Götz George als Massenmörder Fritz Haarmann im preisgekrönten Film "Der Totmacher". ARCHIVFOTO: DPA
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Götz George als Massenmörder Fritz Haarmann im preisgekrönten Film "Der Totmacher". ARCHIVFOTO: DPA

Erfindung des Nordens

Wie nagelte die Polizei Haarman fest?

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Mit "Nachtzug nach Lissabon" gelang Pascal Mercier ein Welterfolg. Auch sein neuer Roman spielt über Ländergrenzen hinweg. "Das Gewicht der Worte" behandelt die Frage, was wichtig ist im Leben. Vielleicht steht das Buch deswegen schon auf den Bestsellerlisten.

In den Adamsapfel hat er sie gebissen. Bis sie tot waren. Von "widernatürlicher Unzucht" ist die Rede, von einzelnen gefundenen Körperteilen und dem abgelösten Fleisch der Leichen, das womöglich in den Handel gelangte. Es sind schaurige Szenen, die in Hannover 1924 im Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann ans Licht kommen.

Begonnen hat die spektakuläre Mordserie in den Wirren unmittelbar nach der Barbarei des Ersten Weltkriegs. Sechs Jahre lang tötet der zunächst als kleinkriminell geltende Haarmann mehr als zwei Dutzend junge Männer und Jungen. "Schlächter", "Vampir", "der Kannibale von Hannover" - seine Beinamen zeigen, mit welcher Brutalität der homosexuelle Täter vorging.

Eindrucksvoll verkörperte Schauspieler Götz George vor 25 Jahren im preisgekrönten Psycho-Kammerspiel "Der Totmacher" den Serienmörder. Ein dunkler Raum und das gewiefte Wechselspiel zwischen Angeklagtem und Gerichtspsychiater. Grausame Dialoge in weichem Sepia.

"Von da an hat mich der Stoff fasziniert", lässt Dirk Kurbjuweit wissen. In seinem nun erschienenen Roman "Haarmann" lenkt der Berliner Autor den Blick auf die komplizierte Polizeiarbeit.

Zehn Akten hat der leitende Kommissar Robert Lahnstein anfangs auf dem Tisch liegen, zehn vermisste Jungen zwischen 13 und 18 Jahren. Tote wurden bisher keine gefunden. Das Katz-und-Maus-Spiel beginnt. "Seine Hoffnung war der nächste Fall", heißt es, "dass dieser eine Spur offenbarte, ihm eine Leiche lieferte, irgendwas, an das er anknüpfen konnte. Abscheulicher Gedanke, aber wahr." Der Kommissar, ein von den Kollegen zwielichtig beäugter Neuankömmling aus Berlin, soll die Fahndung nach dem Täter endlich auf Erfolgsspur bringen.

Neben der schwierigen Fahndung und den polizeiinternen Intrigen muss sich der leitende Ermittler genauso Ränken in der zerrissenen Gesellschaft der Weimarer Republik stellen. "Was mich an dem Fall interessiert hat, sind die politischen Bezüge", so Kurbjuweit.

Der 57-jährige Leiter des "Spiegel"-Hauptstadtbüros ist einer der renommiertesten Journalisten in Deutschland. Daneben gehört er mit Sachbüchern (etwa über Kanzlerin Angela Merkel) und Romanen wie dem Psychothriller "Angst" (2013) zu den rasantesten Buchautoren hierzulande. "Haarmann" ist Kurbjuweits achter Roman.

Die Mordserie an den "Puppenjungs", wie der Schlächter seine Opfer nannte, birgt denn auch ein politisches Element in sich. Kann Lahnstein mit demokratischen und rechtsstaatlichen Mitteln die Gewalt beenden? Denn je mehr Akten vermisster Jugendlicher auf seinem Schreibtisch landen, desto aggressiver erklären Rechtsextremisten und Feinde der Weimarer Demokratie den bekennenden Sozialdemokraten zum Sündenbock.

Kurbjuweit zeigt mit seinem Ermittler erneut seine Vorliebe für einsame Helden. Muss man bis zum Ende moralisch richtig handeln? Oder ist etwa Folter vertretbar?

"Der Schmerz aber kommt aus den alten Verhältnissen und passt nicht zu den neuen", muss sich der Kommissar einmal sagen lassen, als er Haarmann zum Verhör auf dem Präsidium hat. Das Menschenrecht gilt, auch für Mörder. Oder es gilt für keinen. Mit dieser Zerrissenheit geht Kurbjuweit mit seinem "Haarmann" weit über eine reine True-Crime-Story hinaus. Ein wahrer Roman noir. dpa

Dirk Kurbjuweit: "Haarmann", Penguin, 320 S., 22 Euro, ISBN 978-3-328-60084-8

Der Norden war einst ein Phantom, eine Linie, die auf einer antiken Karte das Ende der bekannten Welt markierte. Der Norden war ein vages Gebilde, das man mit Kälte und Dunkelheit assoziierte. Später verband man ihn mit Vorstellungen von einem geheimnisvollen Magneteisberg, der Schiffe ins Verderben leiten würde. Oder von einem Meeresschlund, der Seefahrer in die Tiefe riss. Auch viel später noch war der Norden für Mittel- und Südeuropäer eine Projektionsfläche für Ängste, Sehnsüchte, ja sogar für größenwahnsinnige Fantasien.

Genau davon handelt Bernd Brunners mitreißendes Buch "Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung", mit dem er seine Reihe erfolgreicher kulturgeschichtlicher Bücher fortsetzt. Es ist ein wunderbarer Schmöker für lange Winterabende. In dieses Werk hat Brunner eine Vielzahl von Quellen einfließen lassen, von Seefahrern, Forschern, Kaufleuten und Schriftstellern, die dem hohen Norden in Neugier und Sehnsucht, aber nicht selten auch in Misstrauen und herzlicher Abneigung verbunden waren. Sie alle prägten das Bild vom Norden so wie heute skandinavische Krimi-Schriftsteller, wohlige Hygge-Kultur oder die abschmelzenden Polargletscher.

Der Norden, so Brunners Quintessenz, "unterliegt dem historischen Wandel - und wird dabei immer wieder neu erfunden und konstruiert." Er steht auch heute noch für eine einzigartige raue Natur. Und doch hat sie ihre Unschuld verloren, ist gefährdet und fragil geworden und damit ein Symbol für den Zustand des gesamten Planeten. dpa

Bernd Brunner: "Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung", Galiani Verlag, 320 S., 24 Euro, ISBN 978-3-86971-192-8

Mit seinem neuen Buch "Das Gewicht der Worte" hat Autor Pascal Mercier ein Werk geschaffen, das für die Kraft der Literatur plädiert. Es ist aber auch eine philosophischen Betrachtung, nicht nur Protagonist Simon Leyland reflektiert nach einer vermeintlichen Krankheit sein Leben. Einmal liest man, wie der ältere Herr "È bello vivere perché vivere è cominciare, sempre, ad ogni istante", aus den Tagebüchern des italienischen Autors Cesare Pavese übersetzt. Und er überträgt: "Es ist schön, zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick." Wie schön Worte und Gedankken harmonieren können. nab

Nathan Sutherland ist Übersetzer und britischer Honorarkonsul in Venedig. Als solcher schlägt er sich meist nur mit verlorenen Reisepässen und seinem griesgrämigen Kater Gramsci herum. Jedenfalls bis Mr. Montgomery auftaucht und ihn darum bittet, ein Päckchen für ihn aufzubewahren - selbstverständlich nur für ein paar Tage.

Nathan lehnt ab, findet das Päckchen aber kurze Zeit später auf seinen Namen in einem Schließfach der Gallerie dell’Accademia hinterlegt. Der Inhalt: ein Buch mit möglicherweise originalen Illustrationen Giovanni Bellinis aus dem 15. Jahrhundert. Doch als er herauszufinden versucht, was es mit diesem Buch auf sich hat, findet er sich als Schachfigur in einem Spiel wieder, dessen Regeln er erst noch lernen muss.

Gemeinsam mit seinen Freunden, der Kunstrestauratorin Federica und dem rockmusikversessenen Pink-Floyd-Fan Dario, macht er sich eigenhändig an die Ermittlungen. Philip Gwynne Jones’ erster Roman nimmt nach einem spannenden Einstieg nur langsam Fahrt auf, was nicht zuletzt Nathans zahlreichen Restaurant- und Barbesuchen geschuldet ist.

Durch die hat der Leser aber neben einem Kriminalroman auch einen Reiseführer für den nächsten Venedig-Urlaub samt Karte zur Hand. Kaum verwunderlich, lebt doch der Autor selbst schon viele Jahre in Italien, zurzeit in Venedig. Doch spätestens ab der zweiten Hälfte des Buches überschlagen sich die Ereignisse, und der Leser wird in die dunkelsten Ecken der Lagunenstadt entführt. Und Nathan fängt an zu begreifen, dass dieses Spiel nicht nur ihn das Leben kosten könnte.

Philip Gwynne Jones legt mit dem Auftakt der Nathan- Sutherland-Reihe einen eher unkonventionellen Krimi vor, der kaum der Polizei bedarf, um den Fall aufzuklären, dafür aber auch ein langsames Erzähltempo anschlägt. Er dürfte durch seine atmosphärischen Beschreibungen der La Serenissima, wie Venedig auch genannt wird, das Herz jedes Italien-Liebhabers höherschlagen lassen. Anna-Lena Geis

Philip Gwynne Jones: "Das venezianische Spiel", Rowohlt, 336 Seiten 10 Euro, ISBN: 978-3-499-27659-0

Was zählt im Leben? Für die einen ein Dach über dem Kopf. Für die anderen: ein Komma. "Ich bin - wie soll ich sagen - glücklich, dass du mit mir zusammen über dieses Komma nachgedacht hast", sagt Simon Leyland zu seinem Nachbarn, und da ist der Leser bereits mittendrin im neuen Roman von Pascal Mercier.

Der Titel "Das Gewicht der Worte" zeigt schon, wie wichtig Sprache dem Protagonisten Leyland ist - er ist Übersetzer. Wie ein ärztlicher Irrtum seinen Blick aufs Leben verändert, erzählt der Roman, der auf fast 600 Seiten ein kosmopolitisches Leben zwischen Triest und London nachzeichnet. Dabei fehlt natürlich auch die Liebe nicht.

Pascal Mercier, der eigentlich Peter Bieri heißt, 1944 in Bern geboren wurde und in Berlin lebt, hat in "Nachtzug nach Lissabon" einst einen Altphilologen durch Europa geschickt, auf der Suche nach seinem früheren Leben. Nun hat er wieder ein philosophisches Buch geschrieben, es steht auf Platz eins der Bestsellerliste. "Das Gewicht der Worte" ist ein langsamer Roman, ein behutsamer, ein warmer. Die Geschichte nimmt sich Zeit für ihre Entwicklung. Nicht nur spielt sie in zwei Städten - Triest und London. Auch verschiedene Zeitebenen geben ihr Raum.

Der Leser ist immer bei Simon Leyland, der zu Beginn der Geschichte nach London zurückkehrt. Ein älterer Mann, der als Übersetzer sein Leben in Sprachen und Büchern verbracht hat, viele Jahre davon in Triest. Hinter dem leisen Protagonisten liegen Wochen der Todesangst, eine Fehldiagnose. Hinter ihm liegen auch: ein voreilig verkaufter Verlag in Italien und eine schon länger tote Ehefrau.

Hinter ihm liegt also ein Leben. Vor ihm aber auch. Eines, das er nun neu ordnen muss: "Jetzt, da er wieder eine Zukunft hatte, wollte er verschwenderisch mit seiner Zeit umgehen."

Von da an folgt der Leser Leylands langsamem Neubeginn, der in London anfängt, weil er das Haus seines Onkels erbt. Zaghaft schließt er Freundschaft mit dem verschlossenen Nachbarn, zaghaft nähert er sich auch sich selbst wieder an. Immer noch hört er die Fragen, die er sich nach der Diagnose, nur noch wenige Wochen zu leben, gestellt hat: "Was habe ich mit der Zeit meines Lebens gemacht? Wen habe ich gekannt, wirklich gekannt? Und an wen habe ich mich nur gewöhnt?" Das Buch kreist nicht nur um Leyland, dessen Leben in Briefen an seine tote Frau, Rückblenden und Erinnerungssequenzen geschildert wird. Es kreist auch um die Menschen, die ihn umgeben. Nach und nach entfaltet Mercier ein Beziehungspanorama. Alle Figuren eint die Frage: Wer wollen sie sein im Leben? Da sind Leylands erwachsene Kinder Sidney und Sophia. Oder seine Freunde - ein russischer Übersetzer mit krimineller Vergangenheit, ein literaturverliebter Ire, der kellnert. Oder die Mitarbeiter in dem Verlag, den seine Frau Livia einst erbte und das Paar überhaupt von England in den italienischen Nordosten führte. Der rote Faden in Leylands Leben bleibt Livia. Der Leser folgt auch einer großen Liebe.

Mercier verwebt die Figuren und ihre Schicksale, und er tut das freundlich. Man kann das langatmig finden. Und seine Figuren zu nett. Und die permanenten Sinnfragen zu pathetisch. Andererseits: Ist es nicht schön, mal ein Buch zu lesen, das kein Stück zynisch ist? Nicht mal ironisch?

Pascal Mercier: "Das Gewicht der Worte", Hanser, 576 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-446-26569-1

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