Jeanine Cummins’ Buch "American Dirt" rief eine heftige Debatte in den USA hervor, bevor der Roman überhaupt erschien. FOTO: DPA
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Jeanine Cummins’ Buch "American Dirt" rief eine heftige Debatte in den USA hervor, bevor der Roman überhaupt erschien. FOTO: DPA

Blut, Angst und tiefer Schmutz

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"Sie fühlte sich wie Rührei." So heißt es irgendwann über Lydia, die Protagonistin in Jea- nine Cummins’ umstrittenem Fluchtepos "American Dirt". Der Roman startet direkt mit einem Massaker. Aber kann man beschreiben, wie ein Mensch sich fühlt, dessen komplette Familie ermordet worden ist?

16 Tote finden sich auf den ersten zwölf Seiten, dazwischen Lydia und Luca, eine mexikanische Mutter und ihr acht Jahre alter Sohn, die vor den Morden aus ihrer Heimatstadt Acapulco fliehen werden, Ziel: Denver, USA. Wer weiterliest, muss durch mehr als 550 Seiten Blut, Angst und den titelgebenden Schmutz, das Adjektiv "schrecklich" wird sehr oft verwendet. Und irgendwann kommt leider der Rühreivergleich.

Lydia und Luca kauern im Badezimmer, während im Garten das Kartell Los Jardineros um Drogenboss Javier Crespo Fuentes die Großfamilie totschießt, darunter Lydias Mann und Lucas Vater, Sebastian, ein Journalist, der über das Kartell berichtete. Er hat noch die Grillzange in der Hand, als sein Blut "in den Terrassenboden aus Beton sickert". Das mit der Grillzange wird genauso oft erwähnt wie dass er tot ist. Trotzdem heißt es: "Sie tritt zu Sebastian, der sich nicht rührt." Tote können sich auch schlecht rühren, denkt man, und da hat der Roman erst begonnen.

Also: Kann man beschreiben, wie jemand sich fühlt, dessen komplette Familie gerade ermordet worden ist? Vielleicht haben Mafia-Filme es einfacher, denn die blutigen Bilder können für sich stehen. Cummins wiederum muss sie als Autorin ständig um die Gefühle ihrer Figuren ergänzen. Wobei sie das nicht mal müsste, sie könnte auch mit subtilen Beschreibungen arbeiten. Subtil ist in "American Dirt" aber gar nichts. Der Leser wird sicherheitshalber permanent daran erinnert, dass Lydia und Luca nun traumatisiert sind. Leider wirkt das sprachlich nicht nur unbeholfen, oft sind die Bilder auch schief.

So spürt Lydia, "dass eine weitere Wolke aus Verzweiflung auf sie niedersinken will", und "die Stunden ziehen wie Schlamm an ihr vorbei". Außerdem fühlt sich ihr Gehirn "so merkwürdig an, gleichzeitig manisch und schwammig", während es über Luca einmal heißt, es wirke "als sei seine innere Orientierung im Urlaub". Schreibt man so über ein Kind, das ein Massaker überlebt hat? Lydia startet also die Flucht in die USA, denn: "Sie muss an der Auslöschung ihrer Familie vorbeidenken." Die Reise führt auf den Dächern tödlich schneller Güterwaggons in die Hände finsterer Entführerbanden bis hin zur Wanderung durch die Wüste samt wirklich freundlichem Schlepper.

Cummins erzählt diese Fluchtgeschichte nicht linear, sondern berichtet in Rückblenden vom idyllischen Familienleben mit Sebastian und ihrer Beziehung zu Drogenboss Fuentes - der Stammkunde in ihrer Buchhandlung war. Hier übertritt die Autorin gekonnt die Grenze zum Groschenroman. Lydia und Fuentes haben das gleiche Lieblingsbuch ("Die Liebe in den Zeiten der Cholera"). Dann erfährt sie von ihrem Mann, wer ihr Stammkunde ist.

"American Dirt" ist in den USA hochumstritten. Der Vorwurf lautet, Cummins könne als weiße Autorin (mit puertoricanischer Großmutter) nicht die Perspektive einer Mexikanerin einnehmen. Ihr war das bewusst. Kritiker werfen ihr nun "Trauma-Porno" mit "Klischee-Charakteren" vor. Star-Autor Stephen King dagegen spricht von einem "verdammt großartigen Roman". Und vielleicht liest er sich auf Englisch besser. Am dürftigen Plot ändert aber auch die Sprache nichts. Gut an "American Dirt" ist, dass es den Fokus auf eines der wichtigsten Themen unserer Zeit richtet. dpa

Jeanine Cummins: American Dirt, Rowohlt, 560 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-499-27 682-8.

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