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Ein Fußball-Präsident kämpft um die Ehre

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Der Bestechungsskandal der Fußball-Bundesliga feierte im vergangenen Jahr seinen traurigen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass veröffentlichte Andreas Lampert sein schon lange angedachtes Buch dazu. Es besteht vor allem aus Interviewmitschnitten von Horst-Gregorio Canellas (1921 - 1999), der am 6. Juni 1971 den Skandal aufdeckte. Der Präsident der Offenbacher Kickers war selbst involviert, aber sein Klub stieg ab.

Deshalb wurde der Präsident von denen, die er beschuldigte, aber auch von vielen, die die Illusion vom sauberen Fußball aufrechterhalten wollten, als schlechter Verlierer dargestellt.

Die Interviews zeigen, wie Canellas zunehmend verzweifelt nach Beweisen für verschobene Spiele sucht und auch um seine Ehre kämpft. Er selbst hatte gewissermaßen die damals nicht verbotene positive Bestechung betrieben. Das heißt, er wollte Spieler zum Gewinnen motivieren. Denn er ahnte und erfuhr von den Spielern, mit denen er telefonierte, dass die Konkurrenz teilweise mehr bot, damit die gegnerischen Teams absichtlich verlieren. So gefährdeten Talente ihre Karriere, Routiniers verspielten ihren guten Ruf. Der Zynismus mancher Profis ist auch nach 50 Jahren noch schockierend. So begründet ein Berliner Spieler seinen »Siegeswillen« gegen Bielefeld damit, dass er nächste Saison lieber in den Süden, nach Offenbach, fahren würde als »in den verdammten Westen rein«. Man ahnt, wie er sich entscheiden könnte, wenn Bielefeld ihm noch mehr böte. Canellas wirkt wie ein Getriebener. In der Hoffnung auf verlässliche Infos reist er dubiosen Gestalten nach, die statt Beweisen nur heiße Luft produzieren.

Das Buch liest sich fast wie ein Theaterstück, das einen Don Quichotte im Kampf mit Windmühlen zeigt. Ein Sancho Pansa, der ihm beisteht, scheint der deutsch-spanische Obstgroßhändler nicht gehabt zu haben. Die Aufregung schwächte seine Gesundheit. 1977 waren er und seine Tochter an Bord der entführten Maschine, die in Mogadischu befreit wurde. Dieter Sattler

A. Lampert: Die Canellas- Tapes. Die Werkstatt, 335 S., 19,90 Euro, ISBN 978-3-730705803.

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