Seit Juli 2010 ist Mario Binsch hauptamtlicher Kreisbrandinspektor. FOTO: CON
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Seit Juli 2010 ist Mario Binsch hauptamtlicher Kreisbrandinspektor. FOTO: CON

Zusammenlegung bietet Chancen

  • vonConstantin Hoppe
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Vor zehn Jahren wurde Mario Binsch aus Reiskirchen neuer Kreisbrandinspektor. Im Interview spricht er über Veränderungen in der Arbeit, die Zusammenlegung von Feuerwehren und besondere Einsätze.

Herr Binsch, wie hat die Situation rund um das Coronavirus Ihre Arbeit beeinflusst?

Corona stellt große Herausforderungen an die Verwaltung und die Feuerwehren. So musste bereits im März der Übungs- und Lehrgangbetrieb eingestellt werden. In der Corona-Zeit hat sich bewährt, dass wir unseren Verwaltungsstab hier haben. Derzeit sind wir in den Vorbereitungen, damit wieder Lehrgänge stattfinden können, insbesondere die Grundlehrgänge und die Lehrgänge für Atemschutzgeräteträger und Sprechfunk sind wichtig. Andere Lehrgänge können auch noch ausgesetzt werden.

Sie sind seit zehn Jahren im Amt. Wagen Sie mal einen Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie die Feuerwehr im Jahr 2030?

Voraussichtlich werden wir weniger Einsatzkräfte haben als heute - Zahlen wurden dafür allerdings keine ermittelt. Auch wird es vermutlich weniger Standorte geben. Viele Menschen wollen sich in ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht mehr langfristig binden, das trifft auch die freiwilligen Feuerwehren. Aber das ist ein Problem, das heute alle Vereine haben. Umso mehr muss dafür die technische Ausstattung angepasst werden.

Was meinen Sie damit genau?

Sie muss bedienerfreundlicher werden und ständig den immer schnelleren Entwicklungen angepasst werden. Sollten beispielsweise die Einsatzfahrzeuge und deren Beladung 25 Jahre lang halten? Bei der ständigen und schnelleren Weiterentwicklung der Technik kann man so auf jeden Fall nicht mithalten. Was wussten wir beim Kauf eines Feuerwehrfahrzeuges vor 25 Jahren von den Gefahren der Lithium-Ionen-Akkumulatoren, von Wasserstofftechnik in Fahrzeugen, vom Brandverhalten der unterschiedlichen Kunststoffe in Wärmeverbund-Systemen und deren Giftigkeit? Die Technik und damit die Ausbildung der ehrenamtlichen Einsatzkräfte muss weiter voranschreiten. Wer rastet, der rostet.

In den vergangenen Jahren hat sich bei der Feuerwehr einiges getan. Standorte wurden zusammengelegt oder mussten geschlossen werden. Die Klimaveränderung stellt neue Herausforderungen an die Einsatzkräfte. Wie hat sich die Feuerwehr im Landkreis entwickelt?

Leider hat über die letzten zehn Jahre die Zahl der Einsatzkräfte stetig abgenommen. Wir haben heute 14 Feuerwehrstandorte weniger als 2010 - ein Minus von 13 Prozent. Heute gibt es noch 93 Orts- oder Stadtteilfeuerwehren. Die meisten Standorte wurden aufgrund niedriger Mitgliederzahlen zusammengeführt. Durch Zusammenlegungen gibt es aber auch Chancen für die Feuerwehr - man bekommt im Schnitt bessere Technik, auch wenn letztendlich die Zahl der Fahrzeuge sinkt.

Und was hat sich bei der Arbeit der Feuerwehr verändert?

Die Klimaveränderung und auch der Ausbau kritischer Infrastruktur verändert hier einiges. Dazu boomt der Bausektor. Im vorbeugenden Brandschutz ist aufgrund der Baukonjunktur und der immer neueren Möglichkeiten im Baurecht die Anzahl der Sondergebäude im Landkreis in den letzten fünf Jahren um 32 Prozent gestiegen. Das sind derzeit 1249 große Gebäude, bei denen im Brandfall viele Menschen betroffen sind. Die Brandschutzkonzepte der Architekten und Fachplaner werden immer umfangreicher und komplexer, daher steigt der Arbeits- und Prüfaufwand erheblich, was immer nur mit zusätzlichem Personal abgefangen werden kann. Das geht mit einem Mehraufwand von Mitarbeitern im Fachdienst einher und hat zudem Auswirkungen auf die Feuerwehreinsätze.

Gab es in diesen zehn Jahren besonders schwierige Entscheidungen?

Ich treffe viele Entscheidungen. Wenn diese gut vorbereitet und mit einem breiten Konsens versehen sind, fällt es leicht. Bedauerlich ist es, wenn ich Entscheidungen gegen die Vorstellungen von Ehrenamtlichen treffen muss: Bisweilen möchten engagierte Feuerwehrangehörige Führungsaufgaben übernehmen, wenn diese aber noch nicht ausreichend ausgebildet sind, geht das leider nicht. Dies mag nicht immer jeder verstehen wollen. Doch auch so etwas gibt es. Da lautet mein Leitspruch: Wer mit Menschen umgeht, muss Menschen gerne haben, sonst wird das nichts.

Gibt es Feuerwehreinsätze, die Ihnen noch gut in Erinnerung geblieben sind?

Es gibt viele Einsätze, die mir in guter Erinnerung sind, dann, wenn man helfen konnte. Und es gibt viele Einsätze, wo ich mich geärgert habe, weil Maßnahmen nicht gut gelaufen sind, weil Anregungen von den Einsatzkräften vor Ort nicht aufgenommen wurden und ich eingreifen musste. Es gibt auch viele Einsätze, die in Erinnerung bleiben, weil großes Leid und Trauer zurückbleiben, wo man nicht mehr helfen konnte. Und es gibt Einsätze, wo ich lieber nicht gewesen wäre, sondern mit meiner Familie oder Freunden etwas unternommen hätte, aber man kann sich die Zeiten nicht aussuchen. Wenn der Piepser ruft, geht es los - aber das ist etwas, das jedem Feuerwehrmitglied so geht.

Was sind Ihre Höhepunkte aus den vergangenen zehn Jahren?

Ich finde es besonders positiv, dass wir die Dinge mit den Leitern der Feuerwehren und dem Kreisfeuerwehrverband gemeinsam besprechen und oft einstimmig oder zumindest mit großer Mehrheit Kompromisse finden, wie wir uns im Sinne der Bürger immer am Stand der Zeit anpassen und weiterentwickeln. Trotz aller Unstimmigkeiten ist es uns immer gelungen, miteinander zu sprechen und nicht übereinander. Auch dass die Zusammenarbeit mit anderen Kommunen - auch über die Landkreisgrenzen hinaus - so gut klappt, ist etwas Besonderes.

Haben Sie ein Beispiel?

Da hatten wir zum Beispiel im vergangenen Jahr den Fall, dass nach dem Starkregenereignis in Gießen Feuerwehren aus dem ganzen Kreis und auch aus dem Lahn-Dill-Kreis zur Unterstützung nach Gießen eilten.

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