Biografische Abgründe

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Mit großem Spürsinn für biografische Abgründe führt Anatol Regnier seine Leser in »Jeder schreibt für sich allein« in die Zeit des Nationalsozialismus. In 34 Kapiteln stellt er dar, wie Schriftsteller, die nicht ins Exil gingen, versuchten, sich mit dem Nazi-Reich zu arrangieren oder Widerstand zu leisten, offen oder versteckt. Widerstand - war das überhaupt möglich, nachdem die Nazis die Dichtkunst der Preußischen Akademie praktisch im Handstreich übernommen hatten?

Regnier prunktet nicht mit großen Thesen, sondern wendet sich, den Lebensläufen von Benn, Kästner, Wiechert, Loerke, Langen und unzähligen anderen folgend, den oftmals von der lauten Politik verborgenen Kämpfen im Kleinen zu: dem nicht selten verzweifelten Ringen um die Möglichkeit, weiterhin publiziert zu werden, den Haken, die Autoren dafür zu schlagen bereit waren - oder auch nicht. Ein feinsinniges und sensationell kenntnisreiches Porträt einer bitteren Zeit in zahllosen Einzelschicksalen!

Zu den Neuerscheinungen zählt auch ein Buch mit einem ganz anderen Tenor: Ein Kapitel über den Philosophen und Kommunikationswissenschaftler Vilém Flusser (1920-1991) ist das geheime Zentrum dieses Buches. Florian Rötzer, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema Wohnen beschäftigt, hat nicht nur dessen Werke studiert, sondern auch Gespräche mit ihm geführt. Was wohnen bedeutet in einer Gesellschaft, die Jahrtausende brauchte, bis sie sesshaft wurde, in der aber, ob durch die Digitalisierung oder Flüchtlingskrisen, verstärkt nomadische Elemente wieder hervorbrechen, betrachtet der 1953 geborene Rötzer aus vielen Perspektiven. In »Sein und Wohnen« kommt er dabei vom ganz Großen zum Detail. Der Beginn liegt bei den Anfängen der Menschheit und dem Wohnen als Schutzraum einerseits und bei der Betrachtung des Blicks auf die Erde als Wohnstatt andererseits. Dieser Blick hat sich verändert, so Rötzer: Längst sei das Bewusstsein von der Erde nicht mehr sichere Heimat, sondern das eines zerbrechlich durchs Weltall rasenden Planeten. Durch die neue Digitalität wiederum öffne sich das, was der Mensch bisher als privatesten Raum um sich baute, für alle, nicht ohne Folgen für das zeitgenössische Verständnis von Wohnen. Seuchen im Mittelalter begünstigten die Flucht aufs Land, »die verdichtete Stadt« galt auch damals, als man noch nichts über Viren wusste, als Risikoraum. Dem Wohnraum als Rückzugsgebiet steht die Obdachlosigkeit als ungeschützter Raum gegenüber. Die Neonomaden oder Globalisten aus der reichen Oberschicht zeichnen sich zwar durch permanente Ortswechsel aus, verzichten dabei aber anders als Obdachlose nicht aufs Wohnen. Mit der Betrachtung von Smart Homes und Smart Cities lässt Rötzer sein Buch enden. Ein Rundumblick mit vielen Anregungen. Dierk Wolters

Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein, C.H. Beck Verlag, 366 Seiten, 26 Euro.

Florian Rötzer: Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens« , Westend Verlag, 288 Seiten, 22 Euro.

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