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Kleiner Familien-Krimi

  • VonKatrin Hanitsch
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Zugegeben, die Story klingt auf den ersten Blick etwas klischeehaft. Ein halbwegs international bekannter österreichischer Schauspieler wird 60, und es soll eine Biografie über ihn zum Geburtstag erscheinen. Darauf hat er natürlich nicht die geringste Lust. Doch es kommt, wie es kommen muss: Der Biograf lässt nicht locker und fördert schmerzhafte Erinnerungen zutage.

Denn dieser »zweite Jakob« hat einiges zu verbergen - vor allem vor seiner Tochter.

Sich selbst ein Urteil bilden - das könnte die verbindende Herausforderung für die Leser unserer heutigen Buchempfehlungen sein. Zum einen ist da Romanautor Norbert Gstrein, der sich bei seinen Hauptfiguren nur ungern festlegt und es den Lesern überlässt, sie zu bewerten. Zum Zweiten stellen wir ein Buch vor über den Fall Gustl Mollath, der für Schlagzeilen gesorgt hatte. Ein Justizirrtum nennen es die Behörden, dass Mollath mehr als sieben Jahre zu Unrecht in der Psychiatrie saß. Mollath bezeichnet es als Staatsverbrechen und erhebt schwere Vorwürfe gegen die bayerische Politik. Aber wie gesagt: Machen Sie sich selbst ein Bild! kan

Weil Bene auf keinen Fall mit dem neuen Freund seiner Mutter ins Ferienhaus nach Schweden fahren will, erklärt er kühn, er habe schon immer seine Ferien bei Oma verbringen wollen. Da sitzt er nun in Duderstedt und hat spannende Aufgaben vor sich, wie Flusen vom Teppich zu klauben oder das Grab seines Opas zu harken. Zum Glück hat er schon im Zug die tierbegeisterte Mia kennengelernt. Mit ihr und ihrem kleinen Bruder Ole an seiner Seite wird sogar ein Friedhofsbesuch interessant, weil die beiden unglaublich viel über Tiere wissen. Noch aufregender aber wird es, als Bene unter den verdächtig schnell verwelkenden Pflanzen des Nachbargrabs kleine Päckchen mit weißem Pulver findet - ob das Drogen sind?

Mia indes verdächtigt einen protzigen Autofahrer der Tierquälerei und des Welpenhandels. Was hat wohl der seltsam zurückgezogene neue Untermieter von Oma mit alldem zu tun? Die Blumen in seinem Garten sind exakt so gepflanzt wie die auf dem Nachbargrab, und aus dem Haus kommt eine allen unbekannte Dame mit Hundewelpen…

Aus den vielen kleinen offenen Fragen spinnt Andrea Schomburg eine unglaublich spannende Geschichte! Dazu braucht sie weder Action noch gefährliche Gauner - sie hat das große Talent, ihre Leser durch geschickt eingeflochtene Informationen selbst auf »Die Spur zum neunten Tag« zu bringen, und deshalb können wir das Buch nicht aus der Hand legen, bis wir mit ein bisschen Geschick das für Bene eigentlich so wichtige Geheimnis kurz vor ihm selbst lösen. Großartig, empfiehlt euch heute eure Maren

Andrea Schomburg: Die Spur zum 9. Tag. Bilder von Miryam Specht. Ravensburg: Hummelburg Verlag, 2021. 183 Seiten. 12,99 Euro. Ab 8 Jahre.

Gustl Mollath will weg aus Deutschland. »Auf dieses Land ist überhaupt kein Verlass«, sagt der 64-Jährige kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in München. Und diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr. 2747 Tage lang saß er zu Unrecht in der Psychiatrie - als psychisch krank und gemeingefährlich vom Gericht dorthin geschickt, nachdem seine Ehefrau ihn beschuldigt hatte, sie attackiert zu haben. Seiner Geschichte über Schwarzgeldgeschäfte seiner Frau, die als Bankerin arbeitete, glaubte niemand. Sie wurde stattdessen als Beleg angefügt für seine Verwirrtheit und Paranoia. Jahre später wurde dann klar: Mollath hat die Wahrheit gesagt.

Sein Fall wurde wieder aufgerollt, er kam raus aus der Psychiatrie, Behörden und Politiker - allen voran die damalige bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) - gerieten unter Druck. »Es war kein Justizirrtum, es war ein Staatsverbrechen«, sagt Mollaths Unterstützer Wilhelm Schlötterer. Er hat den Fall in seinem neuen Buch detailliert dokumentiert. »Es wird anderen Leuten auch übel mitgespielt hier in Bayern, aber der Fall Mollath war ein Exzess. Man wollte ihn mundtot machen.« Der frühere Beamte Schlötterer ist seit Jahrzehnten Gegenspieler mächtiger CSU-Politiker. Als Finanzbeamter machte er sich Anfang 1993 bei der Aufklärung der sogenannten Amigo-Affäre einen Namen, die zum Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Max Streibl (CSU) führte.

Und auch heute noch sieht er in der CSU-Spitze quasi den Ursprung allen Übels - besonders im Fall Mollath. Die Partei sei einfach schon zu lange und zu unkontrolliert an der Macht im Freistaat. »Die CSU ist seit Jahrzehnten hier an der Macht und die Justizinstitution völlig abhängig«, sagt Schlötterer. »Nach meiner Einschätzung konnte sich der Fall Mollath nur in Bayern zeigen und in keinem anderen Bundesland. Hier ist die Staatsanwaltschaft fest in politischer Hand. Das schafft eine Neigung der Justizorgane, sich nur nach dem Winde zu richten.« Er geht davon aus, dass die Schwarzgeldgeschäfte vertuscht werden sollten, weil der Freistaat Bayern an der Bank beteiligt war. Auch wenn der Fall Mollath ein Schlaglicht auf Missstände im Maßregelvollzug in Bayern geworfen habe - geändert hat sich seither aus Sicht von Schlötterer und Mollath viel zu wenig. »Das ist wie mit einem wilden Hund: Dem schmeißt man kurz einen Knochen hin, damit er ruhig ist, und kümmert sich dann nicht weiter um ihn. Eine tatsächliche Verbesserung sehe ich nicht.«

Die frühere Justizministerin Merk hat nach Angaben ihres Büros derzeit »kein Interesse«, über den Fall zu reden, wie eine Sprecherin auf Anfrage sagte. Das inzwischen von Georg Eisenreich (CSU) geführte bayerische Justizministerium sieht die Sache anders als Mollath und Schlötterer: »Die bayerische Justiz hat sich mit der damaligen Kritik intensiv auseinandergesetzt«, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit und verweist darauf, dass der Freistaat »wesentlich daran mitgewirkt« habe, »strukturelle Defizite der bundesgesetzlichen Regelung zur Unterbringung in psychiatrischen Krankenhäusern« aufzuarbeiten. Inzwischen sehe die Strafprozessordnung - nach Darstellung des Ministeriums auch dank bayerischer Initiative - vor, dass untergebrachte Menschen regelmäßig von externen Sachverständigen begutachtet werden, an deren Qualifikation nun »erhöhte Anforderungen« gestellt würden.

Ende 2019 befanden sich nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums 2884 Menschen im Freistaat im Maßregelvollzug. Im Jahr davor waren es 2772, Ende 2017 waren es 2489. Wer wegen einer psychischen Erkrankung untergebracht wurde, verbrachte 2019 im Schnitt 5,42 Jahre in der Psychiatrie, Suchtkranke blieben dort durchschnittlich 1,42 Jahre. Damit ist die durchschnittliche Unterbringungsdauer etwas gesunken. Im Jahr 2017 waren es noch 5,98 Jahre bei psychisch Kranken und 1,53 Jahre bei Suchtkranken. Wie viele Menschen wegen eines falschen Urteils eine Entschädigung bekommen, wird nach Angaben des Justizministeriums nicht statistisch erfasst.

Mollath, der mehr als sieben Jahre in der Psychiatrie saß, hat nach einer juristischen Auseinandersetzung vor dem Landgericht München I insgesamt rund 670 000 Euro Entschädigung vom Freistaat bekommen, gefordert hatte er ursprünglich 1,8 Millionen. In diesem Jahr darf er das erste Mal wieder zur Bundestagswahl gehen, wie er sagt.

Britta Schultejans

Wilhelm Schlötterer: Staatsverbrechen - der Fall Mollath. FBV Verlag. 224 Seiten, 22,99 Euro.

Im Grunde genommen darf man den Ich-Erzählern in den Romanen von Norbert Gstrein nicht über den Weg trauen. Das war schon bei seinem vorletzten Werk »Als ich jung war« so, das wir als Fortsetzungsroman in dieser Zeitung abgedruckt haben. Da schickte der österreichische Schriftsteller, der heute in Hamburg lebt, einen Gastwirtssohn aus dem hintersten Tirol für 13 Jahre als Skilehrer nach Wyoming. Und nur nach und nach erfahren wir etwas über die wahren Beweggründe dieser Flucht aus der Heimat.

Mit Widerwillen

Auch der »zweite Jakob« ist ein unzuverlässiger Erzähler. Nur mit Widerwillen lässt der Schauspieler, der seinen Zenit schon längst überschritten hat, etwas über seine Vergangenheit raus. Und das meist nur auf Druck. Die Fragen des Schreiberlings nerven den überheblichen Selbstdarsteller derart, dass es sogar zu Handgreiflichkeiten kommt. Aber seine Tochter Luzie bohrt nach: »Was ist das Schlimmste, das du je in deinem Leben getan hast?«

Wieder schickt Gstrein seinen Protagonisten in die USA - diesmal zu Dreharbeiten nach El Paso, wo an der Grenze zu Mexiko ein zweitklassiger Actionfilm entstehen soll. Minutiös beschreibt der Autor das erste Zusammentreffen der Mitspieler auf einer Ranch in Montana und später dann die mühseligen Dreharbeiten in der texanischen Wüste, bei denen jeder jeden beäugt, sich die Spannung nicht selten durch allzu viel Alkoholgenuss entlädt. Bis es zu einem tragischen Unfall kommt, bei dem Jakob zwar nicht am Steuer sitzt, doch mit seiner Kollegin Fahrerflucht begeht. Eine Straftat, die ihn jahrelang verfolgen wird.

Wer ist nun dieser Jakob Thurner? »Nichts stimmt mit Jakob in diesem durch und durch stimmigen Roman«, befand die Jury und verlieh Norbert Gstrein dafür erst vor wenigen Wochen den mit 20 000 Euro dotierten Düsseldorfer Literaturpreis 2021. Es ist die Kunst des ausgezeichneten Literaten, die vieles im Vagen hält, Fragen aufwirft, aber kaum Antworten gibt. Oder wie es der 59-Jährige bei einer Lesung im vergangenen Herbst in Gießen formulierte: »Ich schrecke vor allzu festen Behauptungen zurück.«

Stets neue Facetten

Der Autor erweist sich als detailgenauer Beobachter und überlässt dem Leser das Urteil über seine Hauptfigur, bei der sich immer neue Facetten herauskristallisieren - wie bei einer Zwiebel, deren Schichten man schält. Dabei stellt sich gerade beim offenen Ende - dem eigentlichen Tag des 60. Geburtstags - durchaus eine unbefriedigende Ratlosigkeit ein. Aber immerhin haben wir die Bekanntschaft mit dem »ersten Jakob« gemacht - ein alter, verhuschter Verwandter unseres Sprösslings einer wohlhabenden Hoteliersfamilie. Luzie jedenfalls findet ihn sympathisch.

Norbert Gstrein: »Der zweite Jakob«. Carl Hanser Verlag, München. 447 S., 25 Euro, ISBN 978-3-446-26916-3

Gustl Mollath (M.) 2019 im Justizpalast in München mit Journalisten.
Autor Norbert Gstrein im Oktober 2020 bei einer Lesung im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses.

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