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Stimmgewalt: Dvoráks Sakralwerk "Stabat mater" zeigt sich in der Basilika von Kloster Eberbach in seiner ganzen Pracht.

Gänsehaut schon zu Beginn

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Trauer, Demut, Hoffnungsschimmer. Im Sakralwerk "Stabat mater" hat Antonín Dvorák den Tod der eigenen Kinder verarbeitet. Das Rheingau Musik-Festival eröffnet damit den Konzertreigen in Kloster Eberbach.

Sphärisch, wie von weit her klingen die Stimmen. Trauernd hält das Orchester Wacht. Tod liegt in der Luft. Es dauert, bis sich aus einer leisen musikalischen Grundierung die Mollfärbung entwickelt, ehe Jesu vor dem Auge des Betrachters am Kreuze hängt, von seiner Mutter beweint. "Stabat mater dolorosa" (Die Mutter stand mit Schmerzen) singen zunächst leise nur die Tenöre, bevor der übrige Chor schwebend ins fragil anmutende Gerüst der Klageklänge einstimmt. Gänsehaut schon zu Beginn.

Antonín Dvorák (1841 - 1904) war ein frommer Mann. "Dem lieben Gott" huldigt er demütig allenthalben, notiert die Worte unter seine Kompositionen und hält "Gott, Liebe, Heimat" für das Terzett der Schaffenskraft. Dann stirbt 1875 zwei Tage nach ihrer Geburt seine Tochter Josefa, ehe 1877, da arbeitet der Tscheche bereits an der kirchenmusikalischen Gedichtvertonung "Stabat mater", innerhalb weniger Tage auch noch die ältere Tochter den Tod findet und der einzige Sohn den Pocken erliegt. Wie die heilige Maria steht Dvorák nun kinderlos da. Und vollendet sein überwältigendes Sakralwerk.

Es dient am Samstag als Auftakt des Rheingau Musik-Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach. Das HR-Sinfonieorchester spielt unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada vehement auf. Der MDR-Rundfunkchor (Einstudierung: Philipp Ahmann) und vier hochkarätige Solisten trumpfen auf. Den liturgischen Text bilden 20 gereimte Dreizeiler (der Urheber des Gedichts ist unklar). Zehn Sätze hat Dvorák dazu komponiert. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Präzision und Hingabe.

Chefdirigent Orozco-Estrada gelingt es noch eine Idee feinfühliger als seinem verschmitzten Vorgänger Paavo Järvi, die Dynamik auszureizen. Rhythmus heißt seine Maxime. Wie wichtig der auch bei tragischen Stücken ist, zeigt Orozco-Estradas elegante Melodieführung, seine Spiellaune bis in die Kulminationspunkte hinein und nicht zuletzt dieser ungetrübte kolumbianische Eifer, der jeden mitreißt. Die "Stabat mater"-Partitur liest er wie ein spannendes Buch, entdeckt auf jeder Seite Neues. Den inneren Klang analysieren, den Plot aufdecken, das ist ihm wichtig bei der Interpretation. Mit seinem Orchester hat Orozco-Estrada Dvoráks sakralen Sound sogleich im Griff. Selbst im Fortissimo, wenn sich unter dem akustischen Druck die Decke des Gotteshauses vergeblich noch ein wenig weiter wölben will, sucht der Dirigent nur das eine: den formvollendeten Klang.

Der 70-köpfige Chor mit seinen perfekt austarierten Stimmen ergänzt aufs Beste, während Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller, im neunten Monat schwanger, mit ihrem kraftvollen Sopran betört. Sie schraubt ihn ohne Volumenverlust bis in höchste Höhen, wenn sie im zweiten Satz über allen andern auf der vokalen Welle surft. Der Alt von Gerhild Romberger hingegen lotet dramaturgisch beeindruckend die Tiefe aus. Benjamin Bruns’ Tenor bleibt dahinter ein wenig zurück, verfügt aber über eine schöne Stimmfärbung. Der wagnererfahrene Günther Groissböck mit seinem durchschlagenden Bass bereitet bei prächtiger Artikulation größtes Vergnügen.

Erst am Ende des letzten Satzes, nach fast 90 Minuten Spieldauer, schimmert Ekstase hervor und die Vision einer Auferstehung. Die abschließende "Amen"-Fuge gehört zum Beeindruckendsten, was Dvorák je geschrieben hat. Langer ausdauernder Applaus vom ausverkauften Haus.

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