Vom Marionettenvirus infiziert

Urmel aus dem Eis, kleiner König Kalle Wirsch und Kater Mikesch: Generationen von Kindern sind mit ihnen aufgewachsen. Nun erzählt Thomas Hettche die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste - liebevoll und herzerwärmend.

Das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, als am 21. Januar 1953 Punkt 21 Uhr das Marionettenspiel "Peter und der Wolf" in die deutschen Wohnzimmer flimmerte - damals ausgestrahlt vom Nordwestdeutschen Rundfunk. Der Beginn einer jahrzehntelangen erfolgreichen Zusammenarbeit, die später in dem Mehrteiler "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" gipfelte. Die jungen Puppenspieler und Sprecher unter Leitung von Walter Oehmichen waren eigens mit dem Bus quer durch das Nachkriegsdeutschland von Augsburg nach Hamburg gereist, um die Geburtsstunde des neuen Massenmediums nicht zu verpassen.

Doch es war ein steiniger Weg bis dorthin. Bereits im November 1942 führte Walter Oehmichen - ursprünglich Schauspieler und Oberspielleiter am Augsburger Stadttheater - mit seiner Familie daheim vor einer erlesenen Kollegenschar mit seinen selbst geschnitzten Marionetten "Hänsel und Gretel" auf. Aber der Puppenschrein, wie Oehmichens Ehefrau Rose - sie schneidert einfallsreich die winzigen Kostüme - die kleine Bühne taufte, wurde 1944 in einer Bombennacht Opfer der Flammen. Erst vier Jahre später, am 26. Februar 1948, öffnete sich im ehemaligen Heilig-Geist-Spital zum ersten Mal die Augsburger Puppenkiste mit einer Vorstellung von "Der gestiefelte Kater". Dort ist sie bis heute zu Hause.

Thomas Hettche, 1964 in Treis an der Lumda geboren, berichtet von den Menschen, die diese Puppen bewegen. Er schildert ihre Träume und Wünsche, beschreibt den unsichtbaren "Herzfaden", mit dem sie den hölzernen Hauptdarstellern geschickt ungeahntes Leben einhauchen. Dafür hat er zwei Erzählebenen kreiert. Auf der einen gelangt ein zwölfjähriges Mädchen heutiger Zeit nach einer Vorstellung neugierig durch eine geheime Tür auf den Dachboden der Augsburger Puppenkiste, wo all die berühmten Figuren lagern und ein Eigenleben entwickelt haben. Diese Leseabschnitte sind in Rot gehalten.

Fabulierkunst, Fiktion und Realität

Das Mädchen ohne Namen trifft hier ebenfalls auf Hatü, die eigentlich Hannelore heißt und schon als Kind vom Marionettenvirus ihres Vaters Walter Oehmichen infiziert wird, später dann in seine Fußstapfen tritt. Hatü taucht nun tief ein in ihre Erinnerungen, die sie zurückführen in die Wirren des Zweiten Weltkriegs, bei denen sie vieles beobachtet, was sie damals noch nicht verstehen kann. Ereignisse, die ihr Angst machen, aber auch ihre Fantasie und Sehnsüchte beflügeln. Eine Zeitreise, für die Hettche wundervolle Worte findet und die in dem mit zarten Strichzeichnungen von Matthias Beckmann illustriertem Band in Blau gedruckt ist.

Bereits 2014 hat der Autor in seinem Roman "Pfaueninsel" meisterhaft historische Ereignisse vor den Toren Berlins mit seiner Fabulierkunst zu einem farbenprächtigen Teppich aus Fiktion und Realität verwoben. Auch diesmal gelingt ihm die Verkettung von gut recherchierten Tatsachen mit märchenhaften Elementen, die ihren ganz eigenen Reiz entfalten. "Herzfaden" ist kein Buch für Kinder, sondern eine zauberhafte Lektüre für jung gebliebene Erwachsene, die gern an die Helden ihrer Jugend zurückdenken. Der Roman gilt als Mitfavorit für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Am 12. Oktober wird sich in Frankfurt zeigen, ob Hettche diese Auszeichnung - er war schon mit "Pfaueninsel" nominiert - endlich in Empfang nehmen darf.

Thomas Hettche: "Herzfaden". Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer & Witsch, 280 S., 24 Euro, ISBN 978-3-462-05256-5

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