Armes Kindermädchen, geniale Fotografin

Die Vorlage zu diesem wilden literarischen Stoff ist bekannt: Als Vivian Maier 2009 arm und vereinsamt stirbt, hat sie 40 Jahre Arbeit als Kindermädchen hinter sich. Es folgt posthumer Ruhm als geniale Straßenfotografin von 150 000 zu Lebzeiten nie öffentlich gezeigten und größtenteils nicht mal entwickelten Bildern. Maier hatte auf Streifzügen unentwegt Fremde fotografiert. Filmrollen und Negative sammelte sie genauso besessen und achtlos zugleich wie alle ausgelesenen Zeitungen ihrer Brötchengeber. Nach der Zufallsentdeckung sind Vivian Maiers Fotoarbeiten heute in Ausstellungen, Büchern und zuhauf auch im Netz zu sehen.

Eine rätselhafte Frau, deren Lebensweg Christina Hesselholdt zu ihrem zweiten auf Deutsch erschienen Roman nach "Gefährten" (2018) animiert hat. Pflückte die Dänin hier für die sechsstimmig erzählte Beziehungsgeschichte zwischen sechs Freunden munter aus der eigenen Biografie und erfand munter dazu, wendet Hesselholdt in "Vivian" den Blick nach außen.

Wie in den "Gefährten" erzählen wechselnde Stimmen in meist kurzen Abschnitten. Neben der ausdrücklich als Erzähler ausgewiesenen Stimme und der Hauptperson selbst kommen die vom Kindermädchen eher lieblos betreute Ellen und deren Eltern zu Wort, später auch eine fotografische Lehrmeisterin.

Hesselholdt (Jahrgang 1962) jongliert durch ihr Stimmen-Arrangement mit stilistisch herausragendem Schreibertalent und vermag vordergründig Alltägliches oder Widersprüchliches genau wie Ungeheuerliches entspannt, witzig und charmant, ohne Theaterdonner in originelle Sätze fassen. Mit Vergnügen liest man sie oft zweimal. Ursel Allenstein hat das wie schon bei den "Gefährten" elegant ins Deutsche gebracht.

Hesselholdt kombiniert Sprachwitz mit unbefangener Neugier für ihre Personen. Vivian Maier bleibt für sie mit abstoßenden Zügen wie dem Zwangsfüttern widerborstiger Kinder und pathologischen wie ihrer Sammelmanie eine konstant interessante Figur.

Am Ende bleibt das Gefühl, den Weg einer weiter Fremden verfolgt zu haben. Das mag auch der Preis sein für die hochgradig unterhaltsame, aber eben auch stark fragmentierte Erzählweise und viel Meta-Ironie oder -Selbstironie der Erzählerstimme. dpa

Christina Hesselholdt: Vivian, Hanser Berlin, 208 Seiten, 21,00 Euro, ISBN 978-3-446-26589-9

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