Profitiert vom Personenkult: 
der Diktator Kim Jong Un.	FOTO: UNCREDITED/KCNA via KNS/AP/DPA
+
Profitiert vom Personenkult: der Diktator Kim Jong Un. FOTO: UNCREDITED/KCNA via KNS/AP/DPA

Einblicke in das »Reich des Bösen«

  • vonRedaktion
    schließen

Über keines jener Länder, die häufig in den Nachrichten sind, ist so wenig bekannt wie über Nordkorea. Was man liest und hört, ist auch eher unrühmlich bis abschreckend. Ein hervorragendes Buch über Nordkorea und seinen Herrscher Kim Jong Un hat nun Martin Benninghoff vorgelegt.

In Nordkorea herrscht immer noch ein brutales kommunistisches Steinzeit-Regime, das als Atommacht die Region bedroht. Seine Langstreckenraketen könnten sogar nordamerikanisches Gebiet erreichen. Ist in Kommentaren vom nordkoreanischen Herrscher Kim Jong Un die Rede, wird er gerne auch schon mal »der Irre mit der Bombe« genannt. Wenn der Diktator mit seinem Gefolge eine Militärparade abnimmt oder eine Fabrik besichtigt, um Fortschritte zu preisen oder Mängel zu rügen, fühlt man sich durch sein gespreiztes Gehabe inmitten von gebückten Gefolgsleuten an einen asiatischen Mafiapaten erinnert.

Gerüchte über Doppelgänger

Kim lebt so abgeschottet und ist so sehr um seine Sicherheit besorgt, dass es sogar Gerüchte gibt, er habe Doppelgänger, damit er nicht bei einem öffentlichen Auftritt einem Attentat zum Opfer fallen kann. Als der stark übergewichtige Herrscher Anfang des vergangenen Jahres für einige Monate überhaupt nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen war und es im Staatsfernsehen nur Archivaufnahmen gab, tauchten Spekulationen über eine schwere Erkrankung oder gar den Tod des Diktators auf.

Wie sehr das Regime auf der Kim-Dynastie gründet, schildert FAZ-Redakteur Martin Benninghoff in seinem hervorragenden Buch »Der Spieler«. Es ist eine überzeugende Verbindung von politischer Analyse und anschaulicher persönlicher Schilderung.

Da Benninghoff mehrmals nach Nordkorea reisen konnte, wo er natürlich meist unter der Kontrolle von Sicherheitskräften des Regimes stand, gelingen ihm faszinierende Einblicke in das fast unbekannte Land, das Ex-US-Präsident George W. Bush mal das »Reich des Bösen« nannte. Wir erfahren, dass es hier echt Potemkinsche Dörfer gibt, deren sauberes und gutes Leben nur für Besucher inszeniert wird, samt Bewohnern als Staffage, während ein paar 100 Meter weiter jene bittere Armut herrscht, die Nordkorea immer noch prägt.

Es dürften nur wenige wissen, dass Nordkorea mit seinen imposanten Landschaften tatsächlich Touristen locken will, die aber durch minimales Abweichen vom erwünschten Verhalten jederzeit der Willkür eines Terrorregimes zum Opfer fallen können, so wie der amerikanische Student Otto Warmbier, der in einem Hotel ein Kim-Plakat entwendet haben soll, Anfang 2016 verhaftet wurde, unter dubiosen Umständen schwer erkrankte und erst als todgeweihter Patient in die Heimat zurückkehren konnte. Benninghoff hält es für gar nicht ausgemacht, dass Warmbier bewusst gefoltert wurde. Es könne durchaus sein, dass er durch die schlechten Haftbedingungen erkrankt sei und dies erst nach oben weitergegeben wurde, als es zu spät war. In jedem Fall zeigt der Umgang mit Warmbier den barbarischen Charakter eines Regimes, das nur auf den Grundlagen von Befehl und Gehorsam sowie Angst basiert. Hunderttausende Nordkoreaner vegetieren unter unmenschlichen Bedingungen in Arbeits- und »Umerziehungslagern«.

Macht durch Abstammung

Vieles erinnert an das kommunistische Regime in China, das der Kim-Dynastie als Vorbild dient. Nordkorea verharrt aber immer noch bei jenem »großen Sprung«, mit dem China in den 50er Jahren ins Industriezeitalter gelangen wollte, doch im Hunger landete. So blickt das moderne China, das hinter seiner High-tech-Kulisse selbst immer noch eine brutale Diktatur ist, heute verächtlich auf den armen, kleinen Bruder, der aus seinen Möglichkeiten (Rohstoffreichtum und gut qualifizierten Arbeitskräften) nichts macht.

Nordkorea stagniert auch deshalb, weil es sicher ein gutes Drittel seines Bruttoinlandproduktes für die Armee ausgibt. Während China weltweit hochwertige Waren verkauft, liefert Nordkorea neben Waffen vor allem Statuen für afrikanische Potentaten. Darauf versteht sich das Land der Armee und des Personenkultes. Kim Jong Un verdankt seine Macht ausschließlich der Abstammung vom vergötterten Staatsgründer Kim Il Sun, aus dessen Schatten auch sein Vater Kim Jong Il nie heraustreten konnte. Die Verbindung zu den Vorgängern muss stets neu bekräftigt werden. Man kann nur darüber spekulieren, wie viel Macht der seit zehn Jahren herrschende Kim persönlich wirklich hat.

Benninghoff nennt Kim »den Spieler«, weil er gelegentlich Öffnungssignale sendet, diese aber meist schnell wieder einkassiere. Die Friedensangebote scheinen meist dann zu kommen, wenn die wirtschaftliche Not besonders groß ist und das Regime sich Erleichterungen bei den Sanktionen erhofft. Bei Hunger und Kälte fürchtet selbst Kims Nordkorea, das in drei Klassen zerfällt (Regimekräfte, Mittelschicht, Verarmte) Aufbegehren der Bevölkerung. Deshalb duldet man sogar auch einige marktwirtschaftliche Elemente, die die Not lindern.

Am meisten aber befürchtet das Regime, dass seine Macht schnell bröckeln könnte, wenn das desinformierte Volk Geschmack an der Freiheit findet. Deshalb werden Lockerungen oft schnell wieder einkassiert. Kims Herrschaft bleibt barbarisch, er schreckt nicht einmal vor Auftragsmorden im Ausland zurück. Höchstwahrscheinlich ließ er Onkel und Bruder hinrichten, um seine Herrschaft abzusichern. Benninghoff empfiehlt dennoch, mit Nordkorea im Gespräch zu bleiben und es auch in der Abrüstungsfrage nicht fundamental unter Druck zu setzen. Nur durch Kontakte und Wissenstransfer, die es bei Kooperation unweigerlich gibt, könne sich die festgefügte Staatsideologie - wie einst im Ostblock - auflösen.

Käme es, wie auch immer, zu einem Zusammenbruch des Regimes und einer Wiedervereinigung mit Südkorea, sähe der Autor deutlich größere Probleme als beim deutschen Vorbild. Zum einen ist das wirtschaftliche Gefälle noch viel extremer und zum anderen währte die deutsche Trennung nur etwa 40 Jahre. Dagegen währt die Teilung Koreas schon seit über 70 Jahren und es gab einen direkten Bruderkrieg.

Martin Benninghoff: Der Spieler - wie Kim Jong Un die Welt in Atem hält, Klett-Cotta, 383 Seiten, 18 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare