Abgesang auf den alten weißen Mann

Hans Benedek ist eine sogenannte Edelfeder. Seit Jahrzehnten zieren seine formvollendeten Beiträge über Kunst und Architektur das Feuilleton einer Berliner Tageszeitung. Doch der Wind hat sich gedreht. Eine neue Chefin fährt einen knallharten Sparkurs und die jungen Kolleginnen werden auch immer aufmüpfiger. In der bunten Instagram- und Twitter-Welt wirkt der nicht mehr ganz so knitterfreie Hans aus der Zeit gefallen.

Als er sich auf ein Porträt mit einer jungen Feministin einlässt, zeigt sich, dass er die Spielregeln längst nicht mehr vorgeben kann und sich selbst ins Abseits kickt. Johanna Adorjáns neuer Roman »Ciao« ist ein weiterer Beitrag zum beliebten Thema Bedeutungsverlust des alten weißen Mannes, diesmal in der schillernden Medienwelt. Offenbar als Komödie angelegt, funktioniert die Geschichte aber nicht so richtig. Eher bekommt man Mitleid mit dem anachronistischen Hans, der zum Opfer wird. Der etwas lieblos heruntergeschriebene Roman leidet daran, dass der Plot von Beginn an vorhersehbar ist.

Künstler und Glückssucher

Das Paris des Jahres 1927 ist Sammelpunkt einer bunten Künstlerwelt. Maurice Ravel spielt melancholische Klavierstücke, die Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein sucht nach inspirierenden Gemälden, die Tänzerin Josephine Baker hält Hof in ihrem schicken Apartment. In Alex Georges Roman »An jenem Tag in Paris« spielen diese Prominenten allerdings nur Nebenrollen. Die wahren Helden und Heldinnen sind eher kleine Leute: Ein armenischer Flüchtling und Puppenspieler, ein Gesellschaftsjournalist, ein mittelloser Maler, eine Dienstbotin. Sie alle bringen ihre Geheimnisse, Traumata und Sehnsüchte mit nach Paris und suchen dort ihr Glück. George erzählt ihre Geschichten in parallelen Strängen, die sich mit der Zeit kreuzen. Diese kunstvoll verwobene Konstruktion des Buches ist zugleich auch sein größter Nachteil. Denn vor allem zu Beginn ist die Vielzahl der Geschichten und Personen verwirrend und vielleicht sogar ermüdend. So braucht es einige Geduld, um den besonderen Reiz dieses Romans wirklich zu erfassen. dpa

Johanna Adorján: Ciao, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 272 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-462-00 171 -6.

Alex George: An jenem Tag in Paris, Pendo Verlag, München, 400 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-866-12 494 -3

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