man_kommentarbild_4c
+
Marion Schwarzmann

Festspiele, Flimmerkiste, Fettecke

  • Marion Schwarzmann
    VonMarion Schwarzmann
    schließen

Der Winter 1946/47 war hart und kalt. Die Menschen hatten Hunger - auch nach Kultur. Da kam Theatermachern in Hamburg die rettende Idee: Mit zwei Holzvergaser-Lkw fuhren sie ins Revier, um sich bei den Kumpels Kohle für ihre unbeheizten Spielstätten zu besorgen. Ein Anfang.

Was mit einem mehr oder weniger illegalen Deal begann, entpuppte sich schon bald als Geburtsstunde der Ruhrfestspiele - eines der ältesten Festivals in Europa. Denn aus Dank für das rare Heizmaterial traten die Hamburger Theaterleute im folgenden Sommer in Recklinghausen auf. Unter dem Motto »Kunst für Kohle« unterhielten sie die Zechenarbeiter mit »Figaros Hochzeit« von Mozart, Donizettis Oper »Don Pasquale« und Schauspiel-Einaktern von Tschechow und Tolstoi - eine willkommene Abwechslung im entbehrungsreichen Nachkriegsdeutschland.

In diesem Frühjahr konnte die 75. Ausgabe der Ruhrfestspiele gefeiert werden - wenn auch nur im bescheidenen Rahmen, denn pandemiebedingt durften die hochkarätigen Aufführungen lediglich im Internet gestreamt werden.

Nur fünf Sommer nach »Kunst für Kohle«, 1951, hob sich in Bad Hersfeld zum ersten Mal der Vorhang in der Stiftsruine. Inspiriert von der Anziehungskraft und Qualität der Salzburger Festspiele, wollte man in dem abgelegenen nordhessischen Ort an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze beweisen, dass auch hier anspruchsvolles Theater publikumswirksam möglich ist. Seitdem zieht es Sommer für Sommer prominente Schauspieler und Regisseure auf die einmalige, weitläufige Bühne - in diesem Jahr zum 70. Mal. Elisabeth Flickenschildt, Nicole Heesters, Theo Lingen, Götz George, Karlheinz Böhm, Will Quadflieg sind nur einige der vielen Stars aus Film und Fernsehen, die dort gern zu ihren Theaterwurzeln zurückkehrten.

Auch Mario Adorf stand hier im Sommer 1979 in Bertolt Brechts Parabel »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« auf der Bühne und erhielt für seine beeindruckende Verkörperung der Titelrolle sogar den Großen Hersfeldpreis. Da hatte er bereits »Die Blechtrommel« in der Regie von Volker Schlöndorff abgedreht - jener Verfilmung des Jahrhundert-Romans von Günter Grass, die dem Filmemacher aus Wiesbaden einen Oscar als bester fremdsprachiger Film einbrachte. Eine Ehrung, die nur noch der gebürtigen Bad Nauheimerin Caroline Link 2003 mit »Nirgendwo in Afrika« und Florian Henckel von Donnersmarck 2007 für »Das Leben der Anderen« zuteilwurde.

Grass’ Sittengemälde aus seinen Danziger Jugendjahren traf den Nerv der Zeit, schildert er doch anschaulich und prall das Aufkeimen des Nationalsozialismus inmitten des Volks, bei dem sich die Gesellschaft in viele Mitläufer und wenige Kritiker teilte. Unvergessen die Szenen, wenn sich der kleine Oskar Matzerath (dargestellt von David Bennent) seinen Widerstand aus der Seele trommelt, bis die Gläser zerspringen. Der Schriftsteller, dessen Gesamtwerk 1999 mit dem Literaturnobelpreis gewürdigt wurde, konnte seinen Debütroman übrigens deshalb in Ruhe zu Ende schreiben, weil ihm die Gruppe 47 nach einer Lesung aus seinem unveröffentlichten Manuskript 1958 einen Förderpreis zusprach.

Die debattierfreudigen Autorentreffen, zu denen Hans Werner Richter von 1947 bis 1967 einlud, gelten heute als legendär, rechneten die Teilnehmer nicht selten schonungslos mit den Texten des eingeladenen Nachwuchses ab. Ihr Urteil erwies sich als richtungsweisend in der deutschen Nachkriegsliteratur, erkannten Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser und Hellmuth Karasek schon früh das Talent junger Schriftsteller.

1951 erhielt Heinrich Böll den Preis der Gruppe 47. Da war er 37 Jahre alt und hatte bereits Erzählungen wie »Wanderer, kommst du nach Spa...« veröffentlicht. Seine wichtigen Romane sollten noch folgen: »Ansichten eines Clowns« (1963), »Gruppenbild mit Dame« (1971), »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (1974) - allesamt verfilmt, Letzterer wiederum von Volker Schlöndorff, dem Literaturspezialisten unter den Filmregisseuren.

Böll, der wegen seiner politischen Ansichten während der RAF-Zeiten ins Visier des Verfassungsschutzes geriet, gewährte seinen sowjetischen Kollegen Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew als Dissidenten Unterkunft in seinem Haus. 1972 wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen. Die Dritte im Bunde der deutschen Preisträger nach Kriegsende ist Herta Müller. Ihr wurde 2009 diese hoch dotierte Auszeichnung zuerkannt.

Wer sich für einen künstlerischen Beruf entscheidet, in dem steckt nicht selten ein Multitalent. Das war schon bei Günter Grass so, der nicht nur als Schriftsteller Erfolg hatte, sondern auch als Maler, Grafiker und Bildhauer wirkte. Schließlich hatte er einst an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Auch Armin Mueller-Stahl ist so ein Tausendsassa. Als Schauspieler hat er in Ost- und Westdeutschland Karriere gemacht und schaffte den Sprung über den großen Teich nach Hollywood, wo er mit Regie-Größen wie Jim Jarmusch »Night on Earth« (1991) und Costa-Gavras »Music Box« (1989) drehte. Dabei ist Mueller-Stahl ursprünglich ausgebildeter Violinist und konzentriert sich heute im stattlichen Alter von 90 Jahren nur noch auf seine Malerei. Ein Doppelporträt zeigt ihn in seiner bekanntesten Rolle: »Ich als Thomas Mann«, den er so kongenial in Heinrich Breloers Mehrteiler verkörperte.

Wenn ein Medium die Nachkriegszeit ganz entscheidend beeinflusste, dann ist es natürlich das Fernsehen, das ab dem 25. Dezember 1952 von Hamburg aus täglich in die deutschen Wohnzimmer flimmerte. Zu Anfang ein unerschwingliches Statussymbol, entwickelte sich das Gerät rasch zum Mittelpunkt der Familie. Wer in den 1950er Jahren glücklich und stolz einen Fernseher sein Eigen nennen konnte, musste mit viel Besuch rechnen, denn jeder wollte die Krönung der Queen 1953 oder die Fußballweltmeisterschaft 1954 in der Schweiz live sehen.

Eine der ersten Sendungen, die im Januar 1953 ausgestrahlt wurde, war eine Aufführung der Augsburger Puppenkiste. Die jungen Marionettenspieler um Walter Oehmichen fuhren eigens mit einem Bus nach Hamburg, um auf keinen Fall den Start in dieses neue Zeitalter zu versäumen. Von da waren Kater Mikisch, Urmel aus dem Eis sowie Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, aus dem vorweihnachtlichen Programm für Kinder nicht mehr wegzudenken - während die Erwachsenen sich am Samstagabend bei Kulenkampffs »EWG« amüsierten und keine Folge von Edgar-Wallace-Straßenfeger verpassten. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste lässt sich übrigens nachlesen in dem bezaubernden Roman »Herzfaden« von Thomas Hettche, der 1964 in Treis an der Lumda geboren wurde und an der Gießener Liebigschule sein Abitur machte.

1955 wurde in Kassel die documenta aus der Taufe gehoben. Die alle fünf Jahre stattfindende Ausstellung gilt international als wichtigstes Forum für zeitgenössische Kunst. Allein siebenmal war Joseph Beuys dort zu Gast - ein Rekord. An seiner Aktionskunst, bei der er gerne Fett und Filz als Materialien benutzte, scheiden sich die Geister. So wischte eine Reinigungskraft 1986 eine Fettecke von Beuys in der Düsseldorfer Kunstakademie einfach mal weg. Doch seine vor knapp 40 Jahren visionär gepflanzten 7000 Eichen prägen bis heute das Bild der nordhessischen Stadt. Am 12. Mai wäre der gebürtige Krefelder 100 Jahre alt geworden - Anlass genug für die Edition des Jubiläumsbandes »7000 Eichen« in Kassel.

Nur ein Jahr älter als diese Zeitung ist Wim Wenders, er wurde am 14. August 76 Jahre alt. Der Cineast, Ästhet und Perfektionist unter den Filmemachern schenkte seinem begeisterten Publikum so wundervolle Meisterwerke wie »Der Himmel über Berlin« (1987), »Paris, Texas« (1984) oder die Dokumentationen über den Buena Vista Social Club auf Kuba und das Tanztheater von Pina Bausch in Wuppertal. 2008 kam »Palermo Shooting« mit Campino in der Hauptrolle in die Kinos - eine gewagte Besetzung. Wenders ließ es sich nicht nehmen, seine Produktion höchstpersönlich im Traumstern Lich zu präsentieren. Keineswegs unnahbar, sondern offen, geduldig und mit augenzwinkerndem Humor beantwortete er alle Fragen der Zuschauer im restlos ausverkauften Lichtspielhaus. Denn das zeichnet die wirklich großen Künstler unserer Zeit aus: Sie haben nie den Kontakt zum Publikum verloren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare