Françoise Hönle auf dem Balkon ihres Hauses in Lich. FOTO: US
+
Françoise Hönle auf dem Balkon ihres Hauses in Lich. FOTO: US

Zwischen den Welten

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
    schließen

Françoise Hönle wird am Sonntag 80 Jahre alt. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat sie in Deutschland verbracht, aber im Herzen ist sie Französin geblieben. Völkerverständigung ist und bleibt für sie ein zentrales Thema.

Es gibt einen Ort in Lich, da fühlt sich Françoise Hönle ganz zu Hause. Das ist der Internationale Garten am Rande des Schlossparks. Hönle hat ihn mit aufgebaut, sie koordiniert die Aktivitäten und bewirtschaftet selbst eine Parzelle. Vieles, was prägend für ihr Leben war, läuft hier zusammen: die Leidenschaft fürs Gärtnern, die Begegnung mit anderen Menschen, das Bemühen um Völkerverständigung, die Liebe zu fremden Sprachen. "Hier verknüpfen sich alle Fäden", sagt die Frau, die in der Bretagne geboren wurde.

Hönle wird am 18. Oktober 80 Jahre alt. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, sie spricht die Sprache fließend. Aber sie ist Französin geblieben. "Von der Staatsangehörigkeit her und vom Herzen", wie sie sagt. Ein Haus mit Garten tief in Frankreich, im Département Aveyron, das ihre Eltern einst erwarben, ist bis heute für sie, ihre Geschwister, die Kinder und Kindeskinder ein fester Anker.

Dass sie den größten Teil ihres Lebens in Deutschland verbringen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Ihre Mutter war mit ihr schwanger, als sie 1940 vor der heranrückenden Wehrmacht aus dem Norden Frankreichs in den Westen floh, nach Rennes. Dort kam Françoise zur Welt. Zu ihren frühen Kindheitserinnerungen gehören Kriegsflugzeuge oben am Himmel und der Hausarrest, der über sie und ihre Geschwister verhängt wurde, als deutsche Verbände 1944 nach der Landung der Alliierten in der Normandie durch ihr Dorf zogen. "Eine Panzerdivision", erzählt sie. "Die Erde hat gebebt."

Bei einem Kriegsgefangenen, der in Frankreich geblieben war, hörte sie die ersten deutschen Worte. "Diese Sprache wollte ich verstehen" , sagt sie rückblickend. Jedenfalls wählte sie auf dem Mädchengymnasium, das sie in Rennes besuchte, Deutsch als erste Fremdsprache. Hier traf sie auf Referendare aus dem Elsass. "Faszinierend. Franzosen, aber deutschsprachig."

Die Eltern hätten gern gesehen, dass die aufgeweckte Tochter ihre mathematische Begabungen pflegt. Doch Françoise blieb den Fremdsprachen treu, studierte parallel Deutsch und Englisch und wurde Deutschlehrerin in Grenoble. In den Alpen blieb sie nicht lange. Zur Vorbereitung auf das mündliche Examen hatte sie eine Freundin in Freiburg besucht und dort ihren künftigen Mann kennengelernt, Detmar Hönle, einen angehenden Französischlehrer. Ihre Eltern seien über diese Wahl anfangs nicht sehr glücklich gewesen, erzählt sie. "Sie waren vor den Deutschen geflohen und traumatisiert."

Françoise und Detmar Hönle haben drei Kinder großgezogen. Sie haben abwechselnd in Deutschland und Frankreich gelebt und gearbeitet. Zuerst in Rottweil am Neckar, dann zehn Jahre in Rouen, wo die junge Ehefrau erst an der école normale für angehende Grundschullehrer und später, wie ihr Mann, an der Uni tätig war. 1974 schließlich der Umzug nach Gießen. Detmar Hönle wurde Lehrer an der Herderschule, Françoise Hönle Hausfrau und Mutter in Steinbach. Eine prägende Erfahrung. "Ich habe mich völlig fremd gefühlt", erinnert sie sich. "Trotz perfekter Sprachkenntnisse." Ihre Kinder, damals fünf, sieben und neun Jahre alt, hatten die nicht. Sie sprachen Französisch. Seither weiß die Mutter, welche Probleme das deutsche Schulsystem Ausländern bereiten kann. Sie hat damals mit den beiden Töchtern und dem Sohn Deutsch geübt. Es dauerte nicht lange, da saßen auch andere Kinder mit am Tisch, kleine Türken, die ebenfalls mit Sprachproblemen kämpften. Zusammen mit anderen hat Françoise Hönle dann in Steinbach eine Hausaufgabenhilfe aufgebaut. Das und ihr Engagement für die Turnabteilung des TV Steinbach haben ihr geholfen, am neuen Wohnort Fuß zu fassen.

Integration sollte für die Französin ein lebensbestimmendes Thema werden, auch, als sie sich beruflich wieder ihrem Heimatland zuwendete. Von 1989 bis 2000 arbeitete sie als Deutschlehrerin in Lothringen. "Ich bin gependelt, das war ein hartes Leben." Aber ein lehrreiches. An ihrem Collège in St. Avold gab es einen hohen Anteil an Migranten, Kinder von Bergarbeiten aus Marokko, der Türkei und Polen. 16-, 17-jährige Kerle aus einem schwierigen Milieu, das von Arbeitslosigkeit, Alkohol und Drogen geprägt war. "Andere Lehrer hatten Angst vor ihnen", erinnert sich Hönle. Doch die schmale Frau merkte: "Das liegt mir." Noch 20 Jahre später erinnert sie sich gerührt an den Abschied, den ihr die harten Jungs nach ihrer letzten Konferenz bereiteten. "Sie haben ein Spalier gebildet und mir alle ein Küsschen gegeben."

Zurück in Deutschland blieb sie der Arbeit mit Migrantenfamilien treu. Hönle engagierte sich im Licher Forum für Völkerverständigung, war fünf Jahre lang Vorsitzende des Kreisausländerbeirats und kümmerte sich um die Bewohner einer Gemeinschaftsunterkunft in der Gottlieb-Daimler-Straße in Lich. "Viele Kinder gingen in die Sonderschule. Dabei fehlten ihnen nur Sprachkenntnisse. Dagegen musste ich angehen. Ich kann Ungerechtigkeit nicht leiden."

Rückblickend spricht Hönle von der "schönsten Arbeit, die ich je hatte". Auch als die Unterkunft aufgelöst wurde, hat sie viele Kinder weiter betreut. Sie hat Türkisch und Kurdisch gelernt und sich für Menschen eingesetzt, die von Abschiebung bedroht waren. "Abschiebung ist ein Trauma, das bleibt. Das vergisst man ein Leben lang nicht. Ich würde mir bittere Vorwürfe machen, wenn ich nichts tun würde."

Hönle hat aber auch viele Menschen kennengelernt, die ihren Weg im fremden Land gemacht haben. Besonders in Erinnerung ist ihr eine Großfamilie geblieben. Kurden aus der Türkei. Sieben Kinder. Die Eltern Analphabeten und nicht erwerbstätig. "Aber sie haben sich gekümmert." Sechs der sieben Kinder haben Abitur gemacht." Sieben Kinder zu erziehen, das sei eine Lebensleistung, findet Hönle. "Wichtiger für die Gesellschaft, als wenn die Eltern arbeiten gegangen wären. Aber das wird nicht anerkannt."

Bis heute ist die Pädagogin aus Frankreich eine scharfe Kritikerin des selektiven deutschen Schulsystems geblieben. "Man kann sich eine erste Klasse anschauen und gleich sagen, wer später einmal aufs Gymnasium kommen wird." Selbst die Gesamtschule könne dieses System nicht erschüttern. "Es wird aufrechterhalten, um Privilegien zu schützen", ist Hönle überzeugt.

Ihren 80. Geburtstag am Sonntag wird sie nicht groß feiern. "Das ist mir nicht wichtig. Darüber mache ich mir keine Gedanken." Viel mehr beschäftigt sie die Zukunft des Forums für Völkerverständigung, dessen Vorsitzende Jutta Dörrenhaus kürzlich gestorben ist. "Wir wollen die Arbeit weiterführen." Und außerdem richtet sie ihren Blick auf den 14. März. An diesem Tag werden in Hessen nicht nur die Kommunalparlamente neu gewählt, sondern auch die Ausländerbeiräte. An ihrem Wohnort Lich will Hönle dazu beitragen, dass ein solches Gremium wieder zustande kommt. Als einstige Vorsitzende des Kreisausländerbeirats weiß sie um dessen Stellenwert: "Zu Diskriminierung darf man nicht schweigen."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare