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"Wo ich mich finde"

Herantasten an das Leben

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Statt in die Lebensfreude anderer mit einzutauchen, beobachtet sie diese nur. Die namenlose Ich-Erzählerin in Jhumpa Lahiris "Wo ich mich finde" verzichtet auf Nüsse, Blutorangen und getrocknete Feigen, die eine Gruppe fröhlicher Touristen ihr während einer Zugfahrt anbietet. Denn sie hat schon ein "kaltes, geschmackloses Brötchen" gegessen. Die Szene beschreibt eindrücklich, was die Leser im neuen Roman der US-amerikanischen Pulitzer-Preisträgerin (53) erwartet.

Das Leben der Protagonistin scheint erstarrt. Sie ist verliebt in den Mann einer Freundin, weiß schon in welchem Seniorenheim sie ihr Alter verbringen will und lebt seit jeher in derselben, ebenfalls namenlosen Stadt in Italien. Abenteuer? Passieren anderen.

Lahiris Geschichte ist kein klassischer Entwicklungsroman, sondern ein vorsichtiges Herantasten der Hauptfigur an das Leben. In Bruchstücken erfahren wir mehr von ihr. Sie ist Mitte 40, arbeitet als Dozentin an der Universität, geht schwimmen und ins Theater. Die banalen Alltagserlebnisse beschreibt Lahiri in prägnanten Sätzen, aufgeräumt wie die Wohnung ihrer Hauptfigur. Der Text an sich aber ist gefüllt mit Sprachbildern. Mitunter schießt die Autorin dabei jedoch etwas übers Ziel hinaus. Mit ihrer ansonsten sehr feinsinnigen Sprache gelingt es Lahiri, die banalen Orte und die unspektakulären Erlebnisse der Protagonistin zum Leuchten zu bringen.

Die Unschärfe in den familiären Schilderungen ist die größte Enttäuschung - und zugleich die größte Stärke des Buchs. Aber: Der Leser kann die Lebendigkeit nachempfinden, die sich in den stets kurz gehaltenen Kapiteln abspielt, ganz ohne Sentimentalität. Auch die Hauptfigur wirkt trotz aller Vergleiche mit anderen nicht elend und unglücklich in ihrem Alltag. dpa

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde, Rowohlt, 155 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-498-00 110 -0.

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