der Solist« führt den Jaguar fahrenden BKA-Mann nach Berlin und dient mehr oder weniger dazu, den Protagonisten der neuen Seghers-Krimireihe kennenzulernen.

Was hat den Frankfurter Schriftsteller bewogen, eine neue Krimireihe zu installieren? Was unterscheidet BKA-Mann Neuhaus vom Frankfurter Mordermittler Marthaler? Warum Berlin als Spielort und nicht »seine« Heimatstadt Frankfurt? Wenn ein Autor sein erfolgreiches Konzept ändert, tun sich Fragen auf.

Ein neuer Ermittler und ein neuer Handlungsort: Was bewegt den Kriminalschriftsteller Jan Seghers dazu, den beruflich erfolgreichen und beim Lesepublikum beliebten Kommissar Marthaler durch einen neuen Protagonisten zu ersetzen?

Ach, mich hat es gereizt, die deutsche Hauptstadt mal zum Schauplatz zu machen. Sie war mir fremd genug, um neugierig auf sie zu sein. Also bin ich immer wieder hingefahren und habe meinen Kopf in jeden Hinterhof rollen lassen. Berlin-Neukölln ist schon ein heißes Pflaster. Die Sonnenallee, der Schillerkiez und das Tempelhofer Feld bieten unendlich viele Widersprüche und Konflikte - ein ideales Terrain für einen Autor. Ich wusste aber auch sofort, dass mein alter Marthaler der Größe und der Schnelligkeit von Berlin nicht gewachsen sein würde.

Müssen die Marthaler-Fans zukünftig in Gänze auf den Frankfurter Mordermittler verzichten?

Na, ich kann mir schon vorstellen, dass Neuhaus, der neue Ermittler, und Marthaler mal gemeinsam an der Aufklärung eines Falles arbeiten. Ich fürchte allerdings - unterschiedlich wie die beiden sind - wird es da zu Reibungen kommen.

Marthaler ist ein Team-player und in der Realität wird Gefahrenabwehr und Ermittlungsarbeit als Teamarbeit propagiert. Was steht denn aus schriftstellerischer Sicht dahinter, jetzt einen »Solisten« ermitteln zu lassen?

Es ist ja genau dieser Widerspruch, der Spannung erzeugt, dass wir einen Helden haben, der von sich selbst sagt, ein maulfauler Einzelgänger zu sein, der dann aber doch gezwungen wird, sich in der Gruppe seiner Kollegen zu bewegen und irgendwie mit ihnen klarzukommen. Auch, wenn es immer wieder knallt.

Über die Jahre (und vor allem auch durch die Verfilmung der Romane) ist Marthaler beinahe zur gläsernen Figur geworden. Was für ein Mensch ist denn der neue Ermittler Neuhaus?

Er ist ziemlich smart, jünger und auch more sexy als Marthaler. Gleichzeitig ist er aber auch ein reichlich verletzter Mensch mit unschönen Erfahrungen. Aber ich will ihn nicht zu genau beschreiben; die Leser sollen ihn selbst entdecken.

Welche persönlichen Vorlieben bringt der Autor Jan Seghers in seinen Figuren unter?

Sagen wir mal, die musikalischen Vorlieben von Neuhaus sind mir nicht fremd. Und Suna-Marie, die zweite Hauptfigur, ist mir beim Schreiben immer mehr ans Herz gewachsen. Sie ist eine junge Polizistin aus deutschtürkischer Familie und wird wegen ihrer Sehschwäche von allen Grabowski genannt - wie der Maulwurf aus dem alten Kinderbuch. Sie ist eine Nudel, die von vielen unterschätzt wird. Ich mag sie wirklich sehr. Aber als Autor muss man seine Hinwendung allen Figuren schenken, auch den Fieslingen und Schurken. Alle müssen psychologisch nachvollziehbar und wahrhaftig sein.

Die Marthaler-Romane sind ein Mix aus wahren Verbrechen und Fiktion, sehr oft verbunden mit Gesellschaftskritik. Auch die Neuhaus-Premiere folgt diesem Konzept?

Ja, das liegt daran, dass ich es mag, wenn die Fantasie festen Boden unter den Füßen hat. Wenn ich reale Kriminalfälle als Ausgangspunkt nehme, habe ich schon mal etwas, woran ich mich festhalten kann. Da kann ich recherchieren, Fragen stellen, Akten studieren. Und die Wirklichkeit ist meist viel bunter, viel reicher als es die Einfälle eines Autors je sein könnten. Nein, luftgeborene Geschichten sind nicht so mein Ding.

Sie sind bekennender Frankfurt-Fan. Warum der Tatortwechsel in die Bundeshauptstadt, nach Berlin?

Da ich meine Geschichten ja fast immer von den Orten, von den Schauplätzen her entwickle, ist es nötig, ab und zu mal ein Fenster aufzumachen und frische Luft reinzulassen. Und Berlin hat schon eine enorme Energie. Dort springen einen Vergangenheit und Gegenwart an jeder Straßenecke an. Eine gute Voraussetzung, um ins Erzählen zu kommen.

Der Solist arbeitet für das BKA Wiesbaden. Da die Romanfigur Neuhaus als Krimi-Reihe geplant ist, wird es weitere wechselnde Tatorte geben?

Na klar. Aber auch für die Marthaler-Romane habe ich ja schon Ausflüge nach Südfrankreich, ins Elsass und auf die Loreley gemacht. Ich will immer neue Orte kennenlernen, weil Orte Geschichten erzählen.

Die bisherigen Seghers-Krimis hatten zumeist nahezu fünfhundert Seiten. »Der Solist« kommt auf weniger als die Hälfte (240 Seiten). Gibt es dafür besondere Gründe?

Ich musste für den Schauplatz Berlin und für den neuen Ermittler einen anderen Ton finden. Alles ist ein wenig schneller, härter, lauter. Das heißt aber nicht, dass ein kürzerer Roman schneller geschrieben ist. Ich musste diesmal viel Arbeit auf das Verdichten von Szenen verwenden. Ich wollte einfach der Geschichte einen größeren Drive geben.

Premierenlesung: HR2-Kultur sendete am Erscheinungstag von »Der Solist« eine Premierenlesung. Das Gespräch mit Jan Seghers alias Matthias Altenburg führte Alf Mentzer. Wer mehr über den neuen Seghers-Krimi erfahren möchte, der kann sich heute Abend bei HR2-Kultur einen Mitschnitt der Premierenlesung anhören. Um 18.04 Uhr geht es los.

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