Birgit Birnbacher erzählt in ihrem neuen Roman von Ex-Häftling Arthur und seiner Suche nach dem richtigen Leben. FOTO: DPA
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Birgit Birnbacher erzählt in ihrem neuen Roman von Ex-Häftling Arthur und seiner Suche nach dem richtigen Leben. FOTO: DPA

Ein Leben nach dem Gefängnis

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Kriminalgeschichten gibt es viele, Erzählungen aus dem Gefängnis auch, aber was passiert danach? Wenn ein Häftling wieder frei ist? Die österreichische Autorin Birgit Birnbacher hat sich das in ihrem neuen Roman "Ich an meiner Seite" gefragt. Arthur heißt der 22 Jahre alte Ex-Straftäter, der aus dem Gefängnis entlassen wird, eine Figur so zart und besonders, dass der Leser schon nach der ersten Szene auf ihrer Seite ist. Da geht Arthur nämlich zur Uni und will einen Kaffee trinken. Eine Selbstverständlichkeit? Nicht, wenn man ein neues Leben anzufangen hat und gar nicht recht weiß, wer man eigentlich ist. Oder sein will. Oder sein könnte. Und es geht vor allem um das "könnte", wie Arthur schnell lernt.

"Nicht wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können", erklärt Arthurs Therapeut. Der heißt Börd und ist Arthur schnell sympathisch, denn: "Immer fällt Börd unangenehmer auf als er selbst." Börd ist bei seinen Vorgesetzten unbeliebt, weil er nichts auf Vorschriften gibt, außerdem hat seine Frau ihn sitzen lassen. Seitdem schläft er in einer Garage und hat einen Tinnitus: "Zwischen meinen Ohren gibt es einen Ort, den meine Frau niemals verlassen hat."

Börd hat also eine spezielle Strategie zur Resozialisierung entwickelt - das "Starring-Prinzip". Ehemalige Sträflinge sollen sich eine ideale Version ihrer selbst überlegen und im richtigen Moment spielen - zum Beispiel im Vorstellungsgespräch. "Sprich die nächste Rolle bei dir vor", sagt Börd. "Einer Hauptfigur kann man viel besser nacheifern als einem starren inneren Ideal, das man niemals erreichen wird."

Doch Birnbacher zeigt letztlich weniger den Versuch Arthurs, sich in seine eigene Optimalversion zu verwandeln, als dass sie erzählt, wer er wirklich ist. Denn natürlich fragt sich der Leser von der ersten Seite an: Warum war Arthur im Gefängnis, ausgerechnet Arthur?

Es ist nicht zu viel verraten, wenn man sagt: Wegen einer Lappalie. Die eigentliche Tragödie in seinem Leben ist vor dem Delikt passiert. Und so steuert der Roman im Grunde auf gleich zwei Höhepunkte zu. Dabei lässt sich die 1985 geborene Autorin und Soziologin Zeit. Zwischen Gegenwart und Rückblenden wechselnd, erzählt sie Arthurs Leben, ein stilles Kind und schweigsamer Jugendlicher - "ein eckiger Mensch, nicht klein, nicht groß, sagen wir, ein kleiner Garderobenschrank, ein Schränkchen mit geschlossenen Türen". Der Vater verschwindet früh, die Mutter wandert mit dem neuen Liebhaber nach Spanien aus, um ein Pflegeheim zu eröffnen. So verlässt die Familie Österreich, aber aus dem neuen Leben in der Sonne flieht Arthurs älterer Bruder Klaus lieber schnell wieder. Arthur bleibt zurück - und in sich gekehrt. "Immer ist er vielen voraus. Denkt schneller und schweigt dann, bis sie so weit sind. Aber die Ungeduld sieht man ihm an den Fingerknöcheln an."

Zwischen Tragik und Komik

Mit Sätzen wie diesen überzeugt Birnbacher, die 2019 für ihren Text "Der Schrank" über eine junge prekär lebende Frau (und einen Schrank) den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewann. Die Autorin, die zeitweise in der Entwicklungshilfe in Afrika arbeitete und in Salzburg lebt, wurde vielfach ausgezeichnet - etwa mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung.

Birnbacher entwirft in "Ich an meiner Seite" eine stimmige Geschichte, deren Spannung auch dadurch entsteht, dass sie zwischen scharf beobachteten Szenen und Auslassungen an den richtigen Stellen wechselt. Hier wird nichts auserzählt, lieber hier und da ein Schlaglicht geworfen. Auch der Ton passt zu diesem Stil: Birnbacher wechselt zwischen Tragik und Komik und erzählt so ein schweres Thema auf leichte Weise. A. Stahl

Birgit Birnbacher, Ich an meiner Seite, 272 Seiten, Zsolnay Wien, 23 Euro, ISBN 978-3-552-05 988 -7

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