Blick auf den Haupteingang und einen Teil des Innenhofs des neuen Volkstheaters München.
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Blick auf den Haupteingang und einen Teil des Innenhofs des neuen Volkstheaters München.

Münchner Volkstheater

Das neue Volkstheater ist geglückt

  • Simone Dattenberger
    vonSimone Dattenberger
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Ein Rundgang durch das neue Münchner Volkstheater mit Oberbürgermeister Dieter Reiter und Intendant Christian Stückl

Bert Brecht ist schon da – obwohl „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ jetzt (noch) gar nicht im ehemaligen Münchner Viehhof ihren Auftritt hat. Irgendjemand hat eine Porträtzeichnung an die Glastür zum Wirtshaus geklebt. Der Welt-Dramatiker wartet also wie wir alle, dass das neue Volkstheater an der Tumblingerstraße fertiggestellt wird: Im Mai 2021 ist die Übergabe an Hausherr Christian Stückl, im Oktober beginnt der Spielbetrieb und: Man ist im Zeit- und Finanzplan. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter strahlt bei dieser Anmerkung, Stückl strahlt sowieso. Aber er hat richtig Lampenfieber bei dem ersten Rundgang durch die sich vollendende Spielstätte mit – wegen der Pandemie – sehr wenigen Pressevertretern und dem OB.

Eigentlich sind die Wichtigsten in diesem Reigen die Könner auf der Baustelle. Die Handwerker, die Baufirma und Arno Lederer (Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei). Der Architekt aus Stuttgart hat mit Respekt und Witz ein Gebäude ins Schlachthofviertel gesetzt, das nicht imperialistisch die Umgebung dominiert, sondern mit ihr einen Dialog aufnimmt – etwa durch die traditionelle Klinker-/Ziegelform und die schönen Wasserspeier. Und weil es offensteht. Der untergliederte Hof ist an mehreren Seiten zugänglich, genauso wie das Restaurant. Durch Kreissegment-Fenster kann man vom Trottoir aus direkt in die Werkstätten der Schreinerei oder Schlosserei schauen. In diesem Sinne arbeitet auch die Georg Reisch GmbH (Bad Saulgau), die das Projekt 2017 als Generalübernehmer durchführt. Bei solch einem Verfahren verpflichtet sich die Baufirma, das Haus pünktlich und zum festgelegten Preis (131 Millionen Euro) zu realisieren.

Der Zuschauerraum des großen Saals umfasst 600 Plätze. Die Reihen sind breiter als beim alten Volkstheater.

Während der Pflasterer seine komplizierte Arbeit mit kleinen Granitwürfeln im Innenhof vorantreibt, führt Stückl durch einen Seiteneingang ins Theater. Zuvor hatte Reiter sich in seinem Statement gefreut, dass München derzeit die einzige Stadt sei, die ein Theater gebaut habe. „Die Stadt pflegt immer noch die Kultur!“ Am Ende der Besichtigungstour wird er betonen, das Haus nicht unter Spardruck (Corona) zu setzen: „Wir machen keine Rieseninvestition, um dann an zwei Schauspielern zu sparen.“ Denn bei einer Spielstätte mit drei Bühnen – das heißt, bis zu 900 Zuschauern am Tag – braucht’s statt 17, 18 Schauspielern 22 und einiges mehr an Technikern und weiterem Personal. Dafür fallen Miet- und Transportkosten weg. In dem puppigen Volkstheater an der Brienner Straße ist gar nichts unterzu- bringen.

Da die 1000-seitige „funktionale Leistungsbeschreibung“ erfüllt wurde, gibt es bald nicht nur drei Bühnen (600, 300, 100 Plätze), sondern Transporter können quasi ins Gebäude fahren. Die Bühnentechniker werden Kulissen in einer Halle neben ihrer Werkstatt zusammenbauen und dann, ein paar Meter weiter, direkt auf die Bühne(n) fahren oder mit dem Lastenaufzug hieven. Ein Zauberkasten für die Bühnengewerke, die ja erst den Zauber Schauspiel ermöglichen.

Der Bühnenturm des Theaters ist fast 30 Meter hoch.

Schier verzaubert sind Reiter und Stückl vom Bühnenturm. Kein Wunder, den gibt es in der Maxvorstadt ebenfalls nicht. Jetzt blickt man fast 30 Meter in die Höhe. Zu diesem Stauraum für Kulissen kommen Neben- und Unterbühnen (14 Meter tief) für die Hauptbühne, die gleich groß bleibt (15 auf 15 Meter). Die fürs Publikum unsichtbaren Flanken und Unterteile, die eine Bühne so notwendig braucht wie eine Autowerkstatt die Hebevorrichtung, existieren im alten Theater nicht, was Spielen, Aufbauen und Proben extrem erschwert. Das sind Abläufe, die sich Laien nicht bewusst machen. Man merkt Christian Stückl die Erleichterung an. Obendrein kann er in dem Komplex, in den denkmalwürdige Teile des Viehhofs integriert wurden, einen Kindergarten und eine Schauspielerwohnung anbieten.

OB Dieter Reiter und Intendant Christian Stückl im oberen Foyer des Neubaus.

Angenehme Feinheiten für Künstler und Publikum: Die Bühnenwände sind leicht geneigt, sodass keine Flatterakustik entsteht, und der Zuschauerraum ist breiter, sodass man näher an der Bühne sitzt; vorne ist eine Versenkung etwa für Orchester angebracht. So funktional all das baulich ist – spielen sollen die Theaterleute –, so wenig lässt sich Arno Lederer sein ästhetisches Spiel streitig machen. Das vorgegebene Straßenkarree lockert er auf durch Rund- und Hohlformen, die Schwung und Gegenschwung nehmen, die Quadrat, Quader und Kreis variieren, ob bei Fenstern, der Haupttür-Verzierung oder den Tageslichtkuppeln im oberen Foyer. Das strahlt trotz Kabelsalats, Trittbrettern und Baustaubs bereits heiteren  Charme aus. Arno Lederer hat nämlich den Voranstrich, sprich: die Farben, ausprobiert. Ihnen erliegt man beim ersten Schritt in den Flur: dieses Blau mit den Tageslicht-Kreisen in der Decke!  Er habe deswegen den zögernden Stückl nach Weimar ins Goethe-Haus geschleppt, berichtet Lederer schwäbisch knapp. Wie Recht er hatte.

Das neue Volkstheater wird also bei Tag und Nacht begeistern – und sicher auch die bis zu 13 Inszenierungen.

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