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Digital wird wichtiger

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Die Auflagen von gedruckten Zeitungen gehen zurück, im Internet gibt es mehr und mehr Bezahl-Modelle für Journalismus. Digital wird für Redaktionen immer wichtiger. Wie stellen sich Medienhäuser in Deutschland 2020 auf?

Immer mehr Streaming-Dienste konkurrieren mit dem klassischen Fernsehmarkt. Auflagen von gedruckten Zeitungen und Magazinen sinken seit Jahren - im Gegenzug entstehen neue digitale Produkte. Der digitale Wandel im Journalismus wird auch 2020 Medienhäuser stark beschäftigen.

Kooperationen:Der Medienkonzern Axel Springer in Berlin, zu dem die Marken "Bild" und "Welt" gehören, setzt auf die Kooperation mit dem US-Finanzinvestor Kohlberg Kravis Roberts (KKR), um im Digitalen weiter zu wachsen. Unlängst wurde die Übernahme von mehr als 40 Prozent der Springer-Aktien von Kartellbehörden freigegeben. Vom Medienkonzern heißt es: "In den nächsten drei Jahren wollen wir bei unseren deutschen News Media Angeboten insgesamt mehr als 100 Millionen Euro investieren, vor allem in eine Live-Video-Strategie von "Bild". Bei "Welt" und "Bild" wollen wir außerdem die digitale Abonnentenbasis erheblich ausbauen."

Digital, digital, digital:Medienhäuser investieren weiter in digitale Angebote. Der Chefredakteur der überregionalen "Tageszeitung" in der Hauptstadt, Georg Löwisch, sagt: "Wir machen die digitale Tageszeitung neu. Wir schicken eine Beta-Version der neuen taz-App für Android und iOS in den Praxistest. In der ersten Jahreshälfte soll die neue App dann regulär starten." Perspektivisch hat die "Tageszeitung" vor, unter der Woche nur noch digital zu erscheinen.

Ein weiteres Beispiel für Pläne im Digitalen: Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) stellt seine Nachrichtenangebote neu auf, um neben den TV-Marken "heute" und "heute journal" auch im Internet präsenter zu sein. Wie der Sender mitteilt, steht ein Relaunch der Nachrichten-App "ZDFheute" im ersten Halbjahr an.

Regionale Berichte

Auch die Medienholding Süd, zu der unter anderem "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" gehören, will 2020 ihre Medienhausstrategie der Regionalzeitungen weiter umsetzen. "Dies bedeutet etwa, dass die Zeitungen und Medien mehr digitale Produkte und Services anbieten werden. Der Fokus der Arbeit liegt weiterhin auf hochwertiger, regionaler Berichterstattung in Print und digital", wie es von der Südwestdeutschen Medienholding, zu der die Medienholding Süd gehört, heißt.

Crossmedial:Die Mediengruppe RTL setzt weiter auf den Aufbau einer crossmedialen Redaktion. Die Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Deutschland, Tanit Koch, sagt: "Die journalistischen Inhalte der Mediengruppe RTL erreichen täglich rund 20 Millionen Menschen. Diese Position soll durch ein künftig gut orchestriertes Zusammenspiel von TV, Digital und Social weiter ausgebaut werden. Daher bauen wir im Projekt ›Inhalteherz‹ derzeit Schritt für Schritt eine gemeinsame, crossmediale Redaktion für alle journalistischen Angebote der Mediengruppe RTL auf." Es sollen Ressorts nach thematischen Schwerpunkten entstehen. Auch beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in Hamburg wird Vernetzung von Print und Online weiter Thema sein. Das Jahr 2019 sei intensiv dafür genutzt worden, die beiden "Spiegel"-Redaktionen auf allen Ebenen zusammenzuführen, heißt es vom Verlag. Der Fusionsprozess soll weiter vorangetrieben werden.

Themen: Klimawandel, Energiewende:Der Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", Giovanni di Lorenzo, sagt über Themen, die 2020 anstehen: "Eine der größten thematischen Herausforderungen wird es sein, wie wir den Klimawandel journalistisch weiter begleiten können, ohne dass wir durch ein Überangebot Verdruss bei den Lesern schaffen - noch bevor die Rettung der Welt überhaupt in Angriff genommen wird!"

Der Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (dazu zählt auch das "Flensburger Tageblatt"), Stefan Hans Kläsener, nennt unter anderem die Energiewende als politisches Thema, das weiter ansteht.

Neue Angebote, neue Aufgaben:Deutschlandradio-Programmdirektor Andreas-Peter Weber kündigt für das erste Quartal 2020 einen Frühpodcast an. "Er soll unseren erfolgreichen Podcast "Der Tag" ergänzen, der immer montags bis freitags ab 17 Uhr abrufbereit ist." Er betont: "Der Audiomarkt verändert sich rasant, wir beobachten das sehr genau. Beim Thema Podcast sind wir eigentlich ständig in der Neuentwicklung." Vom Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr heißt es, dass die neuen Magazine, vor allem im Segment Persönlichkeitsmagazine, weiterentwickelt werden sollen.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) plant zum Schwerpunkt 250. Geburtstag des Komponisten Ludwig van Beethoven unter anderem dies: ein Spiel per App. Es soll Gamer und Beethoven-Fans ansprechen, wie der Sender mitteilt.

"Abo First":Zur Strategie, um Erlöse zu steigern, nennt der Geschäftsführer der "Zeit"-Verlagsgruppe, Rainer Esser, als größte Säule des Geschäfts das "starke Abonnement" und ein wachsendes Digitalgeschäft. "Deshalb stecken wir große Kraft in "Abo First" und in die Vernetzung unserer Print- und Digitalangebote, von der digitalen Zeit über Zeit online bis hin zu unseren Podcasts, zum Zeit Shop und zur Zeit Akademie. Esser ergänzt: "Darüber hinaus werden wir unser Portfolio für Geschäftskunden aus- bauen, gegebenenfalls auch durch Zukäufe."

Streaming-Angebote verändern den TV-Konsum in Deutschland. Der Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), Thomas Bellut, hält das lineare Fernsehen dennoch für stark. Auch der künftige Rundfunkbeitrag beschäftigt den öffentlich-rechtlichen Sender.

Was wird Ihnen vom Jahr 2019 positiv in Erinnerung bleiben?

Das lineare Fernsehen ist stark. Insbesondere die Nachrichten entwickeln sich sehr erfreulich. Die politische Berichterstattung rund um die Wahlen hatte ein erhebliches Echo. Die Europawahl wäre ohne ZDF und ARD - jedenfalls im TV - nicht so beachtet worden. Das ist auch wichtig für die Wahlbeteiligung. Die Kraft des Mediums TV ist noch da - es gibt aber Veränderungen, auf die wir eingehen müssen.

Was sind das für Veränderungen?

Zum Beispiel die finanzstarken globalen Streaming-Dienste. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein neuer Anbieter auftaucht. Das verändert den Markt, etwa bei den Sportrechten, und das verändert auch das Verhalten der Nutzer.

Die ARD hat angekündigt, ihre Mediathek zu einem Streaming-Angebot zu entwickeln. Ist das auch der Plan des ZDF?

Die ZDFmediathek ist eine Streaming-Plattform, die wir kontinuierlich weiterentwickeln. Die zeitversetzte Nutzung nimmt mobil und vor allem auch über HBB-TV deutlich zu. Ein einziger Knopfdruck ermöglicht den Zugang in die digitale Mediathek-Welt aller Sender. Das verändert das Geschäft schon. Die andere neue Welt sind die globalen VoD-Plattformen (Video-on-Demand). Da wissen wir nicht, wie die Nutzung im Vergleich zum TV tatsächlich aussieht.

Ein neuer Rundfunkbeitrag ist in der Diskussion. Die zuständige Kommission KEF hat als Entwurf 18,36 Euro genannt. Welchen Rundfunkbeitrag wünschen Sie sich?

Die jetzt bekanntgewordene Empfehlung - wir wissen noch nicht, ob es dabei bleibt - ist immerhin eine Verbesserung. Auch wenn unsere Wünsche nicht ganz in Erfüllung gegangen sind. Die Preissteigerungen der nächsten Jahre werden wir nicht wiederbekommen. Ich habe aber immer gesagt: Ich fühle mich von der KEF fair behandelt in den letzten Jahren - streng, aber fair.

Der bisherige ARD-Vorsitzende Wilhelm betonte unlängst, dass der Anteil, den das ZDF aus dem Rundfunkbeitrag bekommt, steigen und der der ARD sinken könnte.

Ich finde das sehr überraschend und kann den Angriff nicht nachvollziehen. Das deckt sich nicht mit dem, was ich weiß. Ich bin gespannt, was die KEF am Ende dazu sagen wird. Es hat in der Vergangenheit schon immer mal kleinere Veränderungen bei der Verteilung gegeben. Aber die sind eine Folge von Berechnungen der KEF, die sehr präzise die Aufgaben und Ausgaben der Sender betrachtet und Wirtschaftlichkeitspotenziale einbezieht.

Bei der ARD wird es weiter einen Sparkurs geben. Ist das auch beim ZDF so?

Wir müssen sparen, um Preissteigerungen aufzufangen. Ungefähr 800 Millionen Euro fließen jedes Jahr an externe Produzenten. Auch da gibt es Lohnerhöhungen und andere branchenspezifische Steigerungen. Die können wir nicht direkt aus der Beitragssteigerung finanzieren.

Sie bauen seit fast zehn Jahren Jobs ab - bis 2020 sollen es rund 560 Stellen sein.

Die Einsparungen sind weitgehend vollzogen. Den Rest schaffen wir im Jahr 2020. Damit können wir ab 2021 wieder junges Personal uneingeschränkt einstellen, was dringend nötig ist. Das Durchschnittsalter des ZDF liegt bei 50 Jahren. dpa/FOTO: DPA

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