Eine Mauer aus Angst und Schweigen

  • vonDPA
    schließen

Der Auftakt des Romans ist schier unfassbar: Eine junge Frau vergiftet sich und ihre Familie mit einem Abendessen. Das ist das grauenhafte Ende einer bürgerlichen Bilderbuchfamilie, deren Leben seit Langem nur noch Fassade war. Am Anfang und Ende eines quälenden Zerstörungsprozesses stehen zwei brutale Verbrechen, dazwischen herrschen Schweigen und Scham. In ihrem ebenso atemberaubenden wie schockierenden Debütroman erzählt die Französin Inès Bayard (Jahrgang 1992) von den erschütternden Folgen einer Vergewaltigung.

"Scham" konfrontiert uns mit allen Aspekten der MeToo-Debatte: Missbrauch durch einen mächtigen Vorgesetzten, Ausnutzen und Erpressen einer Abhängigen, Angst, Schweigen und Scham des Opfers, die schließlich zu Vereinsamung, Entfremdung und Selbsthass führen. Aus dieser Abwärtsspirale gibt es hier keine Erlösung, nur die Selbstauslöschung des Opfers. Der Absturz der jungen Frau ist umso brutaler, als Marie zuvor ein perfektes Leben führte. Sie wuchs behütet auf. Ihre Ehe mit Laurent, einem erfolgreichen Scheidungsanwalt, ist harmonisch. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind von ihm. Auch ihre Arbeit als Vermögensberaterin bei einer Bank fällt ihr leicht. Bis zu dem Tag, als der Chef ihrer Bank sie unter dem Vorwand, sie nach Hause bringen zu wollen, im Auto vergewaltigt.

Der grausame Akt setzt bei Marie eine Lawine in Gang. Ekel und Abscheu machen sich in ihr breit - vor ihrem eigenen Körper, vor der Sexualität ihres Mannes und vor Männern überhaupt. Zum anderen wird ihr Leben zum Versteckspiel. Wie viele missbrauchte Frauen lässt sie sich von den Drohungen ihres Vergewaltigers einschüchtern. Dazukommt unendliche Scham. Die Lage spitzt sich zu, als Marie schwanger wird. Sie will das Kind, das sie als Frucht der schrecklichen Vergewaltigung sieht, abtreiben, doch es misslingt. Bayards Roman stand in Frankreich auf der Longlist für den renommierten Prix Goncourt 2018. Zu Recht. dpa

Ines Bayard: Scham, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 224 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-552-05 976 -4

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare