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Gießener Krisenmanager im Kanzleramt

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Im Kanzleramt ist er der Mann an ihrer Seite. Helge Braun aus Gießen ist Vertrauter, Berater und jetzt ganz besonders der Krisenmanager der Bundeskanzlerin. Im Kampf gegen das Coronavirus besetzt er eine Schlüsselposition.

Helge Braun ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. Als Chef des Kanzleramts koordiniert und organisiert er die Maßnahmen der Regierung in der Corona-Krise. 35 Minuten haben wir für das Telefoninterview. Viel Zeit, die ein viel beschäftiger Mann uns da kurzfristig gewährt. Und der Anruf aus Berlin kommt auf die Sekunde pünktlich.

Herr Minister Braun, wie fühlen Sie sich?

Angesichts der ernsten Lage in der sich unser Land befindet, spüre ich natürlich die Verantwortung, bin etwas angespannt. Dennoch bleibe ich ein optimistischer Mensch.

Wie kommt die Kanzlerin im Homeoffice zurecht?

Wir haben schon seit einigen Wochen für viele Mitarbeiter Homeoffice-Möglichkeiten eingerichtet. Wir sind also eingeübt. Als dann jetzt die Kanzlerin dazukam, war das schon gar nichts Besonderes mehr. Einige Mitarbeiter sitzen bei Konferenzen mit großem Abstand zueinander im Sitzungsraum, andere werden zugeschaltet.

Im Kanzleramt sind schon ohne Corona die Arbeitstage lang. Machen Sie noch Pausen? Und schlafen Sie überhaupt noch?

Natürlich sind die Tage lang. Als wir innerhalb von fünf Tagen die Gesetzespakete zur Corona-Krise auf den Weg gebracht haben, da gab es Nächte, in denen wir nur drei Stunden geschlafen haben. Jetzt ist es wieder besser, auf sechs Stunden Schlaf komme ich schon.

Wann waren Sie das letzte Mal zu Hause, also in Gießen?

Ich fahre eigentlich jedes Wochenende nach Gießen. Am vergangenen Wochenende hatte ich mir vorgenommen, wenigstens mal kurz in den Garten zu gehen. In Berlin habe ich nämlich keinen. Aber dann endete es so, dass ich Samstag und Sonntag telefoniert und durchgearbeitet habe. Weil noch so viele Dinge geklärt werden müssen. Aber den Rhythmus, fünf Arbeitstage in der Woche in Berlin und am Wochenende zu Hause, den lasse ich mir nicht nehmen.

Sie haben als Kanzleramtschef eine Schlüsselposition im Kampf gegen das Coronavirus. Krank werden dürfen Sie nicht. Gelten für alle, die zum inneren Kreis um die Kanzlerin gehören, noch mal viel striktere Schutzmaßnahmen als für die Bevölkerung?

Nein, wir machen im Grunde genommen genau das, was das Robert-Koch-Institut (RKI) für Bürotätigkeiten vorsieht. Wir erledigen manches per Telefonschaltung. Die regelmäßigen Kabinettssitzungen machen wir gar nicht mehr im Kabinettssaal, sondern in dem wirklich sehr großen internationalen Konferenzraum. So ist es möglich, dass neben jedem Minister links und rechts ein Platz frei bleibt. Damit halten wir den vom RKI empfohlenen Abstand von mindestens 1,5 Metern ein.

Herr Braun, können wir in diesem Jahr Ostern abhaken?

Ich hoffte, dass es trotz allem für viele ein schönes Osterfest wird. Aber leider ist es so, dass wir noch mal sehr deutlich sagen mussten, dass an Ostern weder Tagesausflüge noch Verwandtenbesuche richtig sind. Alle sind angehalten, zu Hause zu bleiben. Man muss auch Ostern die Kontakte auf die Menschen beschränken, mit denen man zusammenwohnt. Das heißt, dass der traditionelle Verwandtenbesuch in diesem Jahr leider ausfallen muss.

Wird Corona uns womöglich noch bis Weihnachten beschäftigen?

Wie lange die Krise uns letztlich beschäftigt und in welcher Intensität, ist momentan sehr schwer zu sagen. Wenn man sich nur die Entwicklung in einer Woche anschaut, sieht man, dass alles von ganz vielen Faktoren abhängt. Bis Weihnachten kann man das weder voraussehen noch vorausplanen. Vor allem versuchen wir jetzt, mit den getroffenen Maßnahmen die Ausbreitung der Infektion zu verlangsamen. Das Ziel ist, dass nicht zu viele Patienten auf einmal im Intensivbereich der Krankenhäuser behandelt werden müssen, sich also nicht innerhalb sehr kurzer Zeit zu viele Menschen anstecken. Ob unser Gesundheitssystem das schafft, hängt auch davon ab, wie lange die Patienten stationär behandelt werden müssen. Auch stellt sich die Frage, ob neue Medikamente die Heilung beschleunigen können. Das kann man alles jetzt noch nicht genau sagen. Nach Ostern geben wir neue Empfehlungen.

In einem Interview haben Sie gesagt: "In Deutschland habe ich momentan den Eindruck, dass sich die Bevölkerung vorbildlich an die Regeln hält. Und deshalb bin ich überzeugt, dass wir in einigen Tagen ihren Erfolg sehen werden." Das ist vier Tage her. Sieht man schon was?

Ja, als die Krise begonnen hat, bevor wir die Schutzmaßnahmen beschlossen haben, hat sich die Zahl die Infizierten alle drei Tage verdoppelt. Das ging rasant schnell. Wir sehen jetzt, dass sich das Tempo verlangsamt. Aktuell dauert es jetzt sieben bis acht Tage, bis sich die Zahl verdoppelt hat. Auch das ist noch zu schnell, deshalb müssen wir jetzt Geduld haben.

Noch immer ist im Kabinett von der Ruhe vor dem Sturm die Rede. Wenn uns der Sturm erst noch bevorsteht, dann kann es im April noch kein Ende der Zwangsmaßnahmen geben. Oder doch?

Alle reden jetzt davon, ob es Ende April eine Verschärfung oder eine Lockerung der Maßnahmen gibt. Das ist jetzt aber noch nicht die Frage. Wir müssen jetzt permanent daran arbeiten, die Zahl der Neuinfektionen klein zu halten, versuchen, die Infektionsketten zu durchbrechen. Dabei hilft bald auch eine neue App. Da haben die Gesundheitsämter künftig ganz andere Möglichkeiten, als die Leute nur zu befragen.

Alle schauen trotzdem gebannt auf den 20. April. Bis dahin bleiben die aktuell geltenden Maßnahmen bestehen. Aber mit was müssen die Menschen danach rechnen? Kehren die Kinder zurück in die Schulen, wird das Kontaktverbot aufgehoben?

Das werden wir mit den Ministerpräsidenten besprechen, dann alles Nötige vorbereiten und rechtzeitig vor dem 20. April auch die Öffentlichkeit informieren. Entschieden ist da noch nichts.

Die Entscheidungen für solche Maßnahmen trifft die Politik. Wie sehr folgen denn Politiker dabei dem Rat der Experten? Und spielt auch der Druck der Öffentlichkeit, der Wirtschaft, der Opposition eine Rolle?

In der Politik muss man immer das ganze Land im Blick haben. Und natürlich müssen wir abwägen zwischen dem, was das RKI sagt, und dem, was wir an wirtschaftlichen und sozialen Folgen erwarten. Und dann einen Weg wählen. Die Verantwortung tragen immer wir als politische Entscheidungsträger.

Manche Virologen sind mittlerweile so bekannt wie Popstars. Auch Sie, Herr Braun, sind in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner, aber das ist nichts gegen Herrn Drosten. Er ist der Mann, der uns Corona erklärt. Treffen Sie ihn jetzt regelmäßig? Oder liefert das "staatliche" RKI Ihnen alle Informationen, die Sie benötigen?

Ich bin mit vielen Kollegen, die ich aus der Studienzeit kenne oder die ich später zu meiner Zeit als Arzt an der Uni-Klinik in Gießen kennengelernt habe, im Kontakt. Ich frage sie nach ihrer Einschätzung der Lage. Als Arzt, der auch auf einer Intensivstation gearbeitet hat, denke ich gerade in diesen Tagen sehr an meine Kollegen. Und natürlich rede ich mit Herrn Wieler vom RKI, auch mit Herrn Drosten und anderen. Damit ich ein breites Bild aus verschiedenen Bereichen habe, auf das ich mich berufen kann.

Es gibt Wirbel um eine Pille gegen Corona aus Japan. Laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat Deutschland Millionen Packungen gekauft. Was ist dran an der Geschichte? Gibt es denn Belege darüber, dass das Medikament wirklich gegen das Virus hilft?

Wir führen momentan in Zusammenarbeit mit Universitätskliniken in Deutschland viele Untersuchungen durch. Weil wir natürlich aufgrund eigener wissenschaftlicher Erfahrungen herausfinden wollen, ob es uns möglich ist, den Verlauf von Corona-Erkrankungen positiv zu beeinflussen, dafür zu sorgen, dass die Krankheit milder verläuft, dass ein Aufenthalt auf einer Intensivstation vermieden werden kann. Und da gibt es einige neuere, aber auch ältere Medikamente, die dabei möglicherweise hilfreich sind. Aber wir fördern auch die Entwicklung von ganz neuen Wirkstoffen. Das Ganze läuft mit Hochdruck.

Aber was ist denn jetzt konkret mit dem Medikament aus Japan?

Noch gibt es nichts, was belegbar eine grundlegende Verbesserung bringt.

Frankfurter Forscher haben einen Test zur schnelleren und großflächigeren Analyse von Corona-Tests entwickelt. Statt bundesweit derzeit rund 40 000 Tests pro Tag, könnten es mit der neuen Methode bis zu 400 000 sein. Ab wann wird das Verfahren angewandt?

Wir haben jetzt mehrere verschiedene Tests, die auch in großen Stückzahlen durchgeführt werden können. Wir als Regierung schaffen auch Testmaschinen an, mit denen wir mehrere Tests gleichzeitig machen können. Wir sorgen Woche für Woche dafür, dass immer mehr Tests durchgeführt, unsere Kapazitäten vergrößert werden können. Wobei es im Vergleich mit anderen Ländern jetzt schon so ist, dass in Deutschland sehr viel mehr getestet wird als in anderen Ländern. Wir sind schnell, müssen aber auch noch genauer werden.

Im Zusammenhang mit Corona werden zunehmend auch ethische Fragen diskutiert. Zum Beispiel, wenn es um die Abwägung zwischen den Interessen unserer Volkswirtschaft und der Gesundheit Einzelner geht. Was hat Priorität?

Wir haben mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz noch mal deutlich gemacht, dass wir die Krankenhäuser finanziell unterstützen wollen. Wir dürfen die Medizin nicht in die Situation bringen, dass sie sich wirtschaftlichen Fragestellungen beugen muss. Das gilt aber auch für das Land als Ganzes. Wir haben gesagt, die Gesundheit steht an erster Stelle. Aber natürlich haben wir dann auch Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft in einer gewaltigen Größenordnung beschlossen. Und wir haben für eine Abfederung von sozialen Härten gesorgt. Grundsätzlich hat nicht die Wirtschaft Vorrang vor der Gesundheit der Menschen.

In der Corona-Krise müssen wir auf das verzichten, was uns besonders gut durch Krisen hilft: Trost und Zuwendung durch menschliche Nähe. Spielen solche Dinge bei den Überlegungen der Politik eine Rolle, zum Beispiel, wenn es um die Verlängerung von Zwangsmaßnahmen geht?

Ja, das ist eine große Sorge, die uns umtreibt. Wir denken da an Menschen, die alleine leben - oder wo es eine kritische Familiensituation gibt. Einige Wissenschaftler warnen vor einer Zunahme von Depressionen und auch von häuslicher Gewalt. Und das nehmen wir natürlich ernst. Es bewegt uns auch. Aber bei der Abwägung und bei der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen haben wir das bedacht. Und bleiben dabei, dass durch die Maßnahmen besonders die Schwerkranken geschützt werden müssen.

Herr Braun, es ist die Frage, die viele von uns umtreibt: Ab wann gibt es einen Impfstoff?

Das ist sozusagen eine Frage des Erkenntnisgewinns. Und wissenschaftliche Erkenntnis, die kann man nicht erzwingen, die braucht Zeit. Aber es gibt alleine in Deutschland mehrere Firmen, die auf einem guten Weg sind und die sich zutrauen, noch in diesem Jahr Impfstoffe zu testen. Trotzdem müssen wir wohl auf einen breit verfügbaren Impfstoff bis 2021 warten.

Fotos: dpa

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