Marokko 1969: Am Abend der Mondlandung wird die Modedesignerin Alicia Laroche brutal ermordet. Mehr als 50 Jahre später versucht ihre jüngere Schwester Helena die Geheimnisse der Familie aufzuklären. Dabei stößt sie auf ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte. FOTOS: AKCHOUR/PAU SANCLEMENTE/VERLAG
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Marokko 1969: Am Abend der Mondlandung wird die Modedesignerin Alicia Laroche brutal ermordet. Mehr als 50 Jahre später versucht ihre jüngere Schwester Helena die Geheimnisse der Familie aufzuklären. Dabei stößt sie auf ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte. FOTOS: AKCHOUR/PAU SANCLEMENTE/VERLAG

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Farben und Schatten

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Helena Guerrero ist eine gefeierte Malerin. Doch ein dunkler Schatten lastet auf ihrer Seele. Der brutale Mord an ihrer Schwester auf dem Anwesen der Familie in Marokko ist seit mehr als 50 Jahren ungeklärt. Mit historischen Rückblicken entspinnt Elia Barceló nun eine Familiengeschichte, die den Leser in den Bann zieht.

Es ist laut, viele Menschen tummeln sich auf dem Marktplatz, ähnlich dem Place Jemaa el-Fna in Marrakesch, dem pulsierenden Zentrum der Königsstadt. An den Saftständen türmen sich die Orangen, warten darauf, frisch gepresst zu werden. Unter den weißen Baldachinen steigt der Dampf aus den Töpfen der Imbissstände empor. Eine Gruppe Männer lauscht dem alten Mann, der am Boden sitzt und Geschichten erzählt. Daneben ein Schlangenbeschwörer, Musikanten und Touristen. Inmitten all dieser Menschen steht ein Unheil verkündender menschlicher Schatten, der sich dem Betrachter entgegenreckt, als wolle er ihn verschlingen.

Zwischen Spanien und Marokko

"Das Licht von Marokko" heißt das drei mal fünf Meter große Gemälde, "eine Farbenexplosion in fotografischer Genauigkeit, mit flirrendem Licht, das sich beinahe greifen lässt", beschreibt es Autorin Elia Barceló. Jedes der Bilder, die die renommierte Malerin Helena Guerrero anfertigt, enthält einen Schatten. Zu tief sitzen die traumatischen Ereignisse und der ungeklärte brutale Mord an ihrer älteren Schwester Alicia. Mehr als 50 Jahre liegt das nun zurück.

Rückblick: Rabat, 1969 - Es ist der Tag der Mondlandung als Familie Guerrero anlässlich des Ereignisses ein rauschendes Fest auf ihrem Anwesen La Mora nahe der Hauptstadt veranstaltet. Viele Gäste sind zu Besuch, darunter auch Alicia und ihr Ehemann Jean-Paul Laroche, beide erfolgreiche Modedesigner in Paris. Auch Helenas Hippie-Freunde aus den USA tummeln sich unter den Gästen. Alicia verlässt das Haus, will Stoffe holen. Am Morgen findet man sie: Vergewaltigt und ermordet.

Nun beginnt kein Kriminalroman, sondern das fein gezeichnete Porträt einer scheinbar eigenwilligen, unbändigen und wilden Frau, die sich ihren Schatten stellt.

Nach dem Tod der Schwester flieht die junge Helena vor ihrer Familie, versucht sich in Asien in Selbstfindung, baut sich später in Australien ein neues Leben auf und wird erfolgreiche Malerin. Dabei lebt Helena ihre Freiheit - in jeder Hinsicht. Erst als sie einmal um die halbe Welt und für die Hochzeit ihrer Enkeltochter nach Madrid reist, kommt Bewegung in die Sache.

Eine Kiste mit Briefen, Fotos und Erinnerungen ihrer verstorbenen Mutter Blanca gibt nun die Möglichkeit, Licht ins Dunkel zu bringen. Ihr Schwager Jean-Paul liegt im Krankenhaus im Sterben und hütet noch so manches Geheimnis. Nach und nach gelingt es Helena und ihrem australischen Lebensgefährten, die düsteren Familiengeheimnisse zu recherchieren, die in der Tragödie endeten und noch viel weitere Kreise zogen.

Freundschaft zu General Franco

Geschickt in Rückblicken verpackt, gelingt es Barceló so, ein umfassendes Bild einer Epoche und spanischer Geschichte zu zeichnen. Vom Kennenlernen von Helenas Eltern Goyo Guerrero und Blanca Santacruz 1935 im spanischen Valencia greift die 1957 bei Alicante geborene Schriftstellerin, die seit vielen Jahren in Innsbruck lebt, auch die politischen Verwicklungen auf. Sie behandelt Goyo Guerreros Freundschaft zu General Francisco Franco, schwerwiegende Gefallen und seine spätere Geheimdiensttätigkeit in Marokko.

Wie bereits bei ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Buch, "Das Geheimnis des Goldschmieds", zieht auch bei "Das Licht von Marokko" ein unwiderstehlicher Sog den Leser in den Bann. Nur diesmal geht es von Spanien nach Marokko und wieder zurück und tief hinein in die Abgründe menschlichen Handelns. Und das in einer raffinieren Mischung aus Kriminal- und Familienroman so leidenschaftlich und spannend erzählt, dass es den Leser mit Sicherheit tief berührt.

Elia Barceló: "Das Licht von Marokko", Piper Verlag, 496 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3866124332

Die Welt der klassischen Musik liefert den Rahmen in Natasha Korsakovas Krimi "Römisches Finale". Der Roman beginnt mit dem Tod des Konzertpianisten Emile.

Mit der Aufklärung des Falles wird Kommissar Di Bernardo beauftragt, der bereits in Korsakovas Debütroman "Tödliche Sonate" einen Fall mit Bezug zur klassischen Musik gelöst hatte. Schon bald stellt der Kommissar fest, dass viele Menschen schlecht auf den Pianisten zu sprechen waren.

Korsakova bettet die Handlung ihres Romans in die überzeugend dargestellte Welt der klassischen Musik ein, die sie als Violinistin aus erster Hand kennt. dpa

Natasha Korsakova: "Römisches Finale", Heyne Verlag, 375 Seiten, Euro 12,99, ISBN 978-3-453-42363-3

Der Hund gilt als treuester Begleiter des Menschen. Fast zwölf Millionen Hunde leben allein in deutschen Haushalten. Dieses besondere Verhältnis zwischen Mensch und Hund wird als selbstverständlich hingenommen, doch das ist es keineswegs. Es hat sich erst in einem Prozess über Jahrtausende so entwickelt.

Über Jahrtausende entwickelt

Der Urahn des Hundes, der Wolf, konkurrierte einst mit dem Menschen um Nahrung und Raum. Doch als es dem Zweibeiner gelang, sich den Wolf zum Verbündeten zu machen, entstand daraus eine Art Dreamteam. Davon erzählt Bryan Sykes in seinem Buch "Darwins Hund".

Sykes ist ein renommierter britischer Genetiker und damit eigentlich streng der Wissenschaft verpflichtet. Doch zunächst beginnt er sein Buch mit einer Hypothese und illustriert diese sogar szenisch. Vor Zehntausenden Jahren begegneten sich Wolf und Homo sapiens irgendwo in den Karpaten, wo sie um dasselbe Großwild konkurrierten. Doch da der Homo sapiens schlauer als der Neandertaler war, hatte er nicht nur die besseren Waffen, er spannte auch geschickt die Wölfe in seine Jagd mit ein.

Die Wolfsrudel hetzten nämlich das Wild so lange, bis es ermüdet zusammenbrach. Anschließend schlug die Stunde des Jägers, der das Tier gezielt mit seinem Speer tötete, die Beute wurde zwischen Mensch und Wolf geteilt. Heute würde man von einer "Win-win-Situation" sprechen. Die These von der nutzbringenden Jagdgemeinschaft, der intelligenten Teamarbeit, hat jedenfalls einiges für sich.

Daneben gibt es noch die sogenannte Abfalltheorie. Diese sei jedoch inzwischen aus verschiedenen Gründen hinfällig. Danach hätten die Wölfe sich von den Abfällen der Menschen ernährt und sich ihnen so langsam angenähert. Wolfsrudel und menschliche Großfamilien sind sich übrigens nicht unähnlich. Es gibt klare Hierarchien, Aufgabenverteilungen und Verantwortlichkeiten. Auch das sprach für den domestizierten Wolf als Begleiter. Charles Darwin mutmaßte seinerzeit noch, dass man wahrscheinlich nie den Urahn des Hundes finden würde. Auch Schakale und Kojoten galten lange Zeit noch als heiße Kandidaten. Doch dank der modernen Genetik ist der Beweis inzwischen erbracht, dass ausnahmslos alle Hunde von Wölfen abstammen, selbst Pudel, Chihuahua oder Möpse, die von ihrem Aussehen schwerlich noch ihre wilden Urväter erahnen lassen.

Insgesamt hat Sykes ein ebenso spannendes wie lehrreiches Buch nicht nur für Hundebesitzer geschrieben, in dem er Genetik, Verhaltensforschung und Fossilienkunde zusammenführt. Allerdings erscheint das Werk etwas disparat: Ein stark wissenschaftlich gehaltener Teil über Genetik fremdelt mit einem mehr auf Entertainment angelegten Kapitel über Hundegeschichten, das offensichtlich eine breitere Leserschaft ansprechen soll.

Seine ganz persönliche Erfahrung mit einem Hund kann Autor Sykes übrigens nicht beisteuern. Er besitzt nämlich gar keinen. Sibylle Peine

Bryan Sykes: "Darwins Hund. Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes", Klett-Cotta, 319 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-608-96448-6

Es sind nur 14 Kilometer, die zwischen Europa und Afrika liegen - zwei Kontinente getrennt durch die Straße von Gibraltar, der Meerenge, die auch das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindet. So nah und doch so fern und voller Geheimnisse liegt die Wiege der Menschheit dort. Um erschütternde Familiengeheimnisse und ein Stück spanische Geschichte geht es in Elia Barcelós Roman "Das Licht von Marokko". Andere Geheimnisse breitet der Journalist Bernd Dörries in seinem Buch "Der lachende Kontinent" aus. Er hofft, dass seine Erlebnisse das betonen, was sonst fehlt, wenn wir über Afrika reden: Freude und Normalität, Gastfreundschaft und die Kunst der Improvisation. nab

Faszination Afrika: Ist es lediglich ein Krisenkontinent voller potenzieller Flüchtlinge, wie ihn viele sehen - oder ist da doch mehr? "Afrika ist für viele in Europa einfach ein trostloses Stück Erde, in dem es außer wilden Tieren und Hunger nicht viel zu sehen gibt", schreibt der Journalist und Buchautor Bernd Dörries.

Auf 282 Seiten versucht er in seinem Buch "Der lachende Kontinent", recht kurzweilig, seine Leser vom Gegenteil zu überzeugen. Im Kongo reiste er per Boot auf dem gleichnamigen Fluss, in Äthiopien besuchte er Bob Geldofs Weingut. "Es wird in Afrika mehr gelacht als geschossen", begründet Dörries den etwas unglücklichen Buchtitel.

Seit 2017 berichtet er für die "Süddeutsche Zeitung" aus Kapstadt über Subsahara-Afrika und hat bisher insgesamt 34 Länder bereist. Entstanden ist aus diesen Erfahrungen eine Art afrikanisches Lesebuch, mit episodenhaften Momentaufnahmen. Geschickt streut er Reiseanekdoten ein: Er will Appetit machen aufs Entdecken. Es ist kein Buch mit Tiefgang, sondern ein mit leichter Feder geschriebenes Buch für Afrika-Einsteiger, für solche, die unterhaltsam mehr wissen wollen über einen Kontinent, der oft auf seine Krisen reduziert wird.

Das Buch beschreibt letztlich die individuelle Annäherung eines Berichterstatters an einen Kontinent, mit dem er zuvor kaum Berührungspunkte hatte. dpa

Bernd Dörries: "Der lachende Kontinent - Expeditionen ins unbekannte Afrika", Terra Mater Books bei Benevento Publishing, 283 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-99055-020-5

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