Immer wieder Weltmeister, zumindest moralisch

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So eine Geschichtsdarstellung liest man selten: Geschichte nicht als totes Wissen, sondern als das, was bis heute fortwirkt, in neuem Gewand. So bietet das neueste Werk des Meisters der deutschen Geschichtsschreibung, Heinrich-August Winkler, das seit August schon in seiner zweiten Auflage erschienen ist, zwei Überraschungen zugleich: Eine faszinierende Übersicht über die deutsche Nationalgeschichte, knapp zunächst, ab dem 19. Jahrhundert bis ins Corona-Jahr 2020 immer detailreicher. Und es wirft den Blick auf einige "Grundtatsachen" des späteren deutschen Nationalstaats.

Eine davon ist laut Winkler der universalistische Anspruch des 1806 eingegangenen Reiches, das anders als seine längst schon zu Nationalstaaten reifenden Nachbarn immer mehr als nur das war und sein wollte. Auch noch in der kleindeutschen zweiten Variante ab 1871, erst recht in der dritten von 1933 bis 1945. Höchst irritierend, wie die Erfahrung untilgbarer Schuld jener Jahre letztlich aber auch nur wieder in das spezifisch deutsche Gefühl einer übernationalen Sendung mündet, wie sie bei keinem Nachbarstaat in Europa geteilt wird.

Winkler beschreibt, wie Luther, der konservative Revolutionär, die geistige Befreiung der Deutschen mit weltlicher Knechtschaft erkaufte. Er beschreibt deutsche Sonderwege, entgegen aller Lippenbekenntnisse, bis zur folgenschweren deutsch-österreichischen Offenhaltung der Grenzen im September 2015. Der hierzulande gepflegte moralische Rigorismus erscheint als Grundelend deutscher Politik, an deren Wesen die Welt schon oft genesen sollte. Wer dieses Buch liest, versteht das besser und sieht auch manche Politiker der Gegenwart mit neuen Augen. Große Empfehlung. Tibor Pézsa

Heinrich-August Winkler: Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen. H.C.Beck, 255 S., 22 Euro.

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