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GAZ-Redakteur Rüdiger Soßdorf hätte gern im Alten Rathaus in Heuchelheim geheiratet.

Zwei Seiten

  • Burkhard Bräuning
    VonBurkhard Bräuning
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Die Gemeinde Heuchelheim hat zwei völlig verschiedene Seiten. Wenn man von Norden kommend den Kreisel verlässt und in die Rodheimer Straße einbiegt, rollt man durch ein nicht enden wollendes Industrie- und Gewerbegebiet. Das Weltunternehmen Schunk hat dort seinen Sitz. Und Rinn Beton- und Naturstein auch. Es gibt Einkaufsmärkte und kleine Betriebe.

Richtig schön ist das alles nicht, aber es bringt Geld in die Gemeindekasse. Die Gewerbesteuereinnahmen sind beträchtlich. Wir fahren an all dem vorbei, stellen unser Fahrzeug ab und laufen los. Wir wollen die andere Seite von Heuchelheim besuchen, die Schokoladenseite, wie Rüdiger Soßdorf sie nennt. Wir besuchen die dritte Gemeinde, für die er als Redakteur zuständig ist. Er kennt sich hier bestens aus - von 1987 bis 1999 hat er erst im Ortsteil Kinzenbach und dann in Heuchelheim gewohnt. Im Gleiberger Land fühlt er sich zu Hause.

Schon in den 1960er Jahren haben sich die beiden Dörfer Heuchelheim und Kinzenbach zur Gemeinde Heuchelheim zusammengeschlossen - lange vor der Gebietsreform. Hintergrund war damals der gemeinsame Bau einer Kläranlage. »Da ist man sich nähergekommen und hat die Fusion beschlossen«, erzählt Rüdiger.

Als der Kollege »so« Ende der 1980er Jahre nach Heuchelheim kam, war das die Zeit, als Minox und Rinn & Cloos, zwei Traditionsfirmen, aufgeben mussten. »Damit brach deutlich was an Gewerbesteuern weg. Heuchelheim ging in eine kleine Krise. Aber das ist Geschichte.« Heuchelheim schwimmt nicht im Geld, hat aber Spielraum für Investitionen. 2018 schrieb Rüdiger im Kreisteil der GAZ: »Am Haushaltsplan der Gemeinde fürs laufende Jahr gibt es wohl nichts zu mäkeln.« Und das gilt so ziemlich für jedes Jahr

Apropos Geld: Mit den Fördermitteln aus dem Programm »Einfache Stadterneuerung« hat Heuchelheim sich in den 1990ern schick gemacht. Häuser wurden renoviert, Stallungen in Wohnraum verwandelt. Das ist durch, aber Stillstand ist Rückschritt, sagen die Verantwortlichen offenbar und schauen weit in die Zukunft: Wie soll Heuchelheim im Jahr 2040 aussehen? Darüber berät eine Gruppe, zu der auch »einfache« Bürger gehören, also nicht nur Mandatsträger. Man will realistisch bleiben und sich nicht überheben wie damals, als auf der Lahn eine Regattastrecke gebaut werden sollte - olympiatauglich natürlich. Man hat sich auf der schönen Seite der Gemeinde für den Naturschutz entschieden.

Über die Brauhausgasse haben wir schon fast den Kreisel an der Bieber erreicht. Rüdiger bleibt stehen und zeigt auf das Alte Rathaus: »Das ist denkmalgeschützt, darin befindet sich unter anderem das Trauzimmer. Hätte es das damals schon gegeben, hätten meine Frau und ich darin geheiratet. Ganz toll da drin!« Wir gehen weiter bis zum Kreisel, schauen zum Flüsschen Bieber, der von Biebertal rüberkommt. »Was ich mir wünsche, ist eine Renaturierung des Bachs. Aber es gibt Bedenken, die Anwohner erinnern sich noch an die Zeit, als es hier oft Hochasser gab. Doch das könnte man schon im Zuflussbereich verhindern. Und einige Maßnahmen, auch an der Mündung in die Lahn, wurden ja durchgeführt

Rüdiger erzählt vom großen Brand in den 1860er Jahren, als ein Großteil des Ortes zerstört wurde. Er zeigt auf die vielen schönen Hofreiten, an denen wir vorbeikommen. Vor der Kirche bleiben wir stehen. »Das ist die Schokoladenseite von Heuchelheim. Und dann gibt es ja auch noch den Wald bei Kinzenbach, übrigens mein Lieblingsort in Heuchelheim, und natürlich die Seen an der Lahn. Ein Traum, wenn man so eine geschützte Flusslandschaft direkt vor der Nase hat.« Stimmt, und diese Seite von Heuchelheim ist die schöne, aber ohne die nicht so schöne wäre diese Seite nicht möglich.

»Dann möchte ich noch an den Heuchelheimer Schneeapfel erinnern, gezüchtet von der Baumschule Rinn, der ist echt lecker. Und an den Martinsmarkt im November - mit 120 Ständen rund um die Kirche. Ein Bus fährt vorbei: »Ach, Heuchelheim und Wettenberg profitieren von der Stadtbusanbindung.« Ich denke: Da, wo ich wohne, haben wir den »Kleinen Grimmicher«, einen Mini-Stadtbus. Der ist auch ganz nett. Aber die Lahn … Burkhard Bräuning

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