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Ausspannen

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Als ich nach Hause kam, knieten die kleine Lisa von gegenüber und ihre Freundin Anna im Wohnzimmer auf dem alten Berberteppich und linsten unter die Couch.

Anna schob ihre dicke Hornbrille zurecht: "Komm da raus, kleine Maus."

Lisa rief: "Wir haben tolle Leckerlis für dich!"

Anna flüsterte: "Wo haben wir die?"

Lisa flüsterte: "Wir tun nur so als ob."

"Das merkt sie doch."

"Wie soll sie das merken?"

"Sie kann es riechen."

"Aber wir haben ja nichts, was riecht."

"Eben."

Während die Kinder diskutierten, schlich sich die kleine Retsel hinter der Couch hervor an ihnen vorbei in den Flur. Als das schwarze Kätzchen mich erspähte, blieb es wie angewurzelt stehen. Seine grüngelben Augen funkelten.

Ich sagte: "Was machst du schon wieder hier?"

Die beiden Mädchen im Wohnzimmer sprangen auf und riefen: "Da bist du ja endlich! Und da ist ja auch die Retsel!"

Anna sagte: "Du hast sie angelockt."

Lisa staunte: "Hast du Leckerlis dabei?"

In diesem Moment fasste sich die kleine Retsel ein Herz, rannte los, sprang neben mir gegen den Schrank im Flur, stieß sich ab und umkurvte ihr menschliches Hindernis in einem 90-Grad-Winkel.

Lisa machte: "Wow!"

Anna rief: "Retsel ist eine Turnerin."

Die Turnerin verschwand in der Küche unterm Tisch im Katzenkorb.

Ich sagte: "Was macht die kleine Katze schon wieder hier?"

Lisa sagte: "Retsels Frauchen ist im Urlaub."

Anna nickte: "Sie hat viel Stress."

"Deshalb muss sie ausspannen."

Plötzlich knurrte es in der Küche. Dann war ein Fauchen zu hören, und die kleine Retsel schoss aus dem Katzenkorb heraus durch den Flur an uns vorbei unter die Wohnzimmercouch.

Lisa sagte: "Die Katze, also die Katze, die bei dir lebt, hat im Küchenkorb geschlafen."

Anna schob ihre dicke Hornbrille zurecht: "Wir haben es Retsel gesagt."

"Aber sie hört nicht zu."

"Sie ist noch klein."

"Ein Kind."

"Deshalb musst du besonders gut auf sie aufpassen."

"Mama sagt, wenn das einer kann, dann du."

Da kam die Katze, die bei mir lebt, unterm Küchentisch hervor, leckte sich an den Stellen übers Fell, an denen sie von Retsel berührt worden war, und schaute mich empört an: Was die kleine Katze schon wieder hier macht?

Ich sagte: "Das frage ich mich auch, was die kleine Katze schon wieder hier macht."

Lisa stutzte: "Aber wir haben es dir doch gerade erklärt."

Ich sagte: "Ich dachte, die kleine Retsel bleibt bei deiner Mama, wenn ihr Frauchen im Urlaub ist."

Lisa meinte: "Meine Mama ist diesmal mitgeflogen."

Anna nickte: "Zum Ausspannen."

"Nach Sardinien."

"Das ist bei den Fischen."

Ich sah Lisa an: "Was genau soll das heißen: Deine Mama ist mitgeflogen?"

Lisa stemmte die Hände in die Seiten: "Keine Bange. Nur Retsel wohnt bei dir. Anna und ich wohnen eine Woche bei Oma Gertrud."

Anna sagte: "Wir müssen auch mal ausspannen."

"Mama sagt, ausspannen ist wichtig."

"Mein Papa muss sogar jeden Abend ausspannen."

Lisa schaute Anna an: "Das ist ja cool."

Anna nickte stolz.

"Und deine Mama?"

Anna überlegte: "Meine Mama sagt, sie hat Papa mal einer Blondine ausgespannt. Das genügt ihr."

"Dann muss sie jetzt nicht mehr aus- spannen?"

Anna schüttelte den Kopf: "Ich glaube, sie fand das Ausspannen ziemlich anstrengend."

Lisa staunte: "Wenn Ausspannen anstrengend ist, warum wollen es dann so viele Leute machen?"

Anna zuckte mit den Schultern.

Lisa legte die Stirn in Falten: "Vielleicht sollten wir besser nicht ausspannen."

Die Kinder dachten nach und schauten sich an: "Aber wir haben doch jetzt Ferien."

"Und wir hatten das ganze Jahr über Stress."

"Dann müssen wir unbedingt ausspannen."

Lisa blieb skeptisch: "Auch wenn es total anstrengend ist?"

Anna nickte: "Ich glaube schon."

Lisa rief: "So ein Mist."

Ich sagte: "Geflucht wird nicht."

Lisa schaute mich an: "Es war kein Fluch im direkten Sinn."

Anna meinte: "Nur indirekt."

Lisa stutzte: "Frau Schröder sagt aber, wir sollen nicht indirekt sein."

"Du meinst indiskret."

"Ich meine indirekt."

"Aber Frau Schröder meint indiskret."

"Was soll das sein?"

"Wenn man zu direkt ist."

Lisa zuckte mit den Schultern: "Frau Schröder weiß im Unterricht nicht immer so genau, was sie sagt."

Beinahe hätte ich etwas gesagt.

Doch die Kinder kamen mir zuvor: "Du kannst jetzt mit Retsel ausspannen."

"Auch wenn es vielleicht ein bisschen anstrengend wird."

"Ausspannen ist ausspannen."

Schon schoss das schwarze Kätzchen erneut unter der Couch hervor durch den Flur in die Küche. Es sprang vor der sich putzenden Katze, die bei mir lebt, auf den Küchentisch, verlor den Grip und rutschte über die Tischplatte. Porzellan flog umher und die kleine Retsel durch den Flur an uns vorbei wieder zurück unter die Wohnzimmercouch.

Lisa machte: "Wow! Ihr werdet Spaß haben."

Anna sagte zu mir: "Du hast es gut."

Lisa nickte: "Wir müssen jetzt zu Oma Gertrud und ihr im Garten helfen."

Anna verzog das Gesicht: "Beim Melonenzüchten."

Die Kinder gingen zur Wohnungstür und riefen zum Abschied: "Wenn die Melonen zu langweilig werden, kommen wir dich besuchen und helfen dir beim Ausspannen.

Versprochen!"

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Ich ging in die Küche. Die Katze, also die Katze, die bei mir lebt, war mit Fellreinigen fertig und trottete zurück in ihren Korb. Ehe sie hineinstieg, schaute sie mich vorwurfsvoll an. Ich zuckte mit den Schultern. Aus dem Flur schoss die kleine Retsel heran.

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