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Zu Gast bei Markus Lanz waren Politiker Cem Özdemir, Journalist Robin Alexander, Seenotretterin Pia Klemp und Neurowissenschaftlerin Maren Urner.

„Markus Lanz“, ZDF

TV-Kritik zu Markus Lanz: Geht ein Riss durch die Gesellschaft?

Ob Flüchtlinge aus Libyen oder die Eregnisse am Frankfurter Hauptbahnhof - bei Lanz debattieren Journalisten und Politiker über die richtige Berichterstattung.

Markus Lanz begann die Herbstsaison mit einer schon mal geprobten Gäste-Kombination, einem Spitzenpolitiker der Grünen und einem konservativen Journalisten. Dazu waren die Seenotretterin Pia Klemp und die Neurowissenschaftlerin Maren Urner geladen. 

Cem Özdemir, Vorsitzender des Verkehrsausschusses, konnte meistens ausführlich und nur manchmal von den typischen polemischen Einwürfen Lanz unterbrochen seine Vorstellungen einer anderen, also vernünftigen Verkehrspolitik darlegen, so dass sein Gegenüber Robin Alexander, „Welt“-Chefreporter, nur beipflichten konnte: Dergleichen könne man ja inzwischen auch von Unionspolitikern hören. Na ja, von der CSU eben nicht, die sitzt verkehrspolitisch immer noch auf dem Baum.

Seenotretterin Pia Kemp schildert Situation im Mittelmeer

Kapitänin Pia Klemp hat inzwischen gut tausend Menschen im Mittelmeer vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt, und sie schilderte mit bewundernswerter Ruhe das skandalöse Verhalten von Besatzungen deutscher, italienischer und französischer Marine-Einheiten, die tatenlos zugesehen hätten, wie vor ihren Augen Menschen ertranken. 

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Auch wies sie darauf hin – dabei unterbrochen von Lanz – dass die sogenannte „libysche Küstenwache“ in Wahrheit Milizen seien, die einige der um ihr Leben Ringenden nur aus dem Wasser zögen, um sie nach Libyen zurückzuschleppen, wo sie Elend und Folter erwarteten. Lanz ließ Filme einspielen, die die Dramatik der Rettungsaktionen zeigten. Vom Moderator befragt, befürwortete Özdemir den Einsatz auch von bundesdeutscher Marine auf dem Mittelmeer, hob aber hervor, dass eine europäische Kooperation notwendig sei. 

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Unerwartet spannend wurde dann die Debatte zwischen Robin Alexander und Maren Urner, Verfasserin des Buches „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“. Die Kognitionsexpertin kritisiert unseren Umgang mit der Informationsflut und konstatiert, dass die permanente Beschäftigung mit Nachrichten per Handy, Tablet oder Computer zu chronischem Stress führe und damit zu einem negativen Weltbild. Denn unser Steinzeit-Gehirn reagiere mit Angst auf vermeintliche Bedrohungen, und die würde auch verstärkt durch selektive Wahrnehmung, etwa den Überschriften in den Medien. So läsen 90 Prozent der User online nur die Titelzeilen, und das Ergebnis sei ein Verhalten der „gelernten Hilflosigkeit“: Man könne ja eh nichts tun. Das aber sei ein Problem für die Demokratie.

Hauptbahnhof Frankfurt: Einwand des „Welt“-Reporters läuft ins Leere

„Markus Lanz“, ZDF, von Dienstag, 6. August, 22.45 Uhr. Video (verfügbar bis 5.9.2019)

So bekam der „Welt“-Reporter Alexander eine Lektion in Journalismus. Das Thema des Mordes am Hautbahnhof Frankfurt aufgreifend, kritisierte Maren Urner die ausgiebige Berichterstattung nach Tage später und zog einen polemisch anmutenden, aber darum nicht weniger angemessenen Vergleich: Es stürben in Deutschland viel mehr Menschen an Kugelschreibern (verschluckten Kleinteilen) als an Unfällen oder Verbrechen am Bahnsteig. Alexanders Einwand, man müsse doch über die Untat berichten, lief ins Leere, denn erstens steht das außer Frage, und zweitens ging es darum nicht. Es hat sich ja herausgestellt, das der Mann aus der Schweiz offenbar psychisch krank ist.

Die Mehrzahl der Berichterstatter und Kommentatoren (rechtsextreme Nazifreunde wie die von der AfD allen voran) hob auf Herkunft und Hautfarbe ab, übersahen aber, dass der Mann in der Schweiz als gut integriert galt. Ein schlagendes Beispiel für den presseethischen Grundsatz, bei einem Täter die Herkunft nicht zu nennen, solange sie nicht relevant für die Tat ist. Dieser Grundsatz scheint bei Teilen der konservativen Presse, beeinflusst durch eine fremdenfeindliche Meinungsmache von Rechtsextremen, längst vergessen.

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Urner zitierte im Zusammenhang mit der Debatte über Migration einen „Welt“-Leitartikler, der von einem „Riss“ durch das Land sprach: Derart gefühlte Darstellung habe aber nichts mit dem (einst vom Spiegel-Chef Rudolf Augstein dekretierten) Diktum „Sagen, was ist“ zu tun. Ein „Riss“, also eigentlich die Tatsache entgegengesetzter Auffassungen, sei immer da in Gesellschaften. Und wer schreibe ihn herbei, fragte Urner. 

Markus Lanz: Nicht der schlechteste Beginn einer neuen Talkshow-Saison

Robin Alexander verstieg sich dann in eine Sackgasse, als er auf „objektiver Berichterstattung“ beharrte. Dass es diese nicht gibt, musste er wenig später einräumen, indem er auf ein anderes Kriterium auswich, etwa die „Relevanz“ von Ereignissen und schließlich selbst von einem „Näherungswert“ an Objektivität sprach.

Markus Lanz steuerte einen weiteren Beleg für die Mechanismen der Katastrophen-Industrie bei, indem er behauptete, die Medien seien doch alle „Getriebene“. Urner fragte zu Recht: von wem getrieben? So wurde ein bedeutendes Dilemma unserer Medienwirklichkeit erkennbar, und das war nicht der schlechteste Beginn einer neuen Talkshow-Saison.

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Von Daland Segler

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