Wie ein Fenster in die Natur

Präparierte Tiere sind langweilige, verstaubte Gegenstände vergangener Zeiten der Wissensvermittlung? Falsch. Um zu ganz anderen Schlüssen zu kommen, muss man nur ins Senckenberg-Museum in Frankfurt gehen. Da das momentan nicht möglich ist, könnte man stattdessen auch ein aktuelles Buch über die historischen Dioramen des Hauses aufschlagen.

Kein Mensch kann sagen, wie lange das her ist. Aber beim letzten Besuch des Senckenberg-Museums in einer Phase, die noch unter dem Titel Kindheit firmierte, nahm Tante Ute den Neffen beiseite und sagte: "Wenn der jetzt zwinkert" (war es ein Büffel, oder ein Elefant?) "dann rennen wir." Das Tier, das den beiden gegenüberstand, sah einfach derart echt aus - es hätte niemanden gewundert, wenn es im nächsten Moment losgeprescht wäre.

Doch, natürlich hätte es alle gewundert. Von einem präparierten Tier im Museum erwartet der Mensch schließlich, dass es stillhält, auch wenn es aussieht, als hätte es noch etwas vor. "Die Königsdisziplin", sagt Udo Becker, sei das Diorama: "Die Besucher stehen davor und denken, sie schauen durch ein Fenster in die Natur." Becker ist von Beruf Zoologischer Präparator und als solcher seit 1985 für Senckenberg tätig. Unzählige Tiere hat er fürs Museum geschaffen, zuletzt etwa einen Glaskopffisch für die neue Tiefsee-Dauerausstellung.

Dass er sich mit Dioramen beschäftigt, hat viel zu tun mit "Faszination durch Illusion", wie er sagt. "Ich habe immer wieder mal etwas über diese alten Lebensraumdarstellungen gelesen, und dann dachte ich: Das ist so schön - darüber muss ich was machen." Er besuchte unter anderem Präparatoren im Ruhestand zu Hause, befragte sie über ihre Kunst, trug Quellen zusammen und eine Vielzahl beeindruckender Fotos aus alter Zeit. Sie zeigen Bären, Wölfe, Antilopen, Füchse, teils in dramatischen Szenen voller Dynamik. Ein Wort begleitet die Anfänge der Dioramenkunst: "Lebenswahr" sollten die Szenen sein.

Um das zu erreichen, mussten sich die frühen Präparatoren teils kurioser Materialien bedienen: 1895 schuf Friedrich Kerz einen Leoparden aus Stroh und Torf. Augen waren einst aus Steinen oder bemalten Nussschalen. Aber die Ursprünge sind noch älter. Anno 1786 berichtet das "Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte" Erstaunliches: "Der Bürgermeister Scherpff zu Urach im Würtenbergischen hat für den Herzog von W. ein Naturaliencabinett von ausgestopften vierfüßigen Thieren und Vögeln verfertiget." Der Berichterstatter ist angetan: "Ein Stück, das vorzüglich bewundert wird."

Die Materialien haben sich geändert. Versuchten die Präparatoren vor 1850 noch, die Haut der Tiere so zu füllen, dass es dem Lebewesen möglichst nahekam (daher der Begriff "ausstopfen"), werden sie heute meist als Dermoplastik konzipiert: Auf ein Trägergerüst modelliert man den Tierkörper bis ins Detail; das ist das "Nacktmodell". Darüber kommt die gegerbte, noch feuchte Haut, die sich beim Trocknen um die Kunststofffigur schließt.

Mit der Anzahl Tiere nicht übertreiben

Nicht zu viele Tiere sollten in einem Diorama sein - Udo Becker rät vom Überladen eines solchen Raums dringend ab. Und er schwärmt von den Malern, die mit Hintergrundbildern räumliche Weite schaffen. "Es muss alles stimmen", sagt er, die Tiere, die passenden Pflanzen, die Illusion des Raums. Dann habe das Gesamtwerk aus Wissenschaft und Kunst einen großen Lerneffekt: "Man versteht viel, ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben." Darüber schreibt auch die Bonner Biologiedidaktikprofessorin Annette Scheersoi im letzten Abschnitt des spannenden Buches: Wie Dioramen staunen lassen, neugierig machen, schlauer machen. "Komm, wir gehen mal in die nächste Welt" ist ein Spruch, den sie von Besuchern auf dem Weg von einem Diorama zum anderen aufschnappte.

Udo Becker sagt: "Wenn man es schafft, dass die Menschen 30 Sekunden davor stehenbleiben, ist das Ziel erreicht." Und was würde er selbst einmal gern als Diorama gestalten? "Etwas, das man nicht bereisen kann", sagt er, "eine Tiefseeszene."

Udo Becker: Senckenbergs historische Dioramen. Verlag Senckenberg, 132 Seiten, 106 Abbildungen, 14,90 Euro, ISBN 978-3-510-61417-2.

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