Im Gelobten Land gescheitert

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Der zweite Teil von Rafael Seligmanns erhellendem Familienroman zeigt einfühlsam und drastisch zugleich, dass die Nächsten nicht immer die Liebsten sind. Als Ludwig, der Vater des Autors, in Israel geschäftlichen Schiffbruch erleidet, ist niemand aus der Familie bereit, ihm zu helfen. Am Ende dieser ganz persönlichen Tragödie steht der traurige Entschluss, einen Neuanfang ausgerechnet in Deutschland, im Land der Täter, zu wagen.

Im ersten Teil "Lauf, Ludwig, lauf" hatte unser Kolumnist erzählt, wie sein Großvater Isaak als Offizier aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, dekoriert, aber auch traumatisiert, sodass die Söhne Ludwig und Heinrich bereits in sehr jungen Jahren die elterliche Textilvertretung in Gang bringen und halten müssen. Sie machen das recht erfolgreich, doch die Schrecken der heranziehenden Nazi-Herrschaft werfen ihre Schatten auch ins zuvor recht idyllische bayerische Ichenhausen. Der zuvor nur latente wird zum offenen Antisemitismus. Ludwig, aus dessen Perspektive der Autor Rafael Seligmann weitgehend erzählt, wird durch SA-Schergen zusammengeschlagen.

Nicht wirklich eine neue Heimat

Kurz nach der "Machtergreifung" fliehen die Brüder über Frankreich ins britische Protektorat Palästina, ins Gelobte Land, dass für sie aber eher Zufluchtsort als neue Heimat werden wird. Mit der Ankunft der Brüder in Tel Aviv beginnt im Jahr 1934 dieser zweite Teil des Romans, den man durchaus für sich lesen kann. Das Buch führt in eine fremde Welt, die den meisten Lesern völlig unbekannt sein dürfte. Im Exil müssen die oft verarmten Neuankömmlinge ums tägliche Brot kämpfen und noch dazu um das Leben ihrer Angehörigen in der alten Heimat fürchten.

Trotz all der Exotik, die der Roman verführerisch ausbreitet, und der lebendigen Sprache, die das neue Leben förmlich riechen und schmecken lässt, wird nie vergessen, dass es das verbrecherische Nazi-Regime war, das die Seligmanns und andere Juden hierher getrieben hat.

Natürlich werden die Kämpfe mit Palästinensern und britischer Kolonialmacht, unter denen Israel entstand, aus der Perspektive der Juden geschildert. Palästinenser würden die Geschichte anders erzählen. Der allgegenwärtige Pioniergeist in Nahost lässt ein wenig an Wildwest denken, wo im 19. Jahrhundert ebenfalls eine neue Welt entstand, und wo die Interessen von Neuankömmlingen und Einheimischen ebenfalls völlig verschieden waren. Freilich galt Palästina den einst aus dem gelobten Land vertriebenen Juden über viele Jahrhunderte als die verlorene Heimat. Lange bevor die Region angesichts des Nazi-Terrors und der internationalen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der europäischen Juden zum lebensrettenden Fluchtziel wurde, entstand im Zionismus die Idee, sich hier wieder anzusiedeln und einen Judenstaat zu gründen.

Das Drama der beiden Völker

Aber der Autor deutet fairerweise auch die palästinensische Perspektive an. Es wird klar, dass der Konflikt zwischen beiden Völkern kaum auflösbar ist. Schließlich kämpfen beide um dasselbe Stück Land. Ein friedliches Zusammenleben in einem Staat wäre für alle das beste gewesen, aber ein gemeinsamer Staat wurde von den Heißspornen in beiden Lagern stets ausgeschlossen. Ludwig Seligmann hatte zwar die Entstehung und die Anfänge Israels vor Ort erlebt, aber dann die Weiterentwicklung wieder aus Deutschland verfolgen müssen, wohin er in den 1950er Jahren zurückkehrte. Nicht freiwillig, sondern aus wirtschaftlicher Not. Er war trotz aller Begabung beruflich gescheitert.

Der Roman beschreibt zwar, wie Ludwig in einer Textilfirma schnell vom Lagerarbeiter zum Prokuristen aufstieg, deshalb seine Eltern und Geschwister aus Deutschland retten konnte, Hannah heiratete und Vater des kleinen Rafaels wurde - aber nach dem Tod des Chefs riss die Glückssträhne. Aus übertriebenem Gerechtigkeitssinn überwarf er sich mit der neuen Geschäftsführung. Ein verheißungsvoll gestartetes eigenes Geschäft setzte er, gerade 50 geworden, in den Sand. Weil ihm in der Not keiner aus der Verwandtschaft helfen wollte, musste die kleine Familie 1957 zurück nach Deutschland. Der Rest der Familie verachtete Ludwig dafür, war aber noch mehr erleichtert, dass die Seligmanns ihnen nicht zur Last fallen konnten. Der Einzige, der vielleicht geholfen hätte, es aber als bescheiden lebender Zeitungsbote nicht konnte, war Ludwigs Bruder Heinrich. Dass dieser sich den Herausforderungen in Israel verweigerte, indem der kaufmännisch begabte Mann mit seiner Frau ein Mikrodasein führte, ist eine Geschichte für sich.

Tragisches Scheitern der Wunderkinder

So ist der lebendig erzählte Roman jenseits des historischen Stoffs auch ein Bildungsroman, die Geschichte des tragischen Scheiterns zweier Wunderkinder, die in Israel das Glück verlassen hatte. Heinrich versuchte erst gar nicht, es zu zwingen, Ludwig verlässt es in dem Moment, als er, statt wie zuvor auf seine eigene Arbeit und seinen Ins-tinkt zu setzen, anderen vertraut und ein Stück "loslässt", um das Leben zu genießen. Für manchen Leser dürfte das, auch abgesehen vom dramatischen Hintergrund, eine lehrreiche Lektion sein. Die zweite Lehre ist, dass Verwandtschaft längst nicht heißen muss, sich in der Not beizustehen. Wie es in Deutschland mit den Seligmanns weiterging, werden wir wohl in einem dritten Teil dieses Familienromans erfahren. Dieter Sattler

Rafael Seligmann: "Hannah und Ludwig"; Verlag Langen-Müller, 24 Euro,400 S. ISBN: 9783784435695

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