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Wenn sie auftritt, sind alle Stühle gestellt und besetzt: Anne Christin Weisel aus Eberstadt ist diplomierte Opern- und Konzertsängerin und auf der Bühne in ihrem Element. Am 19. Oktober singt sie im Arnsburger Kloster.

Zwischen Bühne und Maislabyrinth

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Als Sechsjährige hatte sie ihre ersten Solo-Parts. Heute ist sie ausgebildete Opernsängerin. Anne Christin Weisel (36) hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und gibt ihr Können an andere weiter. Mitte Oktober tritt sie in Arnsburg auf.

Kurz nach elf am Mittwochmorgen. Das Maislabyrinth in Eberstadt hat gerade seine Pforten geöffnet. Noch ist nicht viel los, nur die Schüler zweier Klassen sind auf Erkundungstour. In einer Stunde werden sie zum Essen erwartet, weshalb sich hinter der Theke im Veranstaltungszelt bereits die Helfer besprechen. Es gibt viel zu tun auf dem Bauernhof der Familie Weisel, seit sie im Juli zum neunten Mal ihren biologisch abbaubaren Freizeitpark geöffnet hat.

Auch Tochter Anne Christin hilft, wo sie kann, obwohl sie beruflich gerade selbst viel um die Ohren hat. Nur noch dreieinhalb Wochen sind es bis zu ihrem Liederabend im Mönchssaal des Arnsburger Klosters, wo die diplomierte Opern- und Konzertsängerin - sie studierte an den Musikhochschulen in Frankfurt und Köln - am 19. Oktober mit Georg Klemp (Klavier) konzertiert. Ihr Thema: Les Tableaux d’Amour - Landschaften der Liebe.

Für diesen Abend hat das Duo Stücke unterschiedlicher Epochen, Komponisten und Dichter zu einem Zyklus zusammengefügt. "Wir stellen vier Gefühlszustände - die Landschaften der Liebe - in miteinander verwobenen, aber eigenständigen musikalisch-thematischen Facetten vor", sagt Weisel - das erste Verliebtsein, die wahre Liebe, den Verlust und die Verklärung. Und auch wenn die Sängerin bei zahlreiche Kompositionen auf ihr Repertoire zurückgreifen kann, muss sie sich dennoch intensiv auf das Konzert vorbereiten. Denn eineinhalb Stunden singen ist auch für einen Profi anstrengend.

Täglich übt Weisel mehrere Stunden dafür, singt sich ein, trainiert Atmung, Register, Höhen und Tiefen der Stimme und natürlich die Stücke selbst. "Das ist Sport für die Stimmbänder", sagt Weisel. Dazukommen die Treffen mit dem Pianisten, bei denen die beiden sich aufeinander abstimmen. "So ein Liederabend nimmt in der Vorbereitung sehr viel Zeit in Anspruch", sagt Weisel. Finanziell spiegelt sich das nicht wider. "Leben kann man davon nicht", sagt die 36-Jährige.

Aber das muss die diplomierte Gesangspädagogin auch gar nicht, denn sie hat sich auf dem Hof ihrer Eltern ein Studio eingerichtet, in dem sie sich der pädagogischen Arbeit widmet, Gesangsunterricht und Stimmbildungsseminare gibt. Und das läuft prächtig. Knapp 30 Schüler zwischen acht und 65 Jahren unterrichtet sie. An vier Tagen pro Woche. "Mehr geht zeitlich eigentlich nicht", sagt Weisel. Sonst müsste sie einen weiteren Tag dazu nehmen und Abstriche an eigener Stimmbildung und Projekten machen.

Ob sie schon immer Sängerin werden wollte? "Ja, etwas anderes kam für mich nie infrage", sagt Weisel. Ihre ersten musikalischen Erinnerungen reichen in ihre Kindheit zurück, als sie zunächst viel mit ihrem Vater und den Großeltern sang, später zudem bei der Dekanatskirchenmusikerin Ursula Starke - erst im Kinderchor, dann bei den Jugendlichen und schließlich in diversen Ensembles. "Sie hat mich stark geprägt", erzählt Weisel, deren gesangliches Talent sich früh abzeichnete. Bereits mit sechs Jahren hatte sie ihre ersten Solo-Parts bei Aufführungen. Im Rampenlicht zu stehen, machte ihr nichts aus. Im Gegenteil: "Auf der Bühne fühle ich mich wohl."

Als Achtjährige begann Anne Christin Weisel Melodika und Akkordeon zu lernen, mit neun Klarinette, mit zehn Orgel. Bis heute spielt sie letztere regelmäßig im Gottesdienst. "Mit dem klassischen Klavierunterricht habe ich erst mit Blick auf das Studium angefangen, weil ich es für die Aufnahmeprüfung brauchte", erzählt sie. Ebenso klassischen Gesangsunterricht.

Dass sie nicht ausschließlich als Konzertsängerin arbeitet, sondern einen Großteil ihrer Zeit mit der Ausbildung anderer verbringt, hat verschiedene Gründe. Der eine ist ihre pädagogische Ader, die sie während ihres Studiums entdeckt hatte. "Nach dem Abitur habe ich angefangen Klavierunterricht zu geben, um mir etwas dazuzuverdienen. Damals habe ich gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit mit anderen bereitet", sagt Weisel.

Zwei weitere Gründe sind, dass Musik ein hartes Geschäft, Ellenbogenausfahren aber nicht Weisels Ding ist und man als Profi sehr stark auf sich achten muss - auf seine Gesundheit, insbesondere auf die Stimme. Weisel sagt: "Man muss auf vieles verzichten, wenn man jede Woche parat stehen und singen muss." Und das betrifft auch die Familie. Letztere ist der Eberstädterin sehr wichtig, hat sie von Kindesbeinen an geprägt. Auf dem Aussiedlerhof mit Eltern, Großeltern und zwei Geschwistern aufgewachsen, wurden Feste wie Weihnachten und Geburtstage immer im großen Rahmen gefeiert, mit Onkels, Tanten, Cousinen und Cousins. "Das ist bis heute so", sagt Weisel.

Und deshalb stellt sie ihre eigene Stimmbildung auch hinten an, wenn gerade Hochsaison auf dem Lindenhof ist. Egal ob im Mais oder im Getreide.

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