Aus zwei mach eins?

  • Rüdiger Soßdorf
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"Man kann überlegen, die Volkshochschulen zusammenzulegen und Synergieeffekte zu nutzen", sagt die FDP mit Blick auf die zwei Volkshochschulen in Lich und in der Stadt Gießen. Eine gute Idee? Die Mehrheit der Kreispolitiker ist eher skeptisch.

Wer einen Englisch-Konversationskurs sucht oder Ikebana für Fortgeschrittene, wird bei den Volkshochschulen fündig. Bildung ein Leben lang, das ist eine feine Sache. Wohnortnah wäre zudem schön, zeitlich passend - und kompetent in der Sache. Dann ist es dem erwachsenen Schüler zumeist egal, wer Träger des gewünschten Kursangebots ist. Im Kreis Gießen hat man sogar die Auswahl: Denn sowohl Landkreis als auch Stadt Gießen leisten sich eine eigene Volkshochschule.

Muss das sein? Eine Frage, die in der vergangenen Woche von der FDP gestellt worden ist. Dabei sind die Liberalen im Kreis Gießen nicht die ersten und einzigen, die die Notwendigkeit der Doppelstruktur hinterfragen. In der Vergangenheit haben dies Grüne, Freie Wähler und Union bereits zum Thema gemacht.

Es gebe in der Erwachsenenbildung mittlerweile zahlreiche Online-Angebote, die in Konkurrenz zur klassischen Volkshochschule stehen. Dass sich Landkreis und Stadt zwei Einrichtungen mit jeweils eigener Leitung leisten, die parallel Angebote zu gleichen Themen entwickeln, nennt die FDP "überholt":

Ist das mehrheitsfähig? Wäre Politik bereit, da was neu zu denken? Nachgefragt bei den andern Fraktionen im Kreistag. Das Ergebnis vorweg: Es überwiegt die Skepsis.

"Es ist immer sinnvoll, Synergien zu schaffen und zu nutzen", pflichtet Christian Zuckermann von den Grünen der FDP bei. Seine Fraktion hat sich seit bald zwei Jahrzehnten für eine deutlich engere Kooperation bis hin zur Zusammenlegung ausgesprochen. Aber er weiß auch: Dafür gab es trotz wiederholter Vorstöße keine politischen Mehrheiten. Vorteile sieht er wie die FDP darin, dass Ressourcen gebündelt, Fachkompetenzen stärker genutzt und das Angebot für die Bürger verbessert werden könnte. Ansatzpunkte seien die Verwaltung und der Pool der Dozenten. Die seit 2012 gepflegte engere Zusammenarbeit beider Einrichtungen, verbunden mit guten Leitungen, zeigt Zuckermann, "dass noch mehr möglich ist - bis zum Zusammenschmelzen". An den Grünen "wird eine solche Idee jedenfalls nicht scheitern", sagt Zuckermann.

Auch die Freien Wähler hatten solche Überlegungen bereits angestellt, erinnert Fraktionschef Günter Semmler. In einer ersten Reaktion kommt er allerdings zur Einschätzung, dass das Thema besser vor einigen Jahren zu diskutieren gewesen sei, als die Neubesetzung der Leitungen anstand. Aber, so seine Erinnerung: Die Stadt Gießen habe das nicht gewollt.

Die SPD, Mehrheitsfraktion in Stadt und Kreis, kommt zu einer ganz anderen Einschätzung: Eigenständig würden die Volkshochschulen den unterschiedlichen Anforderungen gut gerecht, die an Erwachsenenbildung in der Stadt beziehungsweise im ländlichen Raum gestellt werden. Fraktionsvorsitzende Sabine Scheele-Brenne sieht über die gute Kooperation hinaus keine Notwendigkeit für neue Überlegungen. Mit ihrer Zusammenarbeit hätten beide Volkshochschulen ihre Angebote für ihre Zielgruppen gut aufeinander abstimmen und ausbauen können. Mehr Synergien seien nicht zu erwarten, eher die Gefahr, dass bei einer Fusion der Service vor Ort abgebaut werde.

Auch die CDU-Opposition, zweitstärkste politische Kraft im Kreis, erteilt Fusions-Überlegungen heute eine Absage: Wichtiger sei stattdessen ein breites Angebot der Volkshochschule vor allem in der Fläche. Dafür würden die Strukturen geschaffen, sagt CDU-Fraktionschef Claus Spandau. 2011 noch hatte die Union über eine Fusion nachgedacht. "Für uns haben die Inhalte Priorität", verweist Spandau heute auch auf den Ausbau der Kooperation mit weiteren Bildungsträgern und der heimischen Wirtschaft. Die Kreisvolkshochschule brauche jetzt ihre Ressourcen, um neue Strukturen und Angebote umsetzen zu können. Sich in dieser Phase mit einer Fusion zu befassen, ist aus Unions-Sicht "der völlig falsche, unpassende Zeitpunkt". Reformbestrebungen, die aus der Volkshochschule heraus kämen, böten größere Chancen als eine "übergestülpte Fusion".

Noch harscher formuliert es Reinhard Hamel von der Gießener Linken: "Wieder einmal wird da aus Wahlkampfgründen eine Sau durchs Dorf getrieben". Seine Bedenken: "Immer wenn das Wort Synergie im Spiel ist, geht es ja letztlich um nichts anderes als Sparmaßnahmen. Da es von der FDP kommt, heißt dies: Personaleinsparung". Auch er sieht "sehr unterschiedliche" Verhältnisse in der Stadt und im Landkreis. Der Austausch von Leitern, Konzepten und Plänen findet ohnehin statt. Für mehr Abstimmung bedürfe es keiner Zusammenlegung.

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