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100 Jahre durch Wüste und Prärie

  • Rüdiger Geis
    vonRüdiger Geis
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Der Ritt in den Sonnenuntergang hat Lex Barker und Pierre Brice in den 60er Jahren zu Ikonen der Kinoleinwand gemacht. Die Abenteuer mit Old Shatterhand und Winnetou waren Sensationserfolge. Doch die Geschichte der Karl-May-Verfilmungen begann schon wesentlich früher. Vor 100 Jahren. Und ziemlich erfolglos.

Meistgelesener Autor deutscher Sprache - diese Bezeichnung für den Schriftsteller Karl May gilt heute wohl nur noch im Rückblick. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen haben Harry Potter und der "Herr der Ringe" Winnetou, Old Shatterhand, Kara ben Nemsi und Hadschi Halef Omar in der Gunst abgelöst. Doch präsent sind seine Werke immer noch. Besonders die Kinofilme mit Lex Barker und Pierre Brice aus den 1960er Jahren versüßen im Fernsehen regnerische Sonntage oder das Feiertagsprogramm.

Doch der Start May’scher Abenteuer auf der Leinwand war vor fast genau 100 Jahren. Der Berliner May-Film-Experte Stefan von der Heiden hat dieses Jahrhundert Filmgeschichte in einem neuen Buch aufgearbeitet. Im Stil der klassischen Bildbände, die seinerzeit parallel zu den Barker/ Brice-Filmen erschienen und heute begehrte Sammlerobjekte sind, bietet es auf 200 Seiten zahlreiche farbige und schwarz-weiße Abbildungen - zum Teil bisher unveröffentlicht. Eine Einleitung und kurze erklärende Texte ordnen die Bilder jeweils ein.

Alles auf Anfang: Im Oktober 1920 kommt mit "Auf den Trümmern des Paradieses" der erste von drei von der Berliner Ustad-Film produzierten May-Filmen ins Kino. Sie fallen beim Publikum derart heftig durch, dass die Firma Konkurs anmelden muss.

Der zweite Versuch, Mays Abenteuer-Romantik zwischen Perforationslöcher zu bannen, datiert aus dem Jahr 1935. "Durch die Wüste" wird quasi an Originalschauplätzen in Ägypten gedreht. Und obwohl Fred Raupach als Kara ben Nemsi dem Ich-Erzähler Karl May wie aus dem Gesicht geschnitten ist, wird der gut gemeinte Film ein Misserfolg. Den Nazis ist er wohl zu unheldisch, dem breiten Publikum zu aktionsarm.

Nächster Anlauf im Wirtschaftswunder: "Die Sklavenkarawane" durchzieht 1958 spanische Filmgefilde und läuft anschließend mit einigem Erfolg über die Leinwände. Immerhin trauen sich die Produzenten mit "Der Löwe von Babylon" 1959 einen Nachfolgestreifen zu, in dem Georg Thomalla als quirliger Hadschi Halef Omar erneut Komik verbreiten darf, während der arrogante Ex-Ufa-Star Viktor Staal durch den wesentlich jüngeren und sportlicheren Helmuth Schneider ersetzt wird. Doch die babylonische Raubkatze erweist sich eher als erfolgloser Stubentiger. Und Karl May gilt erst einmal als unverfilmbar.

Ein Schatz an der Kinokasse

Bis 1962. Da bringt der Berliner Rialto-Film-Produzent Horst Wendlandt mit dem Münchener Constantin-Verleih "Der Schatz im Silbersee" zu Weihnachten in die Kinos. Der Versuch, einen deutschen Western zu kreieren, wird in der Branche zunächst mit Erstaunen und dann mit Häme in Erwartung eines grandiosen Scheiterns aufgenommen. Doch noch vor dem Jahreswechsel reiben sich die Kritiker erstaunt die Augen: Der Film wird zum Schatz an der Kinokasse - mit elf Millionen Besuchern im Laufe von zahlreichen Wiederaufführungen. Schon ein Jahr später geht "Winnetou 1. Teil" ins Rennen um die Publikumsgunst und macht Barker, Brice und Marie Versini (die tragische Winnetou-Schwester Nscho-tschi) über Jahre zu Stars.

17 Filme werden es insgesamt. 1968 ist mit "Tal der Toten" Schluss. Der härtere Italo-Western, der eigentlich erst durch den Erfolg der May-Filme möglich wurde, ist einer ihrer Totengräber. Die Übersättigung des Marktes, das Schlachten einer Milchkuh, ein weiterer. Die gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 60er Jahre lassen romantische Märchenhelden endgültig ins Abseits reiten.

1974 flimmert des Schriftstellers Name - diesmal titelgebend - über die Leinwände. Hans Jürgen Syberbergs "Karl May" arbeitet die tragischen letzten Lebensjahre des Autors auf. Große Kunst mit zahlreichen Alt-Stars des deutschen Films. Das Publikum jedoch gähnt zumeist bei dem über drei Stunden langen Opus.

Doch damit endet Mays Kinofilmpräsenz noch nicht. Der DDR-Puppentrickfilm "Die Spur führt zum Silbersee" (1990) und die Computeranimation "Die Legende vom Schatz im Silbersee" (2009) bringen allerdings nur mäßige Leinwanderfolge.

Ganz anders als ein Film, der die Klassiker der 1960er liebevoll auf die Schippe nimmt: "Der Schuh des Manitou" von Bully Herbig. Über elf Millionen Zuschauer lachen über Abahachi, Winnetouch und Ranger, die humorvoll gestalteten Ebenbilder der May-Helden. Und noch immer kein endgültiger Ritt in den Sonnenuntergang: Im kommenden Jahr soll "Der junge Häuptling Winnetou" ins Kino kommen.

Von der Heiden hat die Filmfotos ergänzt durch Aufnahmen von den Sets, Kostümproben, Abbildungen internationaler Werbemittel, Einladungsschreiben zu Uraufführungen, Menükarten der Premierenfeiern und FSK-Freigabebescheiden. Somit bietet der Band auch einen interessanten Blick hinter die Kulissen.

Stefan von der Heiden: 100 Jahre Karl May im Kino. Karl May Verlag, Bamberg, 200 Seiten mit 127 farbigen und 104 schwarz-weißen Abbildungen, 29 Euro, ISBN: 978-3-7802-3089-8

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