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LiteraTour in Hungen: Britta Ronthaler liest am Marktplatz Verse über die Auswanderung im 19. Jahrhundert.

Zwischen Heimat und Ferne

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Ein zweistündiger Spaziergang durch Hungen, Gedichte und Geschichten über Heimat und Fremde und ungeahnte Ausblicke: Mit der LiteraTour hat das Stadtmarketing bei der Europawoche neue Akzente gesetzt.

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt", behauptet ein Volkslied. "Wohin du auch in wilder Lust magst dringen, du findest nirgends Ruh, dichtet Josef von Eichendorff. Heimat und Ferne: Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich die zweite LiteraTour des Stadtmarketing Hungen. Etwa 20 Neugierige folgten neun Vorleserinnen und Vorlesern auf einem Spaziergang durch die Innenstadt und ließen sich von bekannten und unbekannten Texten inspirieren.

Beim Stadtmarketing gibt es eine Ideenschmiede, deren Mitglieder kontinuierlich über neue Formate nachdenken, die Hungen attraktiver machen könnten. Seit 2017 geht ein- bis zweimal pro Jahr sehr erfolgreich die "Tour de Shops" an den Start, eine besondere Stadtführung, die den Fokus auf Läden und Betriebe legt. Letztes Jahr kam dann die LiteraTour dazu, ein kleines Format von maximal zwei Stunden Dauer. "Man erlebt etwas, muss aber nicht gleich den ganzen Tag verbraten", erläutert Martina Beele-Peters, die Vorsitzende des Stadtmarketings, das Konzept.

Die Premiere mit kurzen Lesungen zum Thema "Natur" und einem Picknick an den Drei Teichen im vergangenen Sommer kam außerordentlich gut an. Dass es eine Wiederholung geben würde, war also ausgemacht. Und weil die diesjährige LiteraTour ins Programm der Euorpawoche eingebettet wurde, lag auch der thematische Schwerpunkt nahe: Heimat und Ferne.

Die Strecke, die vom Kulturzentrum über den Marktplatz, durch die Neugasse und, gemeinsam singend, ein Stück an der Horloff entlang zur Stadtkirche und weiter bis zum Schloss führte, hat Andrea Krüger ausgetüftelt. Aber die Vorleser - sieben Frauen, zwei Männer - sind in der Wahl der Texte frei. Die Auswahl ist also ganz persönlich. "Wer nie einen Schritt wagt, wird nie wirklich leben" heißt es zum Beispiel im Gedicht "Die Reise", das Martina Beele-Peters besonders angesprochen hat. Sie ist selbst weggegangen, nämlich aus ihrer Heimatstadt Hamburg "Ich bin Hamburger und ich bin stolz drauf. Aber ich habe an vielen anderen Orten Wurzeln geschlagen", erzählt sie. Andere legen den Fokus auf die Heimat. Etwa Maria Stiehl, die auf der Brücke über die rauschende Horloff Eichendorffs wehmütige Erinnerungen an das Schloss seiner Kindheit vorträgt. Oder Hannah Bender, deren Familie nachweislich seit 1526 in Hungen lebt und die sich für einen Text von Hoffmann von Fallersleben entschieden hat: "Kein Sehnen zieht mich in die Ferne, da wo ich bin, da bin ich gerne, denn meine Heimat ist mein Herz." Oder Inge Emmerich, die vor dem Haus ihrer Vorfahren Reime ihres Großvaters über ein Kuhgespann vorträgt. Auch Aspekte der Stadtgeschichte werden berücksichtigt. Britta Ronthaler liest am Marktplatz das Gedicht eines unbekannten Verfassers, der in die USA auswanderte und seine Hoffnungen enttäuscht sah. "Vielleicht war es ein Hungener", überlegt Ronthaler, denn auch von hier zogen Menschen im 19. Jahrhundert in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Westen. Etwas später erinnert Sabine Fellner von Feldegg am Liebfrauenberg vor den Stolpersteinen für die Familie Steinhauer mit einem Gedicht von Gert McKey an die jüdichen Einwohner Hungens, die nach 1933 vertrieben und ermordet wurden.

Als einziger Vorleser an diesem Nachmittag hat sich Pfarrer Marcus Kleinert für einen Prosatext entschieden. In der Chorkapelle der Stadtkirche liest er das bekannte Gleichnis vom verlorenen Sohn in einer unbekannten Version, nämlich in der Übersetzung von Walter Jens. Bevor Christoph Fellner von Feldegg auf der Schlossterrasse Brechts "Kinderhymne" liest und der Abend bei heimatlichem Handkäs und russischen Pelmeni ausklingt, erreicht die LiteraTour ihren Höhepunkt. Mehr als 70 Stufen müssen die Teilnehmer erklimmen, dann stehen sie oben im "Storchenturm", wo nicht nur Andrea Krüger mit Versen von Fontane auf sie wartet, sondern auch eine grandiose Aussicht über Hungen bis zum Hoherodskopf.

Auch zwei junge Frauen aus Syrien, die die LiteraTour über die gesamte Strecke begleitet haben, stehen neugierig am Fenster. Zum Thema Heimat und Ferne hätten sie sicherlich einiges zu sagen. Wo sie denn zu Hause sind? Die beiden lächeln ein bisschen scheu. "In Hungen."

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