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Sprachlich ambitioniert: Der Debütroman der gebürtigen Londonerin Sharon Dodua Otoo.

Durch die Welten und Zeiten

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Das seltsamste Puzzle, das ungewöhnlichste Spiegelkabinett des uns bisher bekannten Bücherfrühjahrs kommt von Sharon Dodua Otoo und heißt »Adas Raum«. Ein keck überschaubarer Titel für das Ungewöhnliche, was dann kommt.

Sharon Dodua Otoo, 1972 in London geboren, lebt seit 2006 in Deutschland und gewann 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text »Herr Gröttrup setzt sich hin«. Hier verweigert ein Frühstücksei dem Ingenieur und Raketenfachmann Helmut Gröttrup das Hartwerden, ein sanfter Widerstand des Objekts. Dieses Objekt erzählt dann bereitwillig von sich. In »Adas Raum«, dem ebenfalls auf Deutsch verfassten Debütroman Otoos, hat dieses Wesen, dessen Wesen es ist, unwesentlich zu sein, wieder seinen Auftritt. Diesmal geht es um etwas anderes, Größeres, das die Zeiten und die Welt umspannt. Für das Lesepublikum legt Otoo dafür einen Lageplan aus. Er ist trügerisch, gibt aber doch Halt. Das ghanaische Totope 1459, das englische Stratford-le-Bow 1848, Kohnstein bei Nordhausen 1945. Frauen verlieren ihr Baby oder ihr Leben oder beides. Die Frauen heißen Ada oder so, dass man sie Ada nennen kann.

Das Armband mit 33 Perlen

In Totope ist Ada (benannt nach einem Ort, Ada Foah) die einzige Massakerüberlebende ihrer Familie, die sich jetzt unter Fremden zurechtfinden muss. Ada hat ein Armband mit 33 Goldperlen, das sie der Leiche ihres Kindes mit auf den Weg geben will. Ein Portugiese namens Guilherme Fernandes Zarco taucht auf und will es haben, das Armband. »In Europa wissen wir, was Kunst ist«, wird er erklären, viele Seiten später, in einer sehr anderen Situation, die man sich nicht ausmalen kann, wenn man »Adas Raum« nicht bis dahin gelesen hat.

In Stratford-le-Bow ist Ada die berühmte Ada Lovelace, Tochter von Lord Byron und seiner Frau Isabelle, die das Kind nach der Trennung allein erzieht. Inzwischen denkt Ada über Rechenmaschinen nach, ist mit Charles Dickens mehr als gut bekannt und hat William Lord King geheiratet. William hat ihr ein Armband mit 33 Goldperlen geschenkt.

In Kohnstein bei Nordhausen ist Ada gefangen in einem sogenannten Lagerbordell. Kohnstein bei Nordhausen meint das KZ Mittelbau-Dora, und man könnte sich vorstellen, dass Otoo nicht der Namensähnlichkeit mit Fort Kongenstein widerstehen wollte, einer alten Festung in Ada Foah. Ada ist aus dem KZ Ravensbrück zur Zwangsprostitution hergebracht worden. Der Name des SS-Obersturmbannführers Helmut Wilhelm spielt nach Guilherme und William jetzt eine Rolle, er wird sich Adas Armband mit den 33 Goldperlen schnappen.

Und es geht immer weiter. Nun kommt, 2019, eine junge Frau von Accra über London nach Berlin, um hier zu studieren. Sie heißt Ada. Sie wohnt vorerst bei ihrer Halbschwester Elle, wird schwanger, findet keine eigene Wohnung, bis sie endlich ein Zimmer bei einem gewissen Herrn Wilhelm ansieht. Das Armband taucht jetzt im Katalog einer Ausstellung auf. »Fruchtbarkeitsperlen. Fünfzehntes Jahrhundert, Westafrika. Privatbesitz.« Ada sagt: »Wie kommt ein solches Armband in eine deutsche Ausstellung?«

»Adas Raum« ist ein politischer Roman, aber kein Roman, der sich von Politik bestimmen lässt. Die Debatten über koloniale Raubkunst, der Umgang mit Vergangenheit, der Brexit, die Situation von Frauen über die Jahrhunderte und die Kontinente, der Rassismus in Deutschland - mühelos, aber kunstvoll bettet Otoo, ihrerseits unter anderem aktiv in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, das alles ein in die groß angelegten und perspektivreichen Handlungsstränge.

Wie der Besen es sieht

Dass es auf »Die Jagd nach dem Armband« hinausliefe, wäre viel zu kurz gegriffen. Interessant eher, dass das Armband dann im Endeffekt nebensächlich ist. Das Armband im Roman, es hält die Dinge in Bewegung, die auch zeitlich und räumlich längst nicht so klar strukturiert sind, wie Otoo es zunächst anbietet.

Nach und nach gewöhnt sie uns daran, dass Gleichzeitigkeit herrscht in Adas Raum und dazu noch aus der Perspektive einer weiteren wichtigen Erzählerfigur, die bisher nur kurz erwähnt wurde. Das Frühstücksei. In den Gegenwarten und an den Orten des Romans tritt es als Reisigbesen (Totope) auf, als löwenköpfiger Türklopfer (Stratford-le-Bow), als Zimmer (Sonderbaracke in Mittelbau-Dora) und als britischer Reisepass (Berlin, ausgestellt als einer der letzten britischen EU-Pässe). Wie man sich denken kann, bringt diese Sichtweise Schwung in die Geschichte. Der Reisigbesen ist kein Unmensch - das ist eben das Gute daran, dass er kein Mensch ist - und bemüht sich, Ada nicht wehzutun. Aber Handlungsspielraum und Gemütslage bleiben naturgemäß beschränkt.

Zumal Gott (wie die Autorin) nicht immer verrät, worum genau es geht. Gott? Sie oder er tritt in vielerlei Gestalt auf. Der Erzähler, sagen wir besser: das Erzählende, ist auf Gott angewiesen und gibt sich große Mühe ihm (oder ihr) gegenüber. Denn »geboren zu werden, war die größte Sehnsucht meines Daseins«. Obwohl das im Roman tatsächlich eine Pinocchiohaftigkeit hat, ist es imposant: das Erzählende, das selbst wegen Nichtvorhandenseins keine eigene Geschichte, keine Vergangenheit hat. Da es so viel erlebt hat, kann es das selbst kaum glauben und geht auf eine Suche, die klarmacht, wie in »Adas Raum« alles mit allem verbunden ist: »Ich scrollte durch kaputte Smartphones, ich prüfte Höhlenmalereien und U-Bahn-Graffiti, ich las mich durch Polizeiberichte und politische Zeitungen, ich wertete mühsam jeden einzelnen Faden des Teppichs von Bayeux aus ... und ich erschien nirgendwo. Nirgendwo.«

Sprachlich ist »Adas Raum« ambitioniert und vielschichtig auf seine Weise. Man hört das Englische durch. Und es klingt verrückterweise so, als wären Sprachen aus Ghana nicht Lichtjahre entfernt, wenn Gott in Berlin erklärt: »Nu is aba jut. Jib ihm dit Ding zurück.« Das Erzählende hat sich da als Brise einen dummen Spaß mit einem Toupetträger erlaubt. In diesem Buch ist alles möglich.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 320 Seiten, 22 Euro.

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