Im Albertusgarten an der Burg Gleiberg wurden am Donnerstag noch die Tische gewischt, ab heute finden dort 100 statt normalerweise 160 Gäste Platz. FOTO: SRS
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Im Albertusgarten an der Burg Gleiberg wurden am Donnerstag noch die Tische gewischt, ab heute finden dort 100 statt normalerweise 160 Gäste Platz. FOTO: SRS

Nach acht Wochen

Zwischen Vorfreude und Existenzängsten - So starten die Ausflugslokale im Kreis in die neue Zeit

  • vonStefan Schaal
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Nach acht Wochen Corona-Pause öffnen heute die meisten Ausflugslokale im Kreis. Die Auflagen sind streng, die Verluste während der Schließung waren hoch. Und nicht jeder ist optimistisch.

Es sind Szenen, die fehlen. Die Abendsonne strahlt ins Gesicht, der Blick schweift in die grüne, weite Landschaft. Leises Stimmengewirr an den Nebentischen, Gläser klirren. Nach einem saftigen Steak streicht man über den Bauch, eine Kellnerin kommt an den Tisch. "Darf’s noch etwas sein?", fragt sie. Ab dem heutigen Freitag werden derartige Szenen in Gaststätten im Gießener Land wieder Wirklichkeit, wenn nach acht Wochen Corona-Pause die Biergartensaison verspätet startet.

Auf dem Gipfel des Vetzbergs öffnet Zorka Eckhardt am Mittwochnachmittag ihr Auto, sie hat Sonnenschirme gekauft. "Für das Plateau der Burgschänke", sagt sie. Die Stimme der Wirtin überschlägt sich, als sie sagt: "Ich freue mich auf die Öffnung." Unter den Auflagen wegen Corona könne sie knapp 40 Plätze bieten. Der Vetzbergverein habe ihr glücklicherweise in den vergangenen Wochen die Pacht erlassen, auch daher mache sie sich keine finanziellen Sorgen.

Gemeinsam mit der Biebertaler Bürgermeisterin, erzählt die Wirtin, habe sie kürzlich eine standesamtliche Trauung im kleinen Kreis in ihren Räumlichkeiten begleitet. "Nachbarn haben die Polizei gerufen, aber es war alles ordnungsgemäß." Eckhardt atmet tief ein. "Ich will wieder arbeiten."

75 000 Euro weniger Einnahmen

In den Ausflugslokalen herrschen neben Erleichterung allerdings auch Wut und große Sorgen um die Existenz unter den Wirten. "Durch die schlaflosen Nächte habe ich Kilos abgenommen", sagt Udo Schmidt vom Gasthaus Laubacher Wald.

In der Zeit der Schließung wegen Corona habe er 75 000 Euro Einnahmen verloren. Er habe Essen ausgeliefert und so versucht, die Verluste aufzufangen. Doch die idyllische Abgelegenheit der Gaststätte im Wald war in diesem Fall ein Nachteil. "In jede Richtung braucht man mindestens zehn Minuten, am Ende springt dabei 12,50 Euro für ein Schnitzel raus." Am Muttertag, einem der wichtigsten Tage für Ausflugslokale in der Frühlingssaison, habe er 38 Essen ausgeliefert. "Wir liegen bei sieben Prozent der Einnahmen im Normalbetrieb."

Die Öffnung heute freue ihn. "Die Sinnlosigkeit des morgendlichen Aufstehens ist zu Ende." Gleichzeitig spüre er die Schwere der Situation. 21 statt sonst 65 Plätze wird sein Lokal vom heute an bieten, nur jeden dritten Tisch wird er besetzen.

Hohe Geldbußen drohen

Der Aufwand ist hoch. Jeder Gast muss vorher reservieren und außerdem Name und Adresse hinterlassen. "Wenn ich dann sehe, dass Menschen aus drei Haushalten an einem Tisch sitzen wollen, muss ich mindestens einen der Gäste an einen anderen Tisch bitten."

Halten sich Gäste nicht an die Auflagen, drohen ihnen Geldbußen um 200 Euro. "Wir aber müssen in solchen Fällen mit bis zu 25 000 Euro haften", betont Schmidt. Auch wenn er Verständnis für die Maßnahmen habe, ärgern ihn die Auflagen. "Als würden wir nicht sowieso streng auf Hygiene achten", sagt er. "Als wären wir Seuchenschleudern." Der Kreis Gießen stehe, was die Krankheitsfälle mit Corona angeht, sehr gut da. "Für das wenige an Infektionen stehen wir kurz vor dem Konkurs."

Erlenhof in Wißmar bleibt zu

Auch an der Burg Gleiberg öffnet am heutigen Freitag die Gastronomie. 100 statt normalerweise 160 Gäste finden im Albertusgarten mit prachtvoller Kulisse Platz. Für die kleineren Gaststätten tue es ihm leid, sagt Geschäftsführer Axel Horn. Diese könnten aufgrund der Abstandsregeln kaum Platz schaffen.

Sechs Kilometer entfernt in Wißmar hat sich aus diesem Grund Steffi Rink entschieden, den Erlenhof vorerst geschlossen zu lassen. Unter den Auflagen rentiere sich der Aufwand nicht, sagt sie. "Bei mir trinken die Leute auch Alkohol, Gäste sind dann on fire. Da wird es schwer, Abstand zu halten." Sie wolle ihre Konzession nicht aufs Spiel setzen.

"Die Saison ist eigentlich gegessen"

Aus Sicht von Thorsten Scherer, der die Raststätte auf dem Dünsberg betreibt, geschehen derzeit zu viele Lockerungen auf einmal. "Wenn die Pandemie plötzlich stärker ausbricht, müssen wir wieder schließen."

Elyas Tan hat derweil auf der Terrasse der "Schönen Aussicht" in Staufenberg die Hälfte der Tische weggeräumt. "Wir haben zum Glück viel Platz", sagt er. Mit einem Ansturm an diesem Wochenende rechnet er nicht. "Die Menschen sind vorsichtiger geworden." Die Biergärten hätte man schon wesentlich früher öffnen können, glaubt der Staufenberger Wirt. "Wir haben Mitte Mai, das Wetter im März und im April war schön." Klar freue er sich auf das erste Wochenende nach der Zwangspause. "Aber die Saison ist eigentlich gegessen."

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