Mit Trollen ist nicht zu spaßen, das muss Peer Gynt (Max Simonischek, am Boden) schmerzlich erfahren." (Foto:Birgit Hupfeld)
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Mit Trollen ist nicht zu spaßen, das muss Peer Gynt (Max Simonischek, am Boden) schmerzlich erfahren." (Foto:Birgit Hupfeld)

Kaiser der Wahnsinnigen

  • vonBettina Boyens
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Peer Gynt ist psychisch krank, der wilde Reigen seines Lebens wird ihm zu viel. Nach fünf Stunden entfesselter Selbstsuche endet der einstige, naive Kraftprotz im Rollstuhl einer Nervenheilanstalt. Andreas Kriegenburg findet für die gewaltigen Innenreisen von Ibsens "norwegischem Faust" am Schauspiel Frankfurt Bühnenwelten, die sich nachhaltig ins Gedächtnis brennen.

Anfangs ist seine Stimme kaum zu hören. Peer Gynt liegt teilnahmslos auf einem Krankenhausbett, krümmt sich wie ein Embryo, es scheint, als sei irgendetwas in ihm gerissen. Seine Mutter fragt den Arzt verzweifelt, wie es weitergehen soll mit ihrem kranken Jungen. Dann erschrickt sie: Der vermeintliche Doktor wird von Pflegern abgeführt, auch er ist nur ein Insasse der Anstalt. Schließlich gibt eine Schwester dem Kranken mitleidig eine Schlafspritze.

Und dann zieht Peer Gynt los und erlebt eine Fantasie-Sturzgeburt in eine dunkle Erdwelt und schreit befreit: "Das ist das Leben". Wirklich? Bretter ragen baumhoch in den Himmel, der Boden ist schlammbedeckt, unheimliche Tiergeräusche locken aus der Dunkelheit. Peer reißt sich den Pyjama vom Leib, suhlt sich ekstatisch im Morast und schmiert sich ein mit dem Dreck. Warum nicht, schließlich hat ihn seine Mutter oftmals "Schwein" genannt.

Weitere Tiere suchen seine Nähe, ebenfalls verdreckt, grunzend. Sie bilden Horden von Knäueln, jagen, beißen sich. Hier beginnt Peers Leben als Urmensch, als Naturgewalt. Ein Leben ohne Liebe und ohne Moral. Er raubt die Bauernbraut Ingrid, will die Grüne, die Tochter des Trollkönigs heiraten, begegnet dem geheimnisvollen Krummen und begleitet schließlich seine sterbende Mutter in den Tod. Nur eine Fantasie? Ein Traum?

Ein Riese und Ausgestoßener

Schon bei Henrik Ibsen wird Peer Gynt zum Kaiser der Wahnsinnigen ausgerufen. Es ist ein atemberaubender Moment in Andreas Kriegenburgs Mythen-Marathon, als sich beide Innenreiche, Peers Traum- und seine Verweigerungswelt, direkt begegnen. Nach seiner ausufernden Tierexistenz, nach Unternehmertum, Sklavenhandel und schließlich dem Versuch, als Prophet im Harem anerkannt zu werden, trifft er als Altertumsforscher beim Besuch der Sphinx den Leiter einer Heilanstalt.

Dieser Doktor Begriffenfeld führt ihn in die Klinik von Kairo und macht ihn zum König der Kranken. Auch hier versagt er: Zwei Insassen nehmen sich wegen seiner Fahrlässigkeit das Leben. So kann ihn am Ende nur die asexuelle, rein krankenschwesterliche Liebe von Solveig (Sarah Grunert) erlösen, die ihm glaubend, liebend und hoffend immer treu ergeben blieb.

Max Simonischek ist Peer Gynt. Ein Riese und ein Außengestoßener, wie er im norwegischen Märchenbuch steht. Seine stumpfen Waffen gegen die Zumutungen aller Welten sind kindliche. Oft versteckt er sich, versucht dem sadistischen Treiben der Bauern und Trolle zu entgehen, erleidet die Welt eher, als das er sie voller Abenteuerlust erobert. So wird er von der Hochzeitsgesellschaft mit Bier übergossen, vom Trollkönig mit Blindheit bedroht und von den Ärzten an langen Bändern eingefangen. Aber er kann auch wüten wie ein Vieh, Menschen ertränken, Bäume entwurzeln und die geraubte Braut mit einem Handstreich nackt ausziehen.

Mit seiner Mutter Aase (kraftvoll: Katharina Linder) verbindet ihn eine tiefe Hassliebe. Ihr euphorisches Sterben, getröstet von ihrem fantasierenden Sohn auf einem fliegenden Bett, machen Simonischek und Linder zum Höhepunkt des Abends: Stille poetische Momente gelingen ihnen da, feinnervig schillernd zwischen Trost und Traurigkeit.

Spektakulär greifen das gewaltige Einheitsbühnenbild von Harald B. Thor, die Kostüme von Andrea Schraad und die Wandlungsfähigkeit des vielfach besetzten, elfköpfigen Ensembles ineinander. Allen voran tauscht Paula Hans glaubhaft die Kleider der elektrisiert überwältigten Braut mit denen der wilden Trollfrau, tanzenden Haremsdame und geduldigen Krankenschwester.

Sebastian Reiß weiß sowohl als versoffener Vater als auch als derber Trollkönig zu begeistern, der seine Tochter an Gynt verschachern will. Friederike Ott gibt die zierliche Grüne mit langem, klappernden Holzhaar versehen als Paradestück einer Bergkönigstochter. All die dunklen Märchen spielen sich inmitten von bühnenhohen Holzbrettern ab, die als grüner Hain, Schweinekoben, Bootsplanken und Bettflügel dienen und auch vorweggenommene Fegefeuer, den inneren Scheiterhaufen und eine Waldlichtung des Grauens darstellen: Peer Gynt, der seinem Credo "Sei du selbst" vergeblich hinterherjagt: Hier wird er das Rätsel seiner Existenz nicht lösen. Großer Jubel beendet einen großen Theaterabend. (Foto:Birgit Hupfeld)

(dpa). Hochmut kommt vor dem Fall. "Ich denke nicht daran, meine internationale Karriere der Wiener Staatsoper zu opfern", diktierte Intendant Karl Böhm auf dem Flughafen einem ORF-Reporter ins Mikrofon. Kurz darauf wollte er - nach fünfwöchiger Abwesenheit - Beethovens "Fidelio" dirigieren. Da brach in der Staatsoper die Hölle los. "Von der Galerie und aus den Stehplatzräumen tönten gellende Pfiffe, grelle Pfuirufe - die Wut des Publikums", notierte im März 1956 der "Bild-Telegraf". Der Intendant musste gehen.

Herbert von Karajan folgte - und hievte das Haus dank internationaler Stars in die oberste Etage der Hochkultur. Episoden wie diese umranken die nun 150-jährige Geschichte des Hauses, das in Österreich eine nationale Institution ist. Zum Jahrestag am kommenden Samstag verzichtet die Oper auf einen klassischen Festakt und will lieber künstlerisch glänzen.

"Das dauert eine Stunde, drei Reden und es bleibt nichts übrig", sagt Intendant Dominique Meyer über die zweifelhafte Rolle von Festakten. Der 63-jährige Franzose, seit 2010 Chef der Oper mit ihren fast 1000 Beschäftigten und einem Jahresetat von 120 Millionen Euro, setzt dagegen auf die Magie einer Premiere: 100 Jahre nach der Uraufführung wird Christian Thielemann die Strauss-Oper "Die Frau ohne Schatten" dirgieren, die Regie bei der Neuinszenierung hat der eher unbekannte Vincent Huguet.

Die Oper, alljährlich Schauplatz des prächtigen und für das Haus lukrativen Opernballs, gilt als das Haus mit dem weltweit größten Repertoire. Auf 120 Musikwerke und 62 Ballette können Meyer und sein Team zurückgreifen. Falls Sänger ausfielen und nicht ersetzt werden könnten, sei die Ausstattung für drei Opern ("Tosca", "Liebestrank", "Don Pasquale") sofort verfügbar. "Wenn um 12 Uhr der Notfall eintritt, können wir diese drei Stücke um 19 Uhr spielen", sagt der Technische Direktor Peter Kozak.

Folgenschwere Kritik markierte den Beginn des Hauses. Als der Monumentalbau am 25. Mai 1869 eröffnet wurde, lagen die beiden Architekten bereits im Grab. Eduard van der Nüll konnte die öffentliche Kritik an dem Prachtgebäude nicht verkraften. Die Straßen um das Haus waren einen Meter höher als ursprünglich geplant ausgefallen - und hatten dem eigentlich prestigeträchtigen Neubau den abfälligen Beinamen "versunkene Kiste" eingebracht. Van der Nüll erhängte sich noch vor der Eröffnung, sein Co-Architekt starb wenig später an einem Lungenleiden. Kaiser Franz Joseph I., ebenfalls einer der Kritiker, verzichtete künftig - so will es die Legende - auf scharfe Worte und flüchtete in die sanfte Floskel: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut."

(dpa). Johannes Nussbaum ist auf dem Berliner Theatertreffen mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis ausgezeichnet worden. Schauspieler Franz Rogowski ("Transit", "In den Gängen") entschied in diesem Jahr über den Preisträger. Er verlieh am Sonntag die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung an den österreichischen Schauspieler.

"Du bist toll, Du hast alle Farben, die der Regenbogen hat, und versuchst nicht der Regenbogen zu sein. Du bist wirklich eine Bereicherung für das Theater und den Film", begründete Rogowski seine Entscheidung. "Ich freu mich auf alles, was da kommt mit Dir und von Dir." Den Preis erhält Nussbaum für seine Leistung in der Aufführung "Das große Heft" (Staatsschauspiel Dresden) nach dem Roman von Ágota Kristóf. Mit dem Preis wird jährlich eine junge Schauspielerin oder ein junger Schauspieler geehrt, der mit einer "herausragenden Leistung" in einem der eingeladenen Stücke aufgefallen ist. Zum Berliner Theatertreffen werden jedes Jahr die "bemerkenswertesten Inszenierungen" aus dem deutschsprachigen Raum eingeladen.

Am heutigen Montag geht das Theatertreffen zu Ende. Verhandelt wurde diesmal bei einer Konferenz auch über die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Theater. In den kommenden beiden Jahren soll es eine Frauenquote geben.

(dpa). Eines der geheimnisvollsten Dokumente der Geschichte soll nach 100 Jahren Rätselraten und Forschen entschlüsselt sein. Ein britischer Akademiker schreibt in der Fachzeitschrift "Romance Studies", er habe sowohl die mysteriöse Schrift als auch die Sprache des sogenannten Voynich-Manuskripts aus dem 15. Jahrhundert geknackt. Seit die Universität Bristol dies vergangene Woche bekannt gemacht hat, wächst allerdings die Skepsis unter Fachkollegen.

Die Handschrift auf Pergament, 240 Seiten lang, sei in einer ausgestorbenen Sprache und einer heute unbekannten, aber einst üblichen Schrift geschrieben, sagte Gerard Cheshire, der es decodiert haben will. Die Sprache sei Protoromanisch, von der es bis heute keine andere Dokumentation gibt. Sie gilt als Verbindung zu heutigen romanischen Sprachen wie Spanisch Französisch oder Italienisch.

Fachkollegen weisen Cheshires Schlussfolgerungen aber zurück. Cheshire habe seine Thesen seit längerem an Fachkollegen verschickt und sei zwei Jahre lang nicht ernst genommen worden, sagte der Computer-Linguist Jürgen Hermes von der Universität Köln, der das Voynich-Manuskript 2012 in seiner Dissertation behandelt hat, der Deutschen Presse-Agentur.

(dpa). An der Volksbühne in Berlin sind am Sonntag Kulturschaffende für eine offene Gesellschaft auf die Straße gegangen. Unter dem Motto "Unite & Shine - Für ein Europa der Vielen!" zogen Künstler und Kultureinrichtungen zum Platz des 18. März ziehen. Zur Demonstration waren Redebeiträge des Schriftstellers Ingo Schulze, des Warschauer Theaterintendanten Pawel Lysak sowie des Künstlers Wolfgang Tillmans angekündigt, der für seine Fotografien den britischen Turner-Preis gewonnen hat. Ingo Schulze forderte, sich für grundlegende Veränderungen stark zu machen. "Es reicht nicht, sich als weltoffen und bunt zu gerieren und die EU-Fahne zu schwenken", sagte er laut Mitteilung. "Eine Glorifizierung der EU in ihrer jetzigen Struktur und Funktionsweise ist genauso borniert und falsch wie ein Zurück zum Nationalstaat."

(dpa). Der Schriftsteller Ulrich Woelk erhält den diesjährigen Alfred-Döblin-Preis. Das teilte die Akademie der Künste in Berlin am Samstagabend mit. Der 58-Jährige wird für sein Manuskript mit dem Titel "Für ein Leben" geehrt. Die Auszeichnung ist mit 15 000 Euro dotiert. Das Romanprojekt erzähle "am Beispiel zweier Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus rund ein halbes Jahrhundert Berliner und europäischer Geschichte", teilte die Jury mit. "Detailgenau, lebensnah, tragisch und komisch geht Ulrich Woelk den großen Fragen des Lebens nach: Liebe und Tod."

Der in Bonn geborene Woelk ist promovierter Physiker und arbeitete unter anderem von 1988 bis 1995 an der TU Berlin. Seinen ersten Roman "Freigang" veröffentlichte er im Jahr 1990. Seit Mitte der 90er Jahre lebt Woelk in Berlin. Der Alfred-Döblin-Preis wird alle zwei Jahre für ein noch nicht fertiggestelltes Prosa-Manuskript vergeben. Er wurde 1979 von Günter Grass gestiftet. Zuletzt gewannen Natascha Wodin (2015) und María Cecilia Barbetta (2017).

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