"La Maison" und "Nach der Sonne"

In Talkshows ist es ein Dauerbrenner: Sind Frauen, die als Prostituierte arbeiten, unterdrückt oder selbstbestimmt? Ist es ein selbst gewählter Job fast so wie jeder andere oder doch Ausbeutung? Der französische Roman "La Maison" schildert die Welt der Prostituierten in Berlin als Faszinosum und auf literarische Weise.

Die 1988 geborene Autorin Emma Becker verarbeitet darin ihre eigene Erfahrungen - laut Verlag hat sie zwei Jahre selbst als Prostituierte in jenem Berliner Bordell gearbeitet, das sie in dem Buch beschreibt, von "Zimmer zu Zimmer, von Mädchen zu Mädchen" erzählt sie darin Geschichten. Sie hat einen Blick für Atmosphäre und Details - bis hin zu den Zetteln, die im Bordell hängen: "Kein Termin mit Carsten für Christina!"

Die Autorin ist merklich davon fasziniert, dass in Deutschlands Rotlichtwelt so vieles erlaubt ist, anders als in ihrer Heimat Frankreich.

Ihre Haltung hat sie 2019 im Interview mit dem Sender Deutschlandfunk Kultur so beschrieben: "Überall wo Prostitution legal ist, ist es deutlich besser für die Mädchen." Ob das Buch in Deutschland ankommt wie in Frankreich, ist offen. Der Zeitpunkt könnte dagegensprechen: Die Corona-Pandemie hat auch die Prostitution ausgebremst - und das Thema damit womöglich auch.

Genre- und Themenwechsel: Rätselhaft, apokalyptisch und voller Zauber sind die Geschichten im Erzählband "Nach der Sonne" von Jonas Eika. In eine Welt voller globaler Krisen, die sich aus Ausbeutung und Ungleichheit, Verzweiflung und Gewalt speisen, setzt der 1991 geborene Däne seine Protagonisten auf der Suche nach so etwas wie Gefühl und Zusammengehörigkeit in extreme Umgebungen.

Die Orte in Eikas Zweitling sind zugleich fremd und nah, dystopisch und real. Da ist etwa eine Wüste in Nevada, in der ein trauerndes Ehepaar nach dem Verlust seiner Töchter auf einer Art Burning-Man-Festival Frieden sucht.

In der hervorragenden Sommer-Doppelstory "Bad Mexican Dog" über minderjährige Strichjungen in Mexiko tariert der Autor präzise das Spiel aus Macht und Unterdrückung aus. Seine Sprache trieft buchstäblich vor Schweiß, Parfüm, Blut, Sperma, Aftersun und Wasser. Die fünf Erzählungen in "Efter solen" - so der Originaltitel - vermitteln jenes flimmernde Gefühl, in einer unruhigen Zukunft das Bessere zu finden. Für "Nach der Sonne" erhielt Eika den Literaturpreis des Nordischen Rates, gelobt wurden sein fantasievoller Ausdruck und der "echte Sinn für poetische Magie".

Emma Becker: La Maison. Rowohlt Verlag, 384 Seiten, 22 Euro, ISBN ISBN: 978-3-498-00 690 -7 / Jonas Eika: Nach der Sonne, Hanser Verlag, 160 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-446-26 782 -4

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