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Komische Stimme, aber singen kann er: Herbert Grönemeyer.

Grönemeyer im Waldstadion

Herbert Grönemeyer in Frankfurt: Er rennt und rennt

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Stundenlanges Sekundenglück mit Herbert Grönemeyer im überschwappenden Stadion. Er singt mehr als 30 Lieder und vereint zigtausend Menschen im Bekenntnis gegen rechts.

Nicht alles, was man über Herbert Grönemeyer so liest, haut einen völlig um („Im Alter von 14 Jahren wurde er konfirmiert; Neu-Isenburger Restaurant-Chef erkennt ihn nach 25 Jahren nicht auf Anhieb wieder), aber manches schon (stimmt ja – er spielte im Film „Control“ über den verstorbenen Joy-Division-Sänger Ian Curtis einen Arzt). Und sein Konzert im vor Zuneigung wieder einmal überschwappenden Waldstadion, das auch.

„Du denkst, dein Herz schwappt dir über“ heißt es gleich im ersten Lied, „Sekundenglück“, Hit-Single aus Grönemeyers 2018er Album „Tumult“, seinem elften Nummer-1-Album in Folge seit 1984. „Tumult“ ist natürlich ein ganz ausgezeichneter Titel. Vor allem passt er glänzend zu dem, was der 63-Jährige vom Start weg im Stadion abzieht.

Herbert Grönemeyer erkennt man an der Stimme

Herbert rennt und rennt, von rechts nach links, von hinten nach vorne über den langen Laufsteg bis dahin, wo ungefähr der Anstoßpunkt aufgekreidet wäre, hätte man nicht den Fußballrasen entfernt und durch Bodenplatten ersetzt. Die Menschen so klein in einem so großen Stadion. Sonst erkennt man die wichtigen an ihren Rückennummern. Heute erkennt man ihn an seiner Stimme.

„Bist du da“ folgt an zweiter, „Und immer“ an dritter Stelle, ebenfalls vom aktuellen Album, die Band: astrein. Die Leute gehen mit, singen mit, schreien mit, lassen sich zu Chören animieren: „Jeder braucht ein trautes Umfeld – keiner wohnt für sich“. Und sie jubeln zwischen den Songs. „Wo soll das noch hinführen?“, ruft der blonde Mann. „Das ja Wahnsinn! An einem Montag – wie seid ihr erst am Wochenende?“ Und rennt und rennt.

Mittags konnte man sich noch ärgern, dass er bei dem Mistwetter nicht einfach in der warmen Festhalle auftritt. Abends ist das mit dem Stadion schon sehr okay, der Sound wie immer an unterschiedlichen Stellen recht unterschiedlich, aber die Leute wollen gern viele sein, wenn es auch manche textilmäßig im T-Shirt deutlich untertreiben. Es wird Herbst, aber die Gemeinschaft wärmt, und Grönemeyers Texte wärmen sowieso. „Sehr schön gesungen!“, lobt er die Freunde. Im Klassiker „Bochum“, zu dem Einzelne im Publikum sogar Schals des ruhrigen VfL schwingen, bringt er unter: „Du bist keine Weltstadt – so wie Frankfurt!“ Minutenlanger Jubel. Umfragen hätten ergeben, dass ihn die Leute zu sieben Prozent wegen seiner Texte liebten, zu 15, weil er sich so gut bewegen könne, und zu 95 Prozent, weil er so fantastisch aussehe, schwindelt Herbert Grönemeyer. Die Selbstironie tut ihm gut und allen anderen auch.

Herbert Grönemeyer: Aber singen kann er

Was für ein Phänomen. Der Mann sieht nicht direkt überwältigend aus, er hat eigentlich keine Singstimme (aber singen kann er), manchmal versteht man ihn kaum (im Waldstadion spricht er aber überproportional deutlich, danke auch dafür) – und doch ist dieser schon immer irgendwie Opa-hafte Typ der erfolgreichste deutsche Musiker und ein legendärer Schauspieler zudem.

Es muss an seiner unbändigen Energie liegen, aber auch an seiner Zugewandtheit. „Männer“, „Was soll das?“, „Vollmond“, „Halt mich“ – zu keiner Sekunde kommt auch nur der Verdacht auf, Grönemeyer könnte keinen Spaß haben an dem, was er tut. Jede kleinste Geste signalisiert: Leute, ich hab’ richtig Bock auf dieses Konzert! Macht mit! Ein sehr softes Lied wie „Mein Lebensstrahlen“ singt er „so lang, bis es alle lieben, und wenn es hundert Jahre dauert“, kündigt er an und erklärt den Vorverkauf für 2119 für eröffnet.

Es folgt eine Wutrede gegen Nazis*, das zigtausendfach geteilte Bekenntnis: „Keinen Millimeter nach rechts!“ In den sozialen Medien werden sie ihn später für die klaren Worte feiern, im Stadion ad hoc mit „Oooohoohooo“- und „Oh-wie-ist-das-schöön“-Chören und dem halb gebrüllten, halb hingeheulten „Gib mir mein Herz zurück“.

„Das machen wir jetzt bis morgen früh!“, ruft rennend Herbert Grönemeyer. Ungefähr so kommt es auch, mehr als 30 Lieder, Zugaben ohne Ende. Magische Nächte im Waldstadion, das ist wieder so eine.

Während Herbert Grönemeyer in der ausverkauften Commerzbankarena spielte, standen viele Fans vor dem Waldstadion immer noch im Stau - einige gaben schließlich auf.

von Thomas Stillbauer

*fr.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion.

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